Zugvögel

Der Überflieger überdrüssig

von Sabine Brandes

Eigentlich sind sie recht angenehme Gäste. Verlangen nicht viel mehr als einen sicheren Ort, etwas Ruhe und Futter. Vogelfreunde und Forscher heißen sie jedes Mal aufs Herzlichste willkommen – lokale Bauern und Fischzüchter jedoch würden sie am liebsten nur aus großer Ferne sehen. Die Zugvögel, die auf ihrer anstrengenden Reise von Europa nach Afrika im Norden Israels Rast machen, sind ein großes Ärgernis, wenn sie sich an den mühsam angelegten Feldern und Teichen laben.
Alle Jahre wieder lassen sie sich an ein und demselben Ort nieder. Zu Beginn des Winters und Frühjahres verwandeln Hunderttausende gefiederter Besucher die Seen und Sumpflandschaften des Hula‐Tals in das reinste Vogelparadies. Ornithologen verfallen ob der Vielfalt regelmäßig in Ekstase: Kraniche, Pelikane, Flamingos und viele andere Arten, einige davon vom Aussterben bedroht, werden studiert und katalogisiert. Besucher aus der ganzen Welt reisen an, um das besondere Naturschauspiel anzusehen.
Die Schönheit der Vögel bezaubert die Farmer wenig. Letzte Woche riss ihnen endgültig der Geduldsfaden. Mit großem Bohei fielen sie ins Hula‐Tal ein, »rasten wie wild auf dem Gelände herum, blockierten den Eingang, erschreckten Besucher, zündeten Feuerwerkskörper und schossen auf die Vögel«, wie Augenzeugen später berichteten. Vier Bauern aus der Gegend wurden von der Polizei in Kiriat Schmona vorläufig in Gewahrsam genommen.
Die Gesellschaft für den Schutz der Natur in Israel (SPNI), die das ornithologische Zentrum betreibt, zeigte sich geschockt: »Das ist Terror gegen Touristen und Tiere im Hula‐Tal. Dieses Verhalten steht in direktem Gegensatz zum Gesetz und den Genehmigungen, die die Landwirte erhalten haben.« Es sei inakzeptabel, dass diese Leute die Vögel schädigen, die sich noch nicht einmal auf ihren Feldern befinden.
Stein des Anstoßes ist das sogenannte »Kranich‐Projekt«, das genau solche Zwischenfälle vermeiden soll. Hierbei werden die Vögel regelmäßig an einem speziellen Platz gefüttert, so dass sie ihre Nahrung nicht auf den umliegenden Feldern suchen müssen. »Durch das Projekt«, so ein Sprecher der SPNI, »ist der Schaden auf Null reduziert worden.« Gleichzeitig kä‐
men bis zu 300.000 Besucher im Jahr, um die Vögel zu sehen, und brächten der Re‐
gion Einnahmen in Millionenhöhe.
Als Gemeinschaftsaktion des Jewish National Fund (JNF), der SPNI sowie der Behörde für die Entwicklung Galiläas und lokalen Landwirten, ist das Projekt vor acht Jahren ins Leben gerufen worden, nachdem immer mehr Kraniche in Israel landeten und teure Schäden auf den Feldern anrichteten. Auch private Geldgeber beteiligen sich sporadisch am Projekt. Das Vogelrestaurant umfasst eine Fläche von 70 Hektar, auf der etwa 200 Tonnen Mais verteilt werden. Den Kranichen und Co. schmeckt es hier so gut, dass nach An‐
gaben der SPNI mehr als 90 Prozent von ihnen darauf verzichten, beim Bauern ne‐
benan zu probieren.
Doch das Projekt kostet Geld. Bislang beliefen sich die Kosten auf etwa 1,5 Millionen Schekel (etwa 300.000 Euro) pro Jahr, so Omri Boneh, Leiter der nördlichen JNF‐Zweigstelle. Die explodierenden Le‐
bensmittelpreise aber hätten es schwer ge‐
macht, für diese Saison Sponsoren aufzutreiben. Außerdem hätten einige Parteien einfach nicht bezahlt. »Und doch ist es im‐
mer noch die beste und günstigste Art, Schaden von der Landwirtschaft abzuwenden und ein Auskommen zwischen den Tieren und Bauern zu fördern. Wird es nicht fortgesetzt, ist der Preis für alle am Ende viel höher.«
Die Bauern müssen sich mit 20 Prozent beteiligen. Zamir Karmi von der Landwirtschaftsvereinigung im Hula‐Tal findet das ungerecht: »Es ist doch absurd, dass wir, die direkt durch die Vögel geschädigt werden, privat dafür aufkommen müssen.« Bislang hätten sie es immer getan, doch als die Maispreise im letzten Jahr von 850 auf 1.200 Schekel pro Tonne gestiegen waren, seien sie an ihre Grenzen gestoßen. Ihre Zahlung für 2008 blieb aus. Weitere Kritik der Vereinigung ist, dass letztendlich doch nicht genug Vögel von den Feldern abgehalten werden. »Wenn keine baldige Lö‐
sung gefunden wird, ist es das Ende des Kranich‐Projektes«, warnte Karmi.
Kurz darauf titelte die Website der SPNI: »Waffenstillstand im Hula‐Tal«. Es sei eine vorübergehende Lösung erreicht, bei der sich die Farmer verpflichteten, jegliche Störungen der Vögel und Besucher zu unterlassen, der Jewish National Fund (JNF) hat im Gegenzug auf eine Anzeige gegen die Bauern verzichtet. Der JNF ließ verlauten, dass zudem an einer langfristigen Lösung gearbeitet werde, damit Landwirte und Zugvögel wieder in harmonischer Koexistenz leben können. »Die Kraniche sind ein einzigartiges Naturphänomen von internationaler Bedeutung und müssen beschützt werden. Gleichzeitig hat der JNF seit jeher die menschliche Besiedlung Galiläas unterstützt und wird das auch weiterhin tun.«

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