Nathan der Weise

Der Messias ist da! Wann geht er wieder?

von Ingo Way

Seit November hat das Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg ein neues Konzept. Die kleine Theaterbühne versucht sich mit ihren Themen stärker der Lebenswirklichkeit des größtenteils türkischen Kiezpublikums anzunähern. Die künstlerische Leiterin Shermin Langhoff nennt das ein »Labor zur Erprobung und Förderung einer neuen kulturellen Praxis von Macher/innen und Zuschauer/innen mit postmigrantischem Hintergrund«.
Doch aggressives Kanaksprak-Lehrtheater wurde nicht geboten, als am vergangenen Freitag »Nathan Messias« von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel unter der Regie von Neco Çelik uraufgeführt wurde – dafür sorgten schon die Spielfreude der sechs Darsteller sowie Çeliks umsichtige Regie. Ursprünglich als Auftragsarbeit des Schauspielhauses Düsseldorf gestartet, war von der Lessing’schen Vorlage »Nathan der Weise« bis auf den Namen der Hauptfigur jedoch nicht viel übriggeblieben.
Vor den Toren eines fiktiven Jerusalem hat sich ein gewisser Nathan (Murat Seven) niedergelassen, der behauptet, der Messias zu sein. Er trägt stets eine Pistole bei sich und redet dem »Pack Gottes« – Juden, Muslimen und Christen – ins Gewissen. (Letztere nennt er »Christianer«, wohl als postkoloniale Retourkutsche für »Mohamme daner«.) Dem säkular-jüdischen Bürgermeister (Uwe Preuss) ist dieser Aufrührer ebenso ein Dorn im Auge wie den religiösen Autoritäten Imam, Priester und Rabbi – alle drei kabarettistisch meisterhaft verkörpert von dem Chilenen Adolfo Assor. Doch des Bürgermeisters Töchterlein Rebekka (Sanam Afrashteh) lässt sich von den Worten des Propheten einwickeln, was die Eifersucht ihres muslimischen Lovers (Ismail Deniz) und ihres christlichen Verehrers (Attila Oener) hervorruft. Am Ende sind Christ, Muslim und die schöne Jüdin tot, Nathan Messias klagt ein letztes Mal über die Schlechtigkeit der Menschen, dann geht das Licht aus.
War dieser Nathan nun der Messias oder ein Scharlatan? Man erfährt es nicht, und irgendwie lässt es einen auch gleichgültig. Was er zu sagen hatte, ist so banal religionskritisch – und so politisch korrekt ausgewogen gegenüber allen drei Religionen –, dass man sich weder die Anziehungskraft noch die Bedrohlichkeit erklären kann, die er auf die Protagonisten des Stückes ausübt.

Weitere Aufführungen: 27. bis 29. April, jeweils 20 Uhr. Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, 10997 Berlin
www.ballhausnaunynstrasse.de

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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