Fussball

Der selbsternannte Retter

Auf einmal war er weg. Nachdem der russische Oligarch Arcadi Gaydamak im Dezember Hals über Kopf das Land wegen eines drohenden Betrugs‐ und Geldwäscheverfahrens verlassen hatte, stand der Fußballverein Beitar Jerusalem vor dem Chaos. Immerhin war Gaydamak Eigentümer, Geld‐
geber und Boss in einem. Ein halbes Jahr lang mussten Manager, Trainer, Spieler und Fans in Ungewissheit leben, doch es wäre nicht Beitar, wenn in der Geschichte nicht noch etwas mehr Drama drin wäre. So tauchte auf einmal eine neue Lichtgestalt in Form des jüdisch‐südamerikanischen Geschäftsmannes Guma Aguiar auf, der sagte: »Ich kaufe«.
Die Superreichen scheinen Fußball zu lieben. Ganz besonders den Milliardären aus der ehemaligen Sowjetunion haben es die Kicker angetan. So auch bei Beitar. Nachdem der Club jahrelang irgendwo in der Mitte der Tabelle herumgedümpelt war, kam 2005 der russische Israeli mit dem
dicken Portemonnaie und verteilte großzügig die Scheine. Schnell avancierten die Gelb‐Schwarzen zum reichsten Verein des Landes. 2005/06 qualifizierten sie sich für den UEFA‐Cup, im Jahr darauf holten sie den nationalen Titel. Die Zuschauer skandierten »Gaydamak, Gaydamak« und nannten ihn »Messias«.

Neues Kapitel Das ist Geschichte. Mit dem 32‐jährigen Guma Aguiar will der Verein zu dem zurückkehren, was er kann: Fußball spielen. Nachdem Aguiar bereits vier Millionen US‐Dollar gespendet hatte, kaufte er den Verein im Juli schließlich ganz. Warum? »Weil Jerusalem das Zentrum des Universums ist«, lautete seine Antwort. In Anlehnung an Gaydamaks politische Aspiration – er hatte mit seiner eigenen Partei an den Jerusalemer Bürgermeisterwahlen teilgenommen und war kläglich gescheitert – sagte der gebürtige Brasilianer, dass er lediglich an einer »Party« interessiert sei: der zum Feiern.
Aguiar kam in Rio de Janeiro zur Welt, zog mit seinen Eltern als Kind in die USA. Obwohl seine Mutter Jüdin ist, wuchs er als evangelischer Christ auf. Erst eine Begegnung mit dem Rabbiner Tovia Singer, der Juden hilft, zu ihrem Glauben zu finden, brachte den damals 26‐Jährigen zurück zu seinen Wurzeln. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Das Geld – sein persönliches Vermögen wird auf hundert Millionen Dollar geschätzt – machte er mit Öl und Gas sowie dem richtigen Riecher. Gemeinsam mit seinem Onkel Thomas Kaplan gründete er 2003 die Firma »Leor Energie«, die sich auf Naturgas in den USA spezialisiert hat. Drei Jahre später fanden die beiden eine der größten Gasquellen in der Nähe von Houston. Seit seiner Alija vor knapp drei Jahren hat er diverse Immobilien in der Hauptstadt erworben und für verschiedene jüdische Einrichtungen gespendet.
Sportsgeist Sein Herzblut aber gehört ganz und gar Beitar Jerusalem. »Als Gaydamak auftauchte, haben sich die Leute ge‐
fragt, was der Typ wohl für eine Agenda haben mag. Ich kann klar sagen, dass ich keine habe«, machte er kürzlich in einem Interview deutlich. Er habe Beitar gekauft, weil er etwas an die Gemeinschaft zurück‐geben wolle. Schon immer war er begeis‐terter Fußballspieler, nach einer Verletzung jedoch wechselte er zum Tennis und wurde professioneller Trainer. »Nachdem es mit dem Spielen nicht geklappt hat, ist es das Zweitbeste, was ich tun kann: ein Team zu unterstützen.« Er hätte ja auch ein paar Bilder oder ein schickes Haus in New York für das Geld haben können, »aber ich wollte etwas tun, womit ich das Leben der Menschen beeinflussen kann. Damit die Jugendlichen von der Straße geholt und zum Sport gebracht werden.«
Anders als Gaydamak hat Aguiar die Fans nicht aus den Augen verloren. In einem seiner letzten Interviews im Land hatte der russische Oligarch gepöbelt, dass ihm die Leute auf den Tribünen völlig egal seien. Wenn er könnte, würde er sie sogar persönlich aus dem Teddy‐Stadion ausschließen. Der neue Besitzer will die An‐
hänger hinter sich wissen: »Die Entscheidung wird von den Fans abhängen, das ist Nummer eins. Wenn sie es nicht wollen, bin ich auch nicht daran interessiert.« Nach der Zusicherung der Unterstützung aller Gelb‐Schwarzen schaut sich der smarte Geschäftsmann bereits nach Talenten in Brasilien um. Arabische Spieler wecken sein Interesse kaum, er wolle niemanden nehmen, nur um politisch korrekt zu sein, derjenige müsse schon besser als die Brasilianer spielen.
Beitar ist dieser Tage voller Hoffnung, das können auch Berichte aus den USA nicht ändern. Darin hatte es geheißen, dass Aguiar einen prominenten US‐Rabbiner angegriffen hatte, der in einem Zivilprozess gegen ihn ausgesagt hatte. Der Kläger, Aguiars Onkel, beschuldigte seinen Neffen, Gelder veruntreut zu haben, die für wohltätige Zwecke bestimmt waren, »weil er glaubt, er sei der Messias«. Der neue Eigentümer von Beitar bezeichnete dies als ab‐
surd, das Verfahren wurde eingestellt.

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