Literaturspezial

Der letzte Akt

Dies ist ein Buch über einen alternden Schauspieler, der in eine Schaffenskrise gerät – keines über einen alternden Schriftsteller, der in eine Schaffenskrise gerät. Die Unterscheidung ist bedeutsam, da angesichts des geringen Umfangs von Philip Roths neuestem Roman – seinem dreißigsten – die Vermutung naheliegen könnte, der Meister leide selber unter einer Kreativitätsblockade. Wenn das Buch auch nicht nur aufgrund seiner Kürze – es umfasst knapp 140 Seiten –, sondern vor allem seines Inhalts und seines Aufbaus wegen dem Genre der Novelle zuzurechnen ist (verkaufen lässt sich ein Buch offenbar nur, wenn das Wort »Roman« auf dem Umschlag prangt), enthält es doch alles, was Roth ausmacht: Männer, Frauen, die Hölle, die sie einander bereiten, Sex, Einsamkeit, die Schrecken des Alterns und des nahenden Todes sowie die schwachen Tröstungen der Kunst, die, wenn es wirklich darauf ankommt, nicht mehr wirklich trösten.
Eine »unerhörte Begebenheit« – wie Goethe die Novelle definierte – ist es tatsächlich, die Roth schildert. Der Schauspieler Simon Axler kann mit Mitte 60 auf einmal nicht mehr spielen. »Er hatte seinen Zauber verloren« – mit diesem Anfangssatz steigt Roth ohne Umschweife in die Handlung ein. Axler verfällt in eine Depression, seine Frau Victoria, die damit nicht umgehen kann, trennt sich von ihm.
Bezüge zur Schriftstellerei fehlen diesmal – Roths Alter Ego, der Autor Nathan Zuckerman, taucht nicht auf –, nicht aber Bezüge zur Weltliteratur. Axler glänzte früher als Shakespeare‐Mime und als Tschechows »Onkel Wanja«. Jetzt bringt er nichts mehr zustande und ist ständig versucht, sich mit seiner Remington‐870‐Repetierflinte umzubringen. Von Tschechow stammt der berühmte Satz, dass eine Schrotflinte, die im ersten Akt an der Wand hängt, im dritten Akt abgefeuert werden muss. Streng dreiaktig aufgebaut ist dieses Buch, doch gegen wen sich die Flinte im letzten Akt richtet, sei hier nicht verraten.
Axler schafft es, sich rechtzeitig in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen. Dort freundet er sich mit seiner Mitpatientin Sybil Van Buren an. Diese will beobachtet haben, wie ihr Mann die gemeinsame achtjährige Tochter sexuell missbraucht hat, und bittet Axler, ihn gegen Bezahlung für sie umzubringen – eine Bitte, über die er mit Unernst hinweggeht: »Ich bin bloß ein arbeitsloser Schauspieler. Ich würde es vermasseln, und dann müssten wir beide ins Gefängnis.« Erledigt ist dieses Thema damit bei Weitem nicht.
Axler kehrt in sein Landhaus zurück. Dort besucht ihn eines Tages die Tochter von zwei Schauspielkollegen, Pegeen Stapleford. Axler kennt sie seit ihrer Geburt, inzwischen ist sie 40 und lebt sei 17 Jahren lesbisch. Ihre langjährige Liebesbeziehung ging in die Brüche, weil ihre Freundin sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen wollte. Nach einer kurzen Affäre mit der Dekanin eines Frauencolleges in Vermont, an dem sie als Dozentin arbeitet, lässt sich Pegeen auf Axler ein. Dieser blüht auf und malt sich ein Familienleben samt Kindern mit Pegeen aus. Doch kurz nach einem Dreier mit einer jungen Frau, die die beiden in einem Restaurant aufgegabelt hatten, eröffnet Pegeen Axler, ihr heterosexuelles Experiment sei ein »Irrtum« gewesen. Sie verlässt ihn genauso unvermittelt, wie sie ein Jahr zuvor bei ihm aufgekreuzt war.
Der britische Guardian mokierte sich, das Buch sei eine »Altherren‐Sexfantasie«. Das ist es auch, aber noch viel mehr als das. Sexualität ist ebenso ein Leitmotiv der Roth’schen Literatur wie Judentum und amerikanische Geschichte. Der grüne Umschnalldildo, den Pegeen in einer Szene trägt, steht nicht einfach als Provokation im Raum, er erfüllt eine dramaturgische Funktion, genauso wie die besagte Schrotflinte. Und die Abgründe der Sexualität können alte Männer vielleicht doch besser ausleuchten als junge Frauen wie, sagen wir, Helene Hegemann.
Nichts ist gewiss in dieser Geschichte. Nicht, ob Simon Axler wirklich sein Talent verloren hat oder es sich nur einredet. Nicht, ob Sybil Van Burens Mann tatsächlich seine Tochter missbraucht hat. Nicht, ob es tatsächlich der Dreier war, der zur Trennung führte. Nicht, ob Pegeen die Person ist, als die Louise Renner, die sitzengelassene College‐Dekanin, sie beschreibt: »Seien Sie gewarnt, Mr. Famous: Sie ist begehrenswert, sie ist wagemutig, und sie ist absolut rücksichtslos, absolut kaltherzig, unvergleichlich selbstsüchtig und vollkommen amoralisch.« Dies alles könnte so sein – es könnte sich aber auch um den Wahn dieser allesamt vom Leben enttäuschten Figuren handeln. Ein Wahn, der dennoch höchst reale Konsequenzen hat.
»Sie hat ihre Freundin in Montana in einen Mann verwandelt. Sie hat mich in eine Bettlerin verwandelt. Wer weiß, in was sie Sie verwandeln wird. Sie hinterlässt eine Spur der Zerstörung.« Wenn Louise Renner so über Pegeen redet, dann ist das wahrscheinlich nur der Ausdruck von Eifersucht und enttäuschter Liebe. Doch in Axler ist der Keim des Misstrauens gepflanzt. Und es ist der Versuch, das Unheil abzuwenden, der sein Kommen nur beschleunigt und schließlich zu Axlers letztem großen Auftritt führt.
Dass die Geschichte alternde Schauspieler fasziniert, verwundert kaum. Hollywood‐Star Al Pacino, dem Duft der Frauen ebenso zugetan wie Roth, hat sich bereits die Filmrechte gesichert.

Philip Roth: Die Demütigung. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2010, 144 S., 15,90 €

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