David Stern

Der Spielmacher

von Matthias B. Krause

Er steht in seinem Büro an der feinen Fifth Avenue in Manhattan über einen großen Globus gebeugt. Nach und nach setzt er Fähnchen in die Weltkugel: Frankreich, Deutschland, Türkei, China, Brasilien. Dabei glänzen seine Augen hinter seiner Brille. So könnte man sich David Stern vorstellen. »Europa ist interessant«, sagte der 63jährige kürzlich in einem Interview mit dem amerikanischen Sportmagazin »ESPN«, »aber vielleicht ist Asien die größere Sache.« Außerdem gibt es noch Osteuropa und Südamerika. Die National Basketball Association (NBA) entwickelte sich unter ihrem Chef David Stern nicht nur zur erfolgreichsten und bestgeführten Profi-Liga der USA. Sie greift nach der ganzen Welt.
Als Stern seinen Job 1984 antrat, war damit kaum zu rechnen. Die Liga stand am Abgrund. 17 der 23 Teams machten Verluste. Wenn die Spieler nicht durch Drogendelikte auffielen, dann durch Faustkämpfe auf dem Feld. Die durchschnittliche Zuschauerzahl dümpelte bei 10.000 vor sich hin, und die TV-Sender verschoben die großen NBA-Finals in den späten Abend. Viele mutmaßten, eine von Afroamerikanern dominierte Liga wolle im weißen Amerika eben niemand sehen.
Stern verordnete eine Radikalkur. Er setzte eine Anti-Drogen-Politik durch, die einigen Spielern eine Sperre auf Lebenszeit einbrachte. Für Kämpfe auf dem Feld hagelte es Strafen und Gehaltskürzungen. Vor allem aber änderte Stern die Art, wie die Liga sich verkauft. Zu Hilfe kam ihm, daß mit ihm eine Reihe außergewöhnlicher Basketballtalente in der NBA anfingen: zuerst Earvin »Magic« Johnson und Larry Bird, später dann der alle überscheinende Michael Jordan. »Air Jordan« war ein Ausnahmeathlet, der Basketball spielte, wie man es bis dahin noch nicht gesehen hatte. Deshalb besagt die Legende, daß er es war, der den Boom der Liga auslöste. Doch es war Stern, der zuerst erkannte, was für ein fabelhaftes Produkt er in Händen hielt. Und er wußte, wie es zu verkaufen war.
Stern studierte an der angesehenen Rutgers-Universität in New Jersey die Geheimnisse des Managements und erwarb später an der New Yorker Columbia-Universität seinen Abschluß als Jurist. Kurz danach trat er in eine Anwaltskanzlei ein, die ihn zum Berater der NBA machte. Von dort war sein Aufstieg an die Spitze der Liga unaufhaltsam. So gesehen hätte man einen gut ausgebildeten, staubtrockenen Juristen erwarten können. Wann immer Stern in der Öffentlichkeit auftaucht, ob bei einem Basketballspiel irgendwo im Lande oder einem Interview – er fällt vor allem auf durch seine Unauffälligkeit. Bisweilen auch durch seinen Versuch, sich locker zu geben und Witze zu reißen – was meistens danebengeht. Was man ihm nicht ansieht, ist sein ungeheurer Weitblick, die Gabe, in die Zukunft zu schauen und dafür heute die richtigen Weichen zu stellen.
Stern hat als erster im amerikanischen Profisport einen sogenannten Salary Cup eingeführt, also eine Obergrenze für sämtliche Spielereinkommen, die die Klubs nicht überschreiten dürfen. Außerdem baute er Mechanismen ein, die die gröbsten Unter- schiede zwischen arm und reich ausgleichen – ein Versuch, zu verhindern, daß es Dauersieger und Dauerverlierer gibt. Beide Modelle machten Schule im Baseball, im Football, im Eishockey. Dieses fast kommunistische System mitten im kapitalistischen Amerika hat den US-Sport auch in Europa populär gemacht, wo etwa die großen Fußball-Ligen von immer denselben reichen Klubs dominiert werden. Nicht so in den USA: Weil alle Klubs ähnliche Voraussetzungen haben, fangen (fast) alle in jeder Saison bei Null an. Der Traum des Underdogs, sensationell Meister zu werden, kann im US-Sport in jeder Saison Realität werden. Im europäischen Spitzenfußball ist das praktisch ausgeschlossen.
Ähnlich visionär war Sterns Idee, zu den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona das »Dream Team« zu schicken, die besten Basketballer der Welt, die so noch nie zusammen gespielt hatten. Sie waren die Sensation der Spiele und der Auftakt zur Globalisierung der Liga.
Schneller als andere erkannte David Stern, daß die Systeme sich anglichen, daß die Besten aus Europa, Südamerika und China mithalten in der NBA. Der Deutsche Dirk Nowitzki in Dallas, der Argentinier Manu Ginobilli in San Antonio, der Chinese Yao Ming in Houston werden nicht nur von 23 Millionen Menschen verfolgt, die jedes Jahr in die NBA-Arenen strömen, sie bringen weltweit Anhänger dazu, ihre Geldbeutel für Fanartikel zu öffnen.
Die Liste läßt sich fast beliebig verlängern. Stern erkannte als einer der ersten das Potential des Internet für seine Liga. Die NBA war ein Pionier, als es darum ging, die neuen Möglichkeiten des Kabelfernsehens zu nutzen. Heute setzt die Liga mit 30 Klubs drei Milliarden Dollar im Jahr um und unterhält elf Dependancen außerhalb der USA. Die Spiele werden in 212 Nationen und 42 Sprechen übertragen. »Am stolzesten bin ich aber darauf, daß wir es geschafft haben zu beweisen, daß Amerika nicht so engstirnig ist, wie die Leute es vor 20 Jahren beschrieben haben«, sagte Stern kürzlich in einem Interview mit The Sporting News. »Sie haben behauptet, das Land würde nie eine überwiegend schwarze Liga akzeptieren. Deshalb ging es mir auch gar nicht so sehr um das Marketing, sondern darum zu beweisen, daß Amerika offenherziger ist, als viele denken.«
Stern weiß genau, daß er neue Geldquellen für die Liga nur auftun kann, wenn die Liga funktioniert. Dafür greift er auch heute noch hart durch. Jüngstes Beispiel ist der Dresscode, den er für die Spieler Anfang dieser Saison verhängte. Stern fand, daß die Stars zu sehr wie Straßenräuber aussahen und nicht wie Angestellte mit Multimillionen-Dollar-Verträgen. Das trug ihm den Vorwurf ein, ein Rassist zu sein. Schließlich präsentierten sie nur ihre Kultur, klagten einige schwarze Spieler, die den aus den Ghettos der Großstadt entwachsenen Rappern stilistisch nacheifern.
Am Liga-Boß perlt das ebenso ab wie gelegentliche antisemitische Ausfälle der hochbezahlten Angestellten. Stern, Mitglied in der »International Jewish Sports Hall of Fame«, verordnete den Spielern, von denen mehr und mehr das College überspringen und vom Gymnasium gleich in die Profiliga wechseln, schlicht eine Extraportion Bildung. Das wird Sterns Neider kaum davon abhalten, ihn weiter als einen Diktator zu beschimpfen. Andere wie zum Beispiel der Mitbesitzer der Los Angeles Lakers, Magic Johnson, loben ihn über den grü- nen Klee: »Wir sind die heißeste Liga, nicht nur in den USA, sondern auf dem ganzen Globus. Und er ist der Grund dafür.«

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