Frankfurt/Main

Der Versöhner

Als Ignatz Bubis vor zehn Jahren als amtierender Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland starb, verlor auch die jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main ihren Vorsitzenden. »Aber hier wie dort spüren wir beim Zusammenleben noch heute das einmalige Vermögen Bu-
bis’, in Debatten zu gehen und gleichzeitig zu versöhnen«, sagt sein langjähriger Freund Salomon Korn, heute Vizepräsident des Zentralrats. Ganz ähnlich sind die Erinnerungen des Frankfurter FDP-Vorsitzenden Dirk Pfeil. »Seit Bubis’ Zeiten gibt es bei der FDP in Frankfurt parteiintern keine Fraktionen mehr«, rekapituliert Pfeil.

organisationstalent Im Gemeindezentrum der jüdischen Gemeinde stehen heute noch die italienischen Sitzmöbel, für die Bubis vor mehr als 20 Jahren mit Korn über die Alpen gefahren ist. »Er hatte die Stühle irgendwo in Italien günstig aufgetrieben«, erinnert sich Korn, der – wie seinerzeit Bubis – der jüdischen Gemeinde in Frankfurt vorsteht. »Er war eben auch ein Praktiker und ein Organisationstalent.« Mehrere Hundert Telefonnummern habe Bubis im Kopf gehabt und »unglaubliche Kondition« besessen.
Der am 12. Januar 1927 in Breslau (heute Wroclaw) geborene Bubis war 1945 nach Deutschland gekommen, nachdem er während der Nazi-Herrschaft Vater, Mutter und zwei Geschwister verloren hatte. Seit 1956 lebte er mit seiner Frau Ida in Frankfurt, wurde Immobilienhändler, trat 1969 in die FDP ein und folgte 1992 Heinz Ga-
linski im Amt des Vorsitzenden des Zentralrats. »Er war in den Medien als hochpolitischer Mensch präsent«, erzählt Korn, »aber abseits der Öffentlichkeit ein nimmermüder Organisator.«
Bubis habe sich als Erster für den Bau eines Gemeindezentrums, eines jüdischen Kindergartens und eines jüdischen Altenheims – heute Institutionen des jüdischen Lebens in Frankfurt – eingesetzt, berichtet Korn. »Ohne ihn sähe die Stadt heute anders aus.« Zu dieser Geschichte gehört auch, dass der seinerzeit als »Spekulant« kritisierte Bubis im Ende der 60er-Jahre entbrannten Frankfurter Häuserkampf fast sein gesamtes Vermögen verlor. Ob-
wohl Bubis die Kritik an seiner Person als »Antisemitismus der politischen Linken« bezeichnete, galt er in den 70er-Jahren in der FDP als Vertreter des linken Flügels.
Trotz seiner Streitfreudigkeit und seiner politischen Positionierungen sei er in der Partei eine »Integrationsfigur« gewesen, sagt Frankfurts FDP-Chef Pfeil. »Mit ihm als OB-Kandidat gelang uns 1997 der Wiedereinzug in den Stadtmagistrat.« Bubis’ wohnungsbau- und sozialpolitische Positionen hätten damals auch bei den Grünen Anerkennung gefunden, erinnert sich Pfeil. »Das hat bei uns für Debatten gesorgt.« Gleichzeitig sei Bubis »unkompliziert« und »kein Anhänger von political correctness« gewesen. »Dass wir inzwischen in Frankfurt ohne parteiinterne Flügel auskommen, ist ein Verdienst von Ignatz Bubis.«

hilfesteller Das »Bild vom Juden, wenn nicht vom Ostjuden« sei heute in Deutschland von einigen Vorurteilen befreit, resümiert Korn, »das hat Bubis in seinem persönlichen Auftritt erreicht«. Nie habe sich der geborene Breslauer einem Hilferuf versagt. »Dabei hat er immer mehrere Dinge gleichzeitig erledigt.« Korn erinnert sich an Autobahnfahrten, bei denen sich Bubis bei Tempo 200 hinter dem Steuer seines Mercedes-Coupés den Hörer eines riesigen Funktelefons zwischen Ohr und Schulter klemmte, um für ein Gemeindemitglied eine Kiosk-Lizenz zu organisieren.
Bubis’ Debattenpräsenz litt darunter nicht. Seine letzte öffentliche Auseinandersetzung führte der am 13. August 1999 an Knochenkrebs gestorbene Bubis mit dem Schriftsteller Martin Walser, der 1998 bei seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in in der Frankfurter Paulskirche von Auschwitz als »Moralkeule« sprach. »Repräsentanten der deutschen Politik brachten stehende Ovationen dar«, erinnert sich Korn. Nur Bu-
bis und seine Frau Ida seien versteinert auf ihren Plätzen sitzen geblieben. »Umgeben von Menschen«, sagt Korn, »waren Ida und Ignatz Bubis in diesem Augenblick einsam.«
Nicht zuletzt diese Erfahrung, hat Bubis’ stets optimistisches Denken einen Schlag versetzt. In den letzten Monaten seines Lebens wurde er zunehmend nachdenklich. Offensichtlich war das deutsch-jüdische Verhältnis doch noch nicht so fortgeschritten, wie er es glauben wollte.
Bereits an den Rollstuhl gefesselt, konnte er im April 1999 zwar noch die Einweihung der ehemaligen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in der Berliner Tucholskystraße als neuen Hauptsitz des Zentralrats erleben. Doch die Stimme des ehemals kleinen rundlichen Mannes war brüchig. Seine Zuversicht gebrochen. »Was habe ich denn wirklich erreicht«, fragte er skeptisch geworden und verfügte in seinem letzten Willen, in Israel beigesetzt zu werden.

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sanktionen

Iran will weiter internationale Ziele anfliegen

Ab Mittwoch sollen iranische Airlines nach Worten der US-Regierung internationale Ziele nicht mehr anfliegen können. Die zivile Luftfahrtbehörde in Teheran widerspricht

 23.09.2026

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Berlin

Gideon Joffe: »Mit Elif Eralp wird Geis zur Gärtnerin gemacht«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mahnt, dass die Hauptstadt vor massiven Herausforderungen stehe

 22.09.2026

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026