„Weihnukka

Der Rest vom Fest

von Detlef D. Kauschke

In den meisten jüdischen Haushalten der Stadt sind die Chanukkaleuchter längst von letzten Wachsresten befreit, entweder gut verpackt im Schrank verstaut oder ganz dekorativ aufs Regal gestellt worden. Auch die christlichen Nachbarn haben inzwischen ihre Weihnachtsbäume zur Abholung durch die Müllabfuhr an den Straßenrand gestellt. Die festlichen Tage sind vorüber. Überall? Nicht ganz. Im Jüdischen Museum endet die Feiertagssaison erst am 29. Januar. Bis dahin läuft noch die Sonderausstellung „Weihnukka“.
Bereits 35 000 Menschen haben die Schau gesehen. Auf großes Besucherinteresse haben die Museumsverantwortlichen gehofft. Aber daß die Ausstellung und ihr Thema derart kontrovers diskutiert werden würde, das haben sie nicht erwartet.
„Weihnukka“ spiegele „eine gefährliche Tendenz der Historisierung und Vereinnahmung des Judentums in Deutschland wider“, schrieb zum Beispiel der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, in der tageszeitung. Die Ausstellung sei „kein Ausdruck lebendiger jüdischer Kultur“, sondern komme „der nichtjüdischen Sehnsucht entgegen, alle Widersprüche und Differenzen zwischen Judentum und Christentum aufzulösen“.
Sogar beim jährlichen Chanukka‐Empfang der Israelischen Botschaft war die Ausstellung im Jüdischen Museum ein Thema. Botschafter Shimon Stein verwies in seiner kurzen Begrüßungsrede auf den Trend, neuerdings von Weihnukka zu sprechen. Er wolle „allerdings lieber bei der jüdischen Tradition“ bleiben und weiterhin die beiden Feste nicht durcheinander bringen. Das forderte bei gleicher Gelegenheit auch der orthodoxe Gemeinderabbiner Yitshak Ehrenberg: „Die Botschaft von Chanukka ist, daß wir unsere Tradition und Identität bewahren sollen. Wenn man dieses Fest nun mit anderen Traditionen vermischt, geschieht genau das Gegenteil.“
Gemeinderabbiner Chaim Rozwaski von der Synagoge Pestalozzistraße zeigt sich geradezu empört darüber, daß sich das Jüdische Museum dem Thema Weihnukka widmet. Das sei eine Beleidigung der Vernunft von Juden und auch von Christen, meint er. „Dies führt doch nur zu Verwechslungen. Und es steht klarem Denken entgegen.“ Ein jüdisches Museum solle für die Stärkung des Judentums wirken, so Rozwaski.
Auch Andreas Nachama steht der Ausstellung kritisch gegenüber. „Ich finde es falsch, daß ein Jüdisches Museum das zu so einem prominenten Ausstellungstitel macht. Denn das ist es, was immer vom Judentum erwartet wird: daß man sich aufs Christentum zubewegt.“ Als Historiker begrüße er, daß man sich mit Fragen und Erscheinungen der Assimilation beschäftigt. Als Rabbiner störe ihn eine Ausstellung zum Thema Weihnukka.
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, sieht das Ganze weniger kritisch: „Denn eine solche Ausstellung kann uns auch vor Augen führen, welche Anstrengungen die Rabbiner und wir alle gegen Assimilation und für die Stärkung der jüdischen Identität unternehmen müssen.“
Der Vorsitzende der Repräsentanten‐
versammlung Julius H. Schoeps findet Kritik „nicht nachvollziehbar“. Eine Ausstellung zum gleichen Thema und mit gleichem Titel habe er bereits in den 90er Jahren im Jüdischen Museum Wien gemacht. „,Weihnukka‘ ist eine historische Anspielung. Da geht es um ein kulturhistorisches Phänomen, das es heute nicht mehr gibt.“
Die Berliner „Weihnukka“-Ausstellung wurde Ende Oktober eröffnet. Das Museum präsentiert Geschichte und Geschichten, Kitsch und Kuriositäten des Weih‐nachts‐ und Chanukkafestes. Und es zeigt die kulturellen Wechselwirkungen.
Den Besuchern scheint es zu gefallen. Das zeigen zahlreiche Gästebucheinträge, wie der eines Touristen aus Duisburg („Super, und nächstes Jahr wieder!). Die Programmdirektorin des Jüdischen Museums, Cilly Kugelmann, vermutet daher auch, daß die Kritiker die Ausstellung nicht wirklich gesehen haben: „An keiner einzigen Stelle wird dazu aufgefordert, einen hybriden Feiertag zu begehen.“ An keiner Stelle werde ein Wunschbild gezeichnet. Und es geht auch nicht darum, einen neuen Begriff zu kreieren, betont sie. „Aber das Jüdische Museum ist auch keine Synagoge und keine jüdische Gemeinde, sondern ein Ort, an dem historische Phänomene aufgegriffen werden.“ Und Weihnukka sei ein im neunzehnten Jahrhundert entstandenes Phänomen innerhalb des deutschen Judentums.
Gleichzeitig sieht Cilly Kugelmann die Kontroverse auch positiv: „Was mich freut ist, daß dies die erste Ausstellung ist, die von sehr vielen Juden besucht wurde. Und es freut mich, daß sie die erste ist, die innerhalb des jüdischen Lagers eine solche Diskussion ausgelöst hat.“

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