unternehmergeist

Der kleine Manager

Der Telefonanruf kam irgendwann im Juli. Am Apparat war die Sekretärin der jüdischen Gemeinde. Ob David zu Hause sei, wollte sie wissen. David befand sich gerade in einer entscheidenden Schlacht in World of Warcraft und nahm nur widerwillig den Anruf entgegen. Er klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter und versuchte weiterzukämpfen.
Die Frau stellte sich vor und erklärte, worum es ging: Die Gemeinde plane einen Chanukka-Workshop für Kinder zwischen acht und zehn Jahren. Man will die Leitung einem Jugendlichen übertragen. »Hättest du Lust, David, an drei Nachmittagen für je 25 Euro den Kurs zu leiten?«, fragte die Stimme am anderen Ende. – »Ja, sofort!«
75 Euro plus dreimal zehn Euro Spesenvergütung – solche Jobs nimmt David immer an. Und wie gesagt: Es war Juli. Der August verging, und der September war auch schon bald vorüber, als sich David an den Auftrag erinnerte. An einem freien Nachmittag setzte er sich an den Rechner und schrieb von Wikipedia alles über Chanukka ab. Schnell hatte er drei Seiten voll. Irgendwo fand er im Internet ein Trendel-Lied zum Runterladen und Chanukkarezepte. »So leicht habe ich noch nie Geld verdient«, dachte er.
Doch dann war er vor einem Monat in der Synagoge. Man hatte gerade die Lesung beendet und wollte die Tora wieder einrollen. Da kam große Hektik auf: Die Mappa, das Tuch, mit dem man die Tora einrollt, war verschwunden! Zehn Minuten lang wurde gesucht. Da war von draußen plötzlich lautes Weinen zu hören: Der kleine Maximilian lag am Boden, beide Hände am Rücken verbunden – mit der Mappa!
Es stellte sich heraus, dass die Erlanger-Zwillinge die Mappa entwendet und Schabernack damit getrieben hatten. David musste fast lachen – doch da schoss ihm wie ein Blitz durch den Kopf: Die schrecklichen Zwillinge sind neun Jahre alt! Das heißt, sie kommen an Chanukka zu seinem Unterricht. Oh weh! Durch Davids Hirn liefen plötzlich die Namen sämtlicher Kinder aus der Gemeinde: die schreiwütige Anna (8 Jahre), der fiese Jakob (10 Jahre), der Rülps-Prinz Menasche (10 Jahre), die rotzfreche Linda (9 Jahre) ... Oh weh, oh weh!
David, sonst ein mutiger Junge, bekam es mit der Angst zu tun. Wie soll er diese Bande ungezogener Kinder in Zaum halten? Er ging zu seinem Onkel. Der war früher Stabsunteroffizier bei der Bundeswehr. »Hör zu, David. Du musst zuerst ultrastreng sein. Die Soldaten müssen vor dir große Angst haben. Erst nach ein paar Wochen darfst du langsam netter zu ihnen werden.« Aber David würde doch nur dreimal einen Kurs geben!
Er muss ziemlich traurig ausgesehen haben. Seine blöde Schwester zeigte auf jeden Fall Mitgefühl und fragte, was denn los sei. Als sie die Story hörte, bot sie ihm spontan an: »Gib mir die Mädchen für 15 Minuten. Ich gebe ihnen Schminktipps.« David war begeistert. Er wollte seiner Schwester gerade einen Kuss geben, als sie nachschob: »Kostet fünf Euro!«
David war trotzdem einverstanden. Ihm kam nämlich noch eine andere Idee: Er rief seinen nichtjüdischen Kameraden Jürgen an, und fragte, ob er jeweils für eine Viertelstunde Skateboard-Tricks vorführen könne. Abgemacht! Toll. Dann rief er Uri Landau an. Herr Landau kommt aus Israel und spielt leidenschaftlich Gitarre. David schaffte es, dass auch er ein paar Minuten vorbeikommen wird und israelische Lieder spielt.
Die nächsten Tage verbrachte David wie ein Manager: Er telefonierte, simste, plante, schrieb. Schließlich ging er seinen alten Religionslehrer Herrn Ostrowsky im Altersheim besuchen. Herr Ostrowsky ist 91 Jahre alt und sieht nicht mehr gut. Im Kopf ist er aber noch hellwach. »Herr Ostrowsky, hätten Sie Lust, zehn Minuten etwas über Chanukka zu erzählen? Es handelt sich bei den Zuhörern um ganz, ganz liebe Kinder.« Logisch, dass Herr Ostrowsky kommen wird!
Wer jetzt denkt, dass David mit dem Ergebnis zufrieden wäre, kennt den Jungen nicht! Von einem Bekannten hörte er, dass Daniel Wachofsky früher Artist in einem russischen Zirkus war. Heute arbeitet Herr Wachofsky in einem Computerladen. »Was haben Sie damals für Kunststücke gemacht?«, fragte David ihn am Telefon. »Seilakrobatik und Jonglieren mit fünf Keulen.« »Toll, ich nehme Sie! Würden Sie gratis zu uns kommen? Ihr Sohn Menasche ist doch auch dabei.« Herr Wachofsky stimmte zu, ebenso die Bloch-Brüder, die in ihrer Studentenzeit Straßenmusiker waren. Und weil David seine Mutter so bestürmte, willigte auch sie ein. Sie wird mit den Kindern ein paar Rezepte aus dem Internet nachkochen.
Uff – ein hartes Stück Arbeit, so viele Menschen für eine Sache zu begeistern. Aber es wurde ein Riesenerfolg! David machte abzüglich diverser Kosten insgesamt 32 Euro Gewinn. Immerhin. Im letzten Teil des Workshops war ihm dann fast ein wenig traurig zumute, denn bald würde alles vorbei sein. Spät am Abend legte Davids Vater stolz die Hand auf seine Schulter. »Das ist dein persönliches Chanukka-Wunder: Aus einem kleinen Jungen wurde ein Unternehmen mit acht Mitarbeitern! Hast du gut gemacht!«

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