Medizin

Der Zauberstab

von Wladimir Struminski

Dass es das Zeug hat, die Medizin zu revolutionieren, merkt man dem kleinen Gerät auf den ersten Blick nicht an. Es ist handlicher als der Metalldetektor, mit dem Fluggäste auf verdächtige Gegenstände überprüft werden. Allerdings sucht es nicht nach Waffen, sondern nach Anzeichen für Erkrankungen. Die Bedienung ist einfach: Innerhalb von nur sieben Minuten tastet der medizinische Assistent die Haut des Patienten ab. Zehn Minuten später hat der Hausarzt die Auswertung beendet und erkennt mit hoher Wahrscheinlichkeit, welches Organ im Körper des Patienten Funktionsstörungen aufweist. Und weil dieses Wunder der Technik Gefahren bereits im Frühstadium zu erkennen vermag, bleibt in den meisten Fällen Zeit für Prävention oder Heilmaßnahmen.
Das kompakteste und vielseitigste Diagnosegerät der Welt heißt Medex Test und wurde von dem israelischen Start‐up Medex Screen entwickelt. Das Prinzip, auf dem es basiert, ist seit Langem bekannt: Innere Erkrankungen führen zu Veränderungen im autonomen Nervensystem und verändern die Leitfähigkeit der Haut. Die wissenschaftliche Erforschung dieses Phänomens begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts. In den 50er‐Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelten japanische Wissenschaftler ein Gerät zur Messung des elektrischen Hautwiderstandes, das Störungen der Nierenfunktion aufdecken konnte. Allerdings blieb die neue Technik mehrere Jahrzehnte lang auf kleine Nischen, einzelne Krankheiten oder spezielle Behandlungsmethoden beschränkt, beispielsweise auf die Bestimmung von Einstichstellen bei der Akupunktur. Das Haupthindernis bei der Erweiterung des Einsatzfeldes war die ungenügen‐ de Fähigkeit, die Messergebnisse in eine umfassende Diagnose zu übersetzen.
Dieser Aufgabe widmete sich in den 90er‐Jahren der Moskauer Neurologe Alexander Kanevsky. Kanevsky verbesserte die Sensortechnik, entwickelte entsprechende mathematische Algorithmen und führte neuartige Methoden der Hautstimulation ein. Vor acht Jahren wanderte er nach Israel ein und führte das Projekt dort nahtlos weiter. Schon kurz nach der Immigration war er einer der Gründer von Medex Screen, als deren medizinischer Direktor er heute fungiert. Mit Fördermitteln des Industrieministeriums nahm die in Omer bei Beer‐Schewa ansässige Firma die Entwicklung des Diagnosestabes in Angriff. Im darauffolgenden Jahr wurde Medex Test erstmals in klinischen Untersuchungen eingesetzt. Danach entwickelte Kenevsky das Produkt mit Hilfe eines Mathematikers, eines Statistikers und eines Softwareingenieurs zur Marktreife. In der heute feilgebotenen Version werden die an der Haut des Patienten gemessenen Widerstandswerte mit einem speziellen Computerprogramm in ein umfassendes und schlüssiges Symptombild umgewandelt. Die Messung ist schneller, genauer und – für die Mediziner wichtig – wiederholbar geworden.
Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Die Wahrscheinlichkeit, vorhandene Funktionsstörungen im Körper aufzudecken, liegt bei 80 bis 85 Prozent. Durch anhaltende Forschung soll die Treffsicherheit weiter erhöht werden. Eines der wichtigsten Einsatzgebiete ist die Früherkennung von Krebserkrankungen. »Anhand unserer Untersuchung«, sagt Kanevsky der Jüdischen Allgemeinen, »können wir erkennen, ob das betreffende Organ von einer Geschwulst befallen ist. Ob es sich um einen bösartigen Tumor oder etwa Polypen handelt, wissen wir nicht. Allerdings wird der behandelnde Arzt unverzüglich weiterführende Maßnahmen veranlassen«. Brust‐ oder Prostatakrebs lassen sich ebenfalls gut feststellen. Das Gerät schlägt aber auch bei Lungenproblemen, Blutunterversorgung des Herzens und Metabolismusstörungen der Nieren Alarm. Damit lassen sich Herzinfarkte, Nierensteine und viele andere Leiden verhindern. Bei Bluthochdruck vermag Medex Test in der Regel die genaue Ursache und damit die zugrunde liegende Krankheit zu ermitteln. Frühdiagnose ist aber nicht nur bei lebensbedrohlichen Krankheiten möglich. So lassen sich etwa Probleme in Blutgefäßen, wie sie bei der Bildschirmarbeit häufig auftreten, rechtzeitig diagnostizieren. Damit kann der Arzt vorbeugende Sport‐ und Gymnastikübungen verordnen, noch bevor es zu Rückenschmerzen und Migräne kommt.
»Es ist möglich«, erläutert Erfinder Kanevsky, »mit Hilfe von Medex Test umfassende Vorbeugeuntersuchungen durchzuführen«. Damit ließen sich nicht nur Menschenleben retten, sondern auch die Kosten im Gesundheitswesen senken, ist doch Prävention meist billiger als die Behandlung manifester Krankheiten. Auch die Einarbeitung in die neue Technik ist relativ einfach. Hausärzte lernen in einem Lehrgang von lediglich 17 Stunden, die Untersuchungsergebnisse des Diagnosestabes zu deuten. Zu guter Letzt ist die Untersuchung nichtinvasiv und strahlungsfrei.
Der kommerzielle Erfolgstest steht allerdings noch bevor. Zwar ist Medex Test bereits in Israel, der EU und einigen anderen Ländern zugelassen, doch wurden bisher lediglich 150 Diagnose‐Sets verkauft. Damit ist der Weltmarkt nicht einmal ansatzweise angezapft. In den nächsten Monaten und Jahren muss das kleine Unternehmen Gesundheitsbehörden, Krankenkassen, Kliniken und Ärzte vom Nutzen seiner Erfindung überzeugen. Bei der bekannten Schwerfälligkeit der Medizinverwaltungen ist das keine leichte und vor allem keine billige Mission. Deshalb wären die Pioniere aus dem Negev der Zusammenarbeit mit einem strategischen Partner, der ihnen das Entrée zum weltweiten Markt für Medizintechnik verschafft, nicht abgeneigt.

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