integrationsdebatte

Der Weg nach Westen

Der eingewanderte Prediger war höchst umstritten. Er gehörte zu denen, die ihren Religionsgenossen den Eintritt in die europäische Gegenwart ebnen wollten. Die religiös begründete Unterdrückung der Frau zu durchbrechen, war ihm ein besonderes Anliegen, sie vom entwürdigenden Zwang zu befreien, den Kopf zu bedecken, die »Schandenhaube« fortzunehmen, wie er es nannte. Im Gottesdienst forderte er die Verwendung der deutschen Sprache und mit der Eröffnung des modernen Gebetshauses an seinem neuen Wirkungsort vollzog er auch architektonisch die Anpassung an die europäische Aufklärung. Dann attackierte er die mafiosen Strukturen in der Gemeinde, in der einige Clanchefs an der religiösen Praxis der Gemeindemitglieder verdienten und Ämter missbrauchten. Das war zu viel.

lebenslügen Nicht zum ersten Mal wird in Europa über Konflikte zwischen Mehrheit und Minderheiten, über das Verhältnis der Religionen und die Grenzen zwischen Traditionen, Glaubenssätzen und zivilisatorischen Spielregeln verhandelt. Auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt – wenigs‐tens damit hatte der alte Marx offenkundig recht: Was einst Tragödie war, kehrt allenthalben als Farce wieder. Das gilt auch für die Art und Weise, wie heute über Integration und Einwanderung geredet wird.
Seit 50 Jahren betreiben Deutschland und Österreich inzwischen eine aktive Einwanderungspolitik. Nur tat man die längs‐te Zeit so, als wüsste man davon nichts. Man holte Arbeitskräfte für unqualifizierte Tätigkeiten aus Armutsgebieten ins Land und wundert sich nun, dass Menschen kamen, die bleiben wollten. Man förderte die Einwanderung von Menschen mit wenig Bildungsressourcen und wundert sich, dass deren Kinder beim Eintritt in die Bildungslaufbahn vor einem Problem stehen. Man grenzte und grenzt weiter Menschen aus, symbolisch, physisch, materiell, und wundert sich, dass manche von ihnen ihr Heil bei radikalen Predigern suchen, die ihnen einreden, die Welt würde ihnen gehören, weil sie den wahren Glauben besäßen. Man weiß, dass man auch in Zukunft auf Einwanderung angewiesen sein wird, wenn Mitteleuropa ökonomisch in Zukunft mehr sein möchte als ein großes Freilichtmuseum, und tut dennoch so, als könne man die Menschen einfach wieder »nach Hause« schicken, wenn es mit ihnen nicht ganz so klappt, wie man sich das vorstellt. Wir leben in einer globalisierten Ökonomie mit riesigem Entwicklungsgefälle. Von diesem Gefälle lebt unser Wohlstand. Natürlich produziert dieses Gefälle Spannungen. Und jetzt stellen wir verwundert fest, dass Einwanderung auch bedeutet, dass solche Spannungen nicht mehr an Grenzen haltmachen, sondern mit den Menschen in der Welt herumspazieren.

ressentiments Statt darüber zu reden, dass viele muslimische Einwanderer offenkundig Probleme haben (mit uns, mit sich, mit den Ansprüchen einer Bildungsgesellschaft, mit ihren mitgebrachten Traditionen), wird so getan, als seien sie selbst das Problem. Statt sich darüber Gedanken zu machen, wie unsere Gesellschaft eine Identität entwickeln könnte (und Symbole da‐für), die Menschen, die neu dazukommen, hineinholt, aufnimmt und auf Spielregeln verpflichtet, macht man sich Gedanken darüber, wie man sie am besten abstoßen kann, durch den demonstrativen Verweis auf jene Bestandteile »unserer« Kultur, die nicht teilbar, nicht integrativ sind: Geschichte und Religion. Statt darüber zu reden, wie Kinder aus Migrantenfamilien besser Deutsch lernen können (durch Sprachförderung im Kindergarten, durch Ganztagsschulen„durch Anreize und, ja ‚auch durch Druck auf die Eltern, Angebote, wenn es sie denn gibt, auch wahrzunehmen), tut man so, als sei es Bosheit und islamische Perfidie, dass sie einfach nicht Deutsch sprechen wollen. Man redet nicht darüber, welche Standards Moscheebauten und Gottesdienste erfüllen müssen, um tatsächlich ein Zeichen der Offenheit und der Teilhabe zu sein. Stattdessen erklärt man Minarette zum Symbol des Kulturkampfs und den Islam schlechthin zum Feind.

ideologie Man könnte darüber sprechen, was es heißt, dass der Islam vor einer ganz neuen Entwicklung steht: nämlich als Minderheit in einer Diaspora zu existieren und sich damit zu verändern. Also das zu tun, was alle anderen Religionen und »Kulturen« auf ihre Weise auch getan haben, zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in un‐
terschiedlicher Form. Das kann man Integration nennen, oder auch Assimilation, Adaption oder Akkulturation (um das komplizierteste Wort zu verwenden). Stattdessen floriert die Ideologie vom Kampf der Kulturen. Wir in unserem Wohlstand wissen dann, dass die »Anderen« arm sind, weil sie eine fortschrittsfeindliche Kultur haben. Und die wissen, dass wir reich sind, weil wir eine oberflächliche, materialistische, ausbeuterische Kultur haben. So sind immer alle im Recht. Jeder muslimische Macho, der keine Lust hat, sich von seiner Frau dreinreden zu lassen, kann behaupten, er stünde im Kampf um die göttlichen Werte des Islam gegen die Anarchie der westlichen Unkultur. Und jeder christliche (oder auch jüdische) Fundamentalist, der seine Ressentiments gegen »andere« kultiviert, kann jetzt davon faseln, dass er die europäischen Werte der Aufklärung beschützen will, wo es in Wahrheit um das Gegenteil geht, nämlich Europa im Kopf wieder in die Zeit vor der Aufklärung zurückzukämpfen – eine Zeit, in der wir unseren Frauen selber noch Kopftücher und Scheitel aufsetzen durften.

déjà‐vu Der Tod kam mit Gift, und fast wäre die ganze Familie des Predigers dem Anschlag der Fundamentalisten zum Opfer gefallen. Die Affäre wurde von Teilen der Öffentlichkeit begierig aufgenommen. Es waren unruhige Zeiten. Und die Gesellschaft war noch lange nicht bereit, die religiöse Minderheit in ihrer Mitte wirklich zu akzeptieren. So war auch der Mord kein gutes Zeichen für die Integration, die man zugleich einforderte. Die Rückständigkeit dieser fremden Kultur, sie lag für die meis‐ten auf der Hand, die Stimmen wurden lauter, ihre Vermehrung und Verbreitung einzudämmen, sie in ihre Schranken zu verweisen.
Nun ja, das Ganze ist eine Weile her, 151 Jahre. Abraham Kohn hieß der Prediger, ein Rabbiner, der in der jüdischen Gemeinde Hohenems die Reform eingeführt und 1844 nach Lemberg weitergezogen war. Dort geriet er in den mit voller Schärfe ausgebrochenen Konflikt zwischen Orthodoxie und Reform. Für den Vertreter eines europäisch‐modernen Judentums war die Zeit in Lemberg offenbar noch nicht reif. 1848 wurde Kohn von Orthodoxen ermordet.

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