Ignatz Bubis sel. A.

Der Lebenshungrige

von Stephan J. Kramer

Die feierliche Eröffnung der Ignatz-Bubis-Ausstellung »Ein jüdisches Leben in Deutschland« wurde vom Jüdischen Museum Frankfurt am Main in die ehrwürdige Paulskirche verlegt. Egal, aus welchen Gründen dies geschah, die Tatsache selbst könnte symbolträchtiger nicht sein. Als im Oktober 1998 Martin Walser für seine Rede über die »Auschwitzkeule« an gleicher Stelle von den namhaft vertretenen Eliten dieses Landes tosenden Beifall bekam, waren es Ignatz und Ida Bubis, die sich als Einzige nicht erhoben und nicht applaudiert hatten. Mit ihnen gab es Tausende von Juden in Deutschland, die ihren Augen und Ohren nicht trauen wollten, angesichts der Bilder und Worte, die diese Friedenspreisrede beinhaltete. Vor diesem Hintergrund ist es für mich völlig rätselhaft, was sich die Ausstellungsmacher dabei gedacht haben, als sie Martin Walser mit seinem aktuellen Audiobeitrag in der Ausstellung eine Plattform geboten haben. Gleiches gilt für die überflüssige und geschmacklose Einladung zur Ausstellungseröffnung.
Ignatz Bubis sel. A. war es, der im Alleingang der widerspruchslos aufgenommenen Rede Walsers massiv und öffentlich widersprach. Als er dann kurz vor seinem Tod im Sommer 1999 erklärte, er habe nichts, fast nichts erreicht, so war das sicherlich auch Ausdruck einer vorhandenen Enttäuschung gewesen. Enttäuschung nicht etwa über die Worte Walsers, sondern vielmehr über das mangelhafte Immunsystem und die Sensibilität der bundesrepublikanischen Nachkriegseliten gegenüber dessen Thesen. Gerade Bubis war es, der als Schoa-Überleben- der und exponiertester Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gegen die vermeintliche These der Kollektivschuld und für eine gemeinsame Verantwortung von Juden und Nichtjuden im Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung offensiv eingetreten war.
Ignatz Bubis’ Enttäuschung am Ende seines Lebens hatte noch andere Gründe. Enttäuscht war er über die vielen unrealisierten Visionen und unerledigten Projekte. Enttäuscht war der Familienmensch über die fehlende Zeit für seine Tochter und seine Frau Ida. Auch wenn es noch so viel zu tun gab, der Zentralratspräsident war stets lebenshungrig und rastlos. Vor allem aber war er begierig danach, Menschen kennenzulernen und mit Jugendlichen zu sprechen. Mancher Termin mit einem hochrangigen Politiker, sogar Ministerpräsidenten und Bundesminister, wurde abgesagt, um einer Schulklasse die Möglichkeit zum Gespräch zu geben.
Für mich war Ignatz Bubis mehr als nur ein Schoa-Überlebender, erfolgreicher Unternehmer oder bekannter Politiker. Ignatz Bubis war für mich wie eine Vaterfigur und darüberhinaus vor allem ein Mensch, im besten Sinne des Wortes. Ignatz Bubis tat Gutes und sprach nicht darüber. Er hatte stets ein großes Herz und offenes Ohr, und er nahm sich Zeit für jeden, der ein ernsthaftes Anliegen hatte. Letzteres führte dazu, dass ich als einer seiner engsten Mitarbeiter viele Abendstunden und manches Wochenende, allein oder mit ihm zusammen, über Akten im Büro, in seiner Wohnung oder am Telefon verbrachte. Noch heute denke ich an viele dieser Gespräche zurück. Seine Ironie und sein Humor bleiben mir unvergessen. Manche Besprechung fand erst nach einem langen Arbeitstag in irgendeinem Hotel auf seiner Reiseroute durch Deutschland statt, meist spät nach Mitternacht. Mancher behauptete angesichts seines ungeheuren Arbeitspensums, er sei eine Kerze gewesen, die hell leuchtete, aber an beiden Enden brannte. Sehr zum Argwohn seiner Mitarbeiter hatte Bubis ein phänomenales Gedächtnis und ein noch besseres Zahlenverständnis. Er war ein Mann, dessen Wort mehr galt als jeder unterschriebene Vertrag, verbindlich und gerecht, aber auch unnachgiebig gegen sich selbst und seine Umgebung.
Ignatz Bubis ging nie einem Konflikt aus dem Weg. So bezeichnete er sich selbst als Mitglied im Club der deutlichen Aussprache und nahm auch kein Blatt vor den Mund. Dies führte unter anderem dazu, dass fast jeder eingehende Brief, besonders auch die antisemitischen Zuschriften, beantwortet wurden. Manche Briefeschreiber bezeichneten sich einleitend als »halbjüdisch oder vierteljüdisch«, um sodann ob ihrer jüdischen Wurzeln scheinbar legitimiert, mit den üblichen Klischees aufzuwarten. Bubis pflegte seine Antwort mit der Frage zu beginnen, welche »Hälfte oder welches Viertel« denn nun jüdisch sei, um anschließend jedes Klischee auseinander- zunehmen. Die in der Frankfurter Ausstellung gezeigten Aktenordner mit Schmähbriefen umfassen nur einen kleinen Bruchteil der geführten Korrespondenz. Wir hatten Schränke voll davon. Auf meine Frage, warum er sich die Beantwortung solcher Schmähbriefe überhaupt antun würde – ich hielt dies zunächst für Zeitverschwendung und obendrein Masochismus –, antwortete mir Bubis: Zum einen böte die Beantwortung und Auseinandersetzung mit dem Thema die Gelegenheit, die eigene Wahrnehmung und Argumentation zu schärfen. Zum anderen würde er niemals schweigen. Schließlich dürften die Antisemiten nicht das letzte Wort haben.
Als Ignatz Bubis am 20. September 1992, als Nachfolger des verstorbenen Heinz Galinski sel. A., zum Vorsitzenden des Zentralrats der Juden gewählt wurde, hatten nicht wenige Zweifel an seinen Führungsfähigkeiten. Er zählt bis in die Gegenwart zu den herausragendsten Juden in der Bundesrepublik Deutschland. Ignatz Bubis sel. A. bleibt für mich stets der Maßstab, an dem sich alle, die ihm im Amt nachfolgen, werden messen lassen müssen.

Der Autor war von Dezember 1998 bis August 1999 persönlicher Referent von Zentralratspräsident Ignatz Bubis.

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