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Der talentierte Mr. Madoff

Als der New Yorker jüdische Anlageberater Bernard Madoff am 11. Dezember 2008 verhaftet wurde, weil er seine Kunden um die Rekordsumme von 65 Milliarden Dollar betrogen hatte, war die erste Reaktion unter Amerikas Juden Sorge. Man könnte auch sagen Angst. »Bernard Madoff ist das, was die Antisemiten sich vom Nikolaus gewünscht haben«, fasste Bradley Burston in der israelischen Zeitung Ha’aretz die Stimmung zusammen. Und Abraham Foxman, Chef der Anti‐Defamation League, nannte die Affäre einen »idealtypischen Fall für Judenhasser«.

vorläufer Dabei ist Madoff nicht der erste prominent gewordene jüdische Kriminelle in Amerika. Arnold Rothstein baute Anfang des 20. Jahrhunderts mit Wettbetrug und Alkoholschmuggel ein krimi‐ nelles Imperium auf; F. Scott Fitzgerald hat ihn in seinem Roman Der große Gatsby als »Meyer Wolfsheim« verewigt. Rothsteins Schüler Meyer Lansky war jahrzentelang zusammen mit Lucky Luciano der Kopf der organisierten Kriminalität der USA, die praktisch ein jüdisch‐sizilianisches Joint Venture war. Benjamin »Bugsy« Siegel verwandelte mit Mafiageld das Wüstenkaff Las Vegas in ein Zockerparadies.

totschweigen Doch mit Gaunern aus den eigenen Reihen tut sich die jüdische Gemeinschaft traditionell schwer. Am liebsten würde man sie totschweigen. »Nicht gedacht soll ihrer werden«, wie der alte hebräische Fluch sagt. Das Lexikon des Judentums widmet dem Stichwort »Kriminalität« gerade mal eine halbe Seite; für die Musiker sind es elf. Und ist es ein Zufall, dass der erste große Film über die amerikanisch‐jüdische Mafia, Es war einmal in Amerika, nicht in Hollywood entstand, sondern von dem Italiener Sergio Leone gedreht wurde?
Natürlich ist derartige Verschämtheit nicht allein ein jüdisches Phänomen. Jede ordentliche Familie versteckt ihre schwarzen Schafe. Lieber schmückt man sich mit angesehener Verwandtschaft. Auch die Hannoveraner nennen als berühmten Sohn der Stadt eher den Benimmpapst Adolph Freiherr von Knigge als den Massenmörder und Kannibalen Fritz Haarmann. Im jüdischen Fall aber ist es mehr als bloße Besorgnis vor der Blamage, die das Thema Kriminalität so heikel macht. Fast 2.000 Jahre als verfolgte Minderheit haben im kollektiven Bewusstsein der Diaspora einen Angstreflex hinterlassen: Um des Überlebens willen alles vermeiden, was dem Antisemitismus einen Vorwand liefern könnte. Und was könnte Judenhassern gelegener kommen als jüdi‐ sche Verbrecher?

normalität Diese Wohlverhaltensstrategie – nur kein Risches machen – basiert jedoch auf einem fatalen Irrtum. Antisemitismus entsteht nicht, weil bestimmte Juden etwas Bestimmtes tun. Das ist lediglich die Rationalisierung der Antisemiten selbst, die ihren Hass damit zu erklären versuchen, sie reagierten auf jüdische Bedrohung, Bösartigkeit oder Unverschämtheit. Tatsächlich existiert der Antisemitismus völlig unabhängig vom Tun oder Lassen einzelner oder auch aller Juden. Er speist sich daraus, dass es sie überhaupt gibt. Dem Antisemiten ist nicht das Verhalten der Juden ein Dorn im Auge, sondern ihre bloße Existenz. Es ist ihm deshalb auch völlig gleich, ob sein Hassobjekt Nobelpreisträger oder Geldschrankknacker ist. Für ihn sind eh alle Juden Gauner.
Dabei müsste es eigentlich plausibel sein, dass, wenn das schöne Axiom bundesdeutscher Versöhnungspädagogik wahr ist, wonach auch Juden Menschen sind, es unter ihnen etwa auch den gleichen Prozentsatz Krimineller geben muss wie unter Christen, Moslems und Buddhisten. So ist es auch, wie sämtliche Statistiken belegen: Der Anteil der Gesetzesbrecher unter der jüdischen Bevölkerung entspricht überall auf der Welt stets mehr oder minder dem der Gesamtpopulation, nämlich um die 0,5 Prozent. Wenn die Rede auf jüdische Kriminelle kommt – ob sie nun Madoff heißen oder, wie lange Zeit im Frankfurter Rotlichtmilieu, Chaim und Hersch Beker – sollte die selbstbewusste jüdische Reaktion statt peinlichem Berührtsein eigentlich ein schlichtes »Na und!« sein. Abraham Foxman hat das in Sachen Madoff sehr schön auf den Punkt gebracht. »Warum sollte er, nur weil er zufällig jüdisch ist, ein Gewissen haben?«

chuzpe Solch Souveränität ist relativ neu. Sie verdankt sich wohl auch der Existenz Israels. Chaim Bialik, der hebräische Nationaldichter, hat lange vor der Gründung des Landes geschrieben, der jüdische Staat werde nur dann ein normales Gemeinwesen sein, wenn es dort auch jüdische Diebe und jüdische Nutten gebe. Mag vieles am zionistischen Projekt nicht so gelaufen sein, wie es die Gründerväter erhofft hatten: Dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Das strahlt auch auf die Diaspora aus.
Bernard Madoff ist derweil unter Amerikas Juden zur Unperson geworden, vor allem seit bekannt wurde. dass ein Großteil seiner Opfer selbst jüdisch war – Privatpersonen, aber auch Spendenempfänger wie die Elie‐Wiesel‐Stiftung, die Frauenorganisation Hadassah und die New Yorker Yeshiva University. »Er kommt deshalb in einen besonderen Kreis der Hölle«, prophezeit Burton Visotzky, Rabbiner und Professor am Jewish Theological Seminary. In jüdischen Blogs wird der einst gefragte Anlageberater als »Monster« und »Teufel« beschimpft. Auch der obligatorische Vergleich mit Adolf Hitler fehlt nicht.
Vielleicht tröstet es Madoff in seiner Zelle, dass er ob seiner Chuzpe auch jede Menge klammheimlicher Fans hat – unter Juden, die nicht zu seinen Klienten zählten. Mancher wird vergangene Woche, als er hörte, dass der (nichtjüdische) Anlagebetrüger Sir Robert Allen Stanford wegen Unterschlagung von 7 Millarden Dollar Kundengeldern festgenommen wurde, bei sich gedacht haben: »Peanuts. Bei unserem Bernie war es fast zehnmal so viel!«

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