Modiin

Der Retter des Chanukka‐Erbes

von Sabine Brandes

Wunder gibt es immer wieder in Modiin. Über 2.000 Jahre ist es her, dass die Mak‐kabäer die Hellenisten besiegten und im Tempel ein winziges Öllämpchen acht Tage lang brannte – das Wunder von Chanukka. Und genau zwölf Jahre sind vergangen, seitdem sich die ersten Makka‐ bäer der Neuzeit hier niederließen. Heute zählt das schmucke Örtchen 75.000 Einwohner. Tendenz steigend.
Die Stadt auf der Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem hat mehr als eine aufregende Geschichte zu erzählen: Im zweiten Jahrhundert vor der Zeitrechnung war sie Zentrum des Makkabäergeschlechts, auch Hasmonäer genannt, die hier den Aufstand gegen die Ungläubigen probten und ihn wider alle Vorhersagen gewannen. 1993 zeichnete der Architekt Moshe Safdie auf dem Reißbrett eine neue Sied‐lung und begann mit der bescheidenen Anzahl von 500 Häusern. Er schaffte eine urbane Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht: Modiin. Drei Jahre später, während des Chanukkafestes, zogen die ersten israelischen Familien mit Sack und Pack in ihr neues Zuhause.
Alex Weinreb ist einer von ihnen. Mit Ehefrau Nili und den vier Kindern ließ er sich hier voller Enthusiasmus nieder: »Es war wunderschön, wir wollten an diesem Platz eine ganz neue Gesellschaft aufbauen. Alles war frisch und modern und gleichzeitig historisch tief verwurzelt.« Auch seine persönliche Geschichte hat etwas von einem kleinen Wunder. Kurz nach der Barmizwa, mit gerade einmal zwölf Jahren, kam er mit seiner Familie als Neueinwanderer von New York nach Israel. Heute ist der studierte Archäologe und Umweltaktivist der Grünen Partei Vize‐Bürgermeister der Stadt. Im Büro Papiere hin‐ und herschieben ist Weinrebs Sache aber nicht. Seine Position nutzt er mit Vorliebe für den Schutz der Umwelt und vor allem antiker Stätten. Regelmäßig initiiert er Grabungen mit Schulklassen, bei denen »die Kinder mit ihren eigenen Händen die Geschichte ihrer Stadt und Heimat spüren können«.
Weinreb ist ein Mann mit Mission. Seit Jahren bemüht er sich im modernen Modiin um die Bewahrung des Erbes der Makkabäer und damit der Chanukka‐Geschichte. Wenn es sein muss, auch mit vollem Körpereinsatz. Wie damals, an Chanukka vor einigen Jahren, als sich Bagger, Raupen und Traktoren hasmonäischen Gräbern näherten, um mit einem Bauprojekt zu beginnen. »Es wäre das Ende dieser historischen Stätte gewesen, alles wäre dem Erdboden gleichgemacht worden und unter Beton verschwunden«, ist er sich sicher. Als kein Reden und Bitten half, warf sich Weinreb kurzerhand vor die donnernden Baufahrzeuge. Mit Erfolg. Die Gräber blieben unversehrt. Er würde es jederzeit wieder tun, wie er betont, so, als sei es die normalste Sache der Welt, wenn es darum geht, das lebendige Erbe der Vergangenheit vor Schnellstraßen und Apartmentkomplexen zu schützen.
Modiin ist der historische Name des Hügels, auf dem einst die Festung der Makkabäer gestanden haben soll. Jose‐ phus Flavius beschreibt in seinen Aufzeichnungen, wie Antiochus seinen Offizieren befohlen hat, »jegliches Zeichen jüdischen Lebens auszurotten. Sie töteten all jene, die der Tora treu blieben, nur die, die mit Mattitiahu nach Modiin flohen, entkamen«. Von hier aus sollen Mattitiahu und seine fünf Söhne mit einer kleinen Gruppe anderer Juden den Kampf gegen die übermächtigen Truppen aufgenommen haben. »Es waren die Starken gegen die Schwachen, die vielen gegen die wenigen, die Unreinen gegen die Reinen, die Sünder gegen die Tora‐Treuen«, berichtet Josephus. Der zunächst hoffnungslose Kampf endete in einem wundersamen Sieg der Schwächeren und gipfelte in der Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels.
Auf einer Vitrine in Weinrebs Büro stehen einige der Stücke, die er aus dem Titora‐Hügel in der Nähe seiner Stadt hervorgebuddelt hat: ein byzantinischer Tel‐ler, römisches Glas und sein Lieblingsfund – ein Öllämpchen aus der hasmonäischen Zeit. »Es erinnert mich immer an das wundervolle Fest Chanukka«, sagt er, während er es liebevoll betrachtet. »Die Chanukka‐Geschichte ist genau hier, an diesem Ort, geschehen«, erzählt er mit einem Strahlen im Gesicht. »Hier hat die Unabhängigkeit Israels begonnen, im Land der Makkabäer. Wenn Judas Makkabäus’ Vater Mattitiahu die Revolte nicht angezettelt hätte, wären die Hellenisten als Sieger hervorgegangen. Unsere Identität wäre verloren, wir würden heute Griechisch sprechen. Deshalb sage ich, die Unabhängigkeit des jüdischen Staates hat nicht erst 1948 begonnen, sondern im Jahre 167 vor der Zeitrechnung.«
»Menschen, die keine Vergangenheit haben, haben weder Gegenwart noch Zukunft«, macht der 51‐Jährige mit eindringlichen Worten klar. Doch wer seine Geschichte kennen‐ und schätzen lerne, achte darauf, dass nichts davon zerstört wird. »Aufklären und bewahren« ist sein Motto. Seine Magisterarbeit hat er über das antike Modiin geschrieben. Heute sieht er es als große Ehre, an genau diesem Ort leben zu können.
Weinrebs Leidenschaft für die Historie gründet sich auf ein ganz persönlich empfundenes Schicksalsgefühl, fast könnte man von Bestimmung sprechen: »Es mag sich für manche komisch anhören, aber schon als kleiner Junge hatte ich die Mak‐kabäer irgendwo in mir stecken«, gibt er lachend zu. »Wenn man an Wiedergeburt glaubt, dann habe ich sicherlich früher einmal hier in dieser Gegend gelebt.«
Ein Projekt, das ihm besonders am Herzen liegt, ist eine hasmonäische Stadt, mit deren Ausgrabung vor sieben Jahren begonnen wurde. Alle Artefakte seien jüdischer Natur, darunter ein Ritualbad und eine Synagoge. Während der Zeit des Tempels in Jerusalem gab es nur wenige andere Gotteshäuser im Land, bislang hat man insgesamt fünf gefunden. Die Synagoge von Modiin gilt als die älteste Israels. »Wer weiß, vielleicht ist Judas Makkabäus hier in die Mikwe gestiegen und hat dann oben gebetet. Vielleicht wurden hier sogar Barmizwas begangen«, sinniert Weinreb. »Mein Traum wäre es, dass eines Tages die Söhne unserer Stadt hier ihre Barmizwa feiern können.«
Allzu weit entfernt von seinem großen Wunsch scheint er nicht mehr zu sein. Das Ministerium hat Weinrebs Plan, zum Schutz der Artefakte ein unterirdisches Touristenzentrum zu bauen, bereits zugestimmt. Geld für die Instandhaltung kommt von der Stadt und dem Minis‐terium für Tourismus. Nur für den Bau des Zentrums an sich fehlen bislang die finanziellen Mittel. Etwa zehn Millionen Dollar werden insgesamt nötig sein, meint der Experte, der nun auf private Sponsoren hofft. »Und wenn die da sind«, ist er überzeugt, »dann ist das nächste Wunder in Modiin geschehen.«

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