Winfried Härpfer

Des Pfarrers Suche nach dem Fußballgott

von Torsten Haselbauer

Zum guten Schluss, Ende Dezember, ging alles ganz schnell. Boris Notzon, der Chef der Scoutingabteilung des 1. FC Köln rief mitten aus einer Sitzung bei Wilfried Härpfer an. Es war dringend. Härpfer sollte auf einer Seite mal eben das Wichtigste über Derek Owusu Boateng zusammenfassen. Denn der Bundesligaaufsteiger und sein Cheftrainer Christoph Daum suchten nach Verstärkung. Möglichst schon zur Rückrunde.
Boateng also stand auf der Tagesordnung, und das hieß mal wieder Arbeit für Wilfried Härpfer. Das angeforderte Dossier über den 25-jährigen Nationalspieler aus Ghana, der seit 2006 bei dem israelischen Meister Beitar Jerusalem unter Vertrag steht, landete kaum eine halbe Stunde später in der Domstadt. Das fiel Wilfried Härpfer nicht einmal schwer. Schließlich hat er Boateng bereits seit einigen Monaten »auf dem Schirm«, wie er sagt.
Härpfer kennt den robusten Mittelfeldspieler ausgesprochen gut. Woche für Woche schaut er die Spiele der israelischen ersten Liga über seinen Computer als Livestream. Dafür hat er sich das Auslandsprogramm des Fernsehfußballkanals »Sports 5« freischalten lassen. 70 Euro kostet das Jahresabo. Zudem liest Härpfer unzählige Fußballartikel aus den israelischen Zeitungen, holt sich Infos von Journalisten vor Ort.
Härpfer genießt in Deutschland nämlich den Ruf eines führenden Experten des israelischen Fußballs. Zu diesem Thema berät er den 1. FC Köln. Im Hauptberuf aber ist Wilfried Härpfer etwas anderes: evangelischer Pfarrer in dem schwä-
bischen Ort Kocherstetten.
Wenn Härpfer seine Kanzel verlässt, seine seelsorgerischen Aufgaben für die 800 Mitglieder starke Gemeinde erfüllt hat, dann widmet er sich der israelischen Fußballliga. Der 46-jährige Pfarrer ist einer der rund 30 »Fahnder« im global verzweigten, engmaschigen Netz des Talentscouts-Systems des 1. FC Köln mit Namen »SportsLab«. »Wir sind eine Art Informationsbeschaffer für den Verein«, erklärt Härpfer. Die rund zehn Stunden, die er Woche für Woche in die Beobachtung der israelischen Liga investiert, übrigens ehrenamtlich, sind stark von Videoanalyse und Spielstatistik geprägt.
Wenn der FC Köln, wie im Falle von Derek Boateng, einen Kicker im Visier hat, dann liefert Härpfer weit mehr als nur fußballerische Hardfacts, wie etwa der konditionelle Zustand des Spielers, sein Spielverständnis oder sein Durchsetzungsvermögen. »Bei Boateng habe ich zusätzlich eine Art Sozialprognose gestellt. Wie hat er sich in Jerusalem in das Team, aber auch in den israelischen Alltag integriert?«, erklärt Härpfer. Boateng gilt nämlich als ein auffälliger Querkopf, ein launischer Einzelgänger, der sich nur ungern anpasst. Offenbar ist der Nationalspieler aus Ghana jedoch durch seinen Aufenthalt im Heiligen Land geläutert. So jedenfalls lautet die aktuelle Einschätzung von Härpfer, die er nach Köln übermittelte. Und Boateng will, dass man ihm das glaubt. »Ich lese jeden Tag in der Bibel«, teilte er der Bildzeitung mit.
Für den Pfarrer aus dem Schwäbischen hat sich vor knapp zwei Jahren ein langer, weiter Kreis geschlossen. Dann nämlich, als Härpfer über eine Anzeige auf »SportsLab« des obersten Kölner Talentspähers Notzon aufmerksam wurde. Notzon suchte für sein hochmodernes Spielerinformationssystem Scouts. Auch für die israelische Liga. »Voraussetzung war das Be-
herrschen der Landessprache, eine fundierte Kenntnis der Liga und jede Menge Fußballsachverstand.« Härpfer kickte selbst in der Bezirksliga, und als studierter Theologe ist er sicher in der Neu- wie Althebräi. Bei unzähligen, mitunter ausgedehnten Israelaufenthalten erwarb er sich einen tiefen Einblick in die Kultur Israels – und in den Fußball. Wilfried Härpfer bewarb sich dann 2007 in Köln als Talentscout, reiste zu einer Art Vorstellungsgespräch in die Geschäftsstelle des 1. FC Köln – und wurde genommen.
Dass Härpfer FC-Köln-Fan ist, steht außer Frage. Als 6-jähriger Junge verfolgte er mit seinem Vetter die Sportschau. Damals zeigte der FC Köln ein spektakuläres Spiel. »So wurde ich zum Köln-Fan«, erinnert sich der Pfarrer an den Beginn seiner großen, ewigen Vereinsliebe. Fortan verfolgte er die Spiele seines Klubs, schwärmte für den Kölner Spielmacher Wolfgang Overath. Zwar schaut seine Gemeinde den fußballverrückten Pfarrer und Talentscout mitunter etwas schräg an. »Aber vor allem, weil bei uns die meisten hier VFB-Stuttgart- oder Bayern-München-Fans sind«, vermutet der Theologe.
Zwei bis drei Spieler aus der israelischen Liga nimmt der protestantische Schwabe Härpfer jede Saison für den FC Köln in den analytischen Augenschein. Zunehmend richtet sich sein geschulter Blick auf den israelischen Nachwuchs. »Der Trend geht dahin, junge Spieler zu verpflichten. Die sind noch nicht so teuer und können sich noch spielerisch wie physisch entwickeln«, begründet Härpfer diese Strategie. Junge israelische Spieler unter 18 Jahren sind beispielsweise schon beim FC Barcelona oder dem Chelsea FC unter Vertrag und sicher bald auch in der Bundesliga. Am 22. Januar 2009 gab der 1. FC Köln die Verpflichtung von Derek Boateng bekannt.

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