Seele

Der pure Stress

von Sabine Brandes

Es ist ein schöner Samstag im Spätfrühling. Familie Cohen sitzt am Strand von Caesarea und genießt ihre mitgebrachten Pita-Brote. Sie picknicken, spielen Ball: Mutter Liora, Vater Joav und ihre drei Kinder Chovit, Peleg und Juwal. Als langsam die Sonne im Meer versinkt, bläst Liora zum Aufbruch. Für Romantik ist keine Zeit. Die große Tochter nölt, will noch bleiben, der Kleinste möchte ein Eis. Mama Cohen aber ist unerbittlich: »Ihr wisst doch genau, was noch alles zu erledigen ist«, sagt sie und geht strammen Schrittes in Richtung Auto.
Tatsächlich hat der Nachwuchs bereits eine genaue Ahnung davon, was zu tun ist: Ranzen packen, Schuluniformen herauslegen, Tisch für das Abendessen de-cken, Zimmer aufräumen und einiges mehr. Auch wenn dieser der einzige freie Tag der Woche ist. Kaum leuchten die ersten drei Sterne am Himmel, ist Schluss mit der Ruhe. »Stimmt«, sagt Liora, »ist der Schabbat vorbei, hat uns der Alltag wieder im Griff.« Die Routine der Woche ist bei den Cohens alles andere als entspannt. Beide Elternteile arbeiten Vollzeit, sie als Sekretärin in einer privaten Firma, er als Angestellter der Naturschutzbehörde. Je-
den Morgen verlässt die Familie gemeinsam um 7.30 Uhr das Haus, kehrt erst ge-
gen 18 Uhr zurück. Auf dem Weg von der Arbeit werden die Kinder aus der Be-
treuung abgeholt, Einkäufe getätigt, Telefonate erledigt.
Familie Cohen ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Im Großteil der israelischen Durchschnittsfamilien arbeiten beide Elternteile an fünf bis sechs Tagen der Woche voll, die meisten haben zwei bis vier Kinder. Drei Monate nach der Geburt geht die frischgebackene Mama in der Regel wieder arbeiten – nur so lange wird der Arbeitsplatz für sie freigehalten. Das Baby wird in diesem zarten Alter in ein Pejuton, eine Krippe für die Kleinsten, ge-
bracht. Manche sind am Tag mehr als neun Stunden von ihren Eltern getrennt. »Ein großer Stressfaktor bereits im Babyalter«, meint die Soziologin und Familien-expertin Rachel Pasternak.
Hinzu kommt der finanzielle Druck bei vielen Familien: Mit einem Durchschnittsgehalt von 1.450 Euro brutto und hohen Betreuungskosten für den Nachwuchs ist es oft eng. Das Kindergeld hilft da kaum. Die 154 Schekel pro Sprössling (28 Euro) decken gerade einmal den monatlichen Verbrauch an Süßigkeiten ab. Lioras Ge-
halt von 6.000 Schekeln netto, etwas mehr als 1.000 Euro, geht fast komplett für Un-
terbringung und Kurse der Kinder nach der Schule drauf.
Der Psychologe Norman Millgram be-
schrieb Israel einmal als ein »natürliches Stresslabor«. Immer wieder Kriege und militärische Auseinandersetzungen, Angst vor Terror, die Sechs-Tage-Woche und neuerdings eine extreme finanzielle Ungewissheit durch die Weltwirtschaftskrise lässt die Zahl der Gestressten in die Höhe schnellen. Die Yoga- und Meditationsbranche ist die einzige, die von der Entwicklung profitiert. Die Weltgesundheitsorganisation WHO gab jüngst bekannt, dass Stress in den kommenden 20 Jahren zur Todesursache Nummer zwei avancieren werde. In Israel, meinen Experten, ist man dort schon bald angekommen.
Eine Studie der Hebräischen Universität Jerusalem unter der Leitung des Psychologieprofessors Richard Epstein er-
gab jetzt, dass Frauen besser mit sozialem Stress umgehen können. Grund seien ge-
netische Unterschiede zwischen den Ge-
schlechtern, meinen die Forscher. Zu circa 62 Prozent bestimme der Erbfaktor das Level des Stresshormons Cortisol in unseren Körpern.
Tatsächlich merkt man Liora ihren hektischen Alltag kaum an. Sie ist eine dynamische Frau mit feuerroten Haaren und selbstbewusstem Auftreten. Sie mag ihr Leben so wie es ist. Sie freut sich täglich an ihren Kindern, dass sie manchmal schlecht schlafen kann und nicht eine Stunde Zeit für sich allein habe, sei halt nicht zu ändern. Ihr Mann jedoch habe oft Magenschmerzen und »so einen komischen Druck in der Brust«. Dreimal schon war er beim Arzt, der ihm riet, endlich kürzer zu treten. »Aber wie und wobei?«, fragt der 42-Jährige und seufzt.
»Unser Alltag ist ein fragiles Gefüge, wenn etwas außerhalb der Norm ge-
schieht, etwa jemand krank wird, bricht alles ganz schnell zusammen«, gesteht Joav. Ständig haben beide das Mobiltelefon am Ohr. Warum? »Wir sprechen täglich mit un-
seren Familien, organisieren Verabredungen der Kinder, Änderungen bei der Arbeit und und und. Ein Ende gibt es nicht.« Der Zeitdruck sei das Schlimmste, finden sie. »Wir rasen morgens zur Arbeit und abends wieder zurück, immer in der Hoffnung, dass es keinen Stau gibt und wir die Kinder rechtzeitig abholen können.«
Ein anderes Leben kann sich dennoch keiner der beiden vorstellen. Weniger Kinder, eine kleinere Wohnung, weniger ar-
beiten? »Nichts von alledem«, betont das Ehepaar einstimmig. »Wir wünschen uns sogar noch ein Kind«, sagt Liora und lächelt sanft. »Wie genau es dann laufen soll, weiß ich nicht, aber Nachwuchs ge-
hört doch einfach zum Leben dazu.«

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