Ungarn

Der Jud’ ist schuld

von Peter Bognar

Ungarn ist von den Schockwellen der globalen Finanzkrise mit voller Wucht getroffen worden. Nachdem der Forint, die ungarische Währung, und der Budapester Börsenindex (BUX) jäh in die Tiefe gesaust waren und von vielen ein drohender Staatsbankrott an die Wand gemalt worden war, sah sich die sozialistische Minderheitsregierung von Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány gezwungen, eine rund 20 Milliarden Euro schwere Kredithilfe von Weltbank, Internationalem Währungsfonds und EU in Anspruch zu nehmen. In der Folge stabilisierten sich zwar sowohl der Forint als auch der BUX, allerdings traten die ersten Auswirkungen der Krise auf die Realwirtschaft Ungarns offen zutage: Es kam zu Betriebsschließungen und Entlassungen.
Auch die rund 120.000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinschaft des Landes bekommt die Härten der Finanzkrise zu spüren. Die zu erwartenden drastischen staatlichen Sparmaßnahmen als Folge der Finanzkrise treffen einerseits vor allem die untere Mittelschicht der ungarischen Juden, nicht zuletzt Lehrer, Beamte und Wissenschafter, deren Reallöhne gesunken sind. Andererseits ist besonders die ältere Generation betroffen. »Hierzu zählen insbesondere die Schoa‐Überlebenden, deren ohnehin niedrige Renten sinken werden«, sagt Péter Feldmájer, Präsident der Allianz der Jüdischen Kultusgemeinden in Ungarn (MAZSIHISZ).
Auch seine Organisation ist angesichts der Unbilden der Finanzkrise mit Schwierigkeiten konfrontiert. So weist Feldmájer darauf hin, dass kommendes Jahr die staatlichen Förderungen für MAZSIHISZ sinken würden. Dies bedeute, dass die Eigenkosten der jüdischen Organisation steigen werden. MAZSIHISZ muss für zwei Sozialheime, ein Krankenhaus, mehrere Kindergärten, Schulen und eine Universität aufkommen sowie für rund 40 Synagogen und die Pflege von mehr als 1.500 jüdischen Friedhöfen. Hinzu kommen die tägliche Beköstigung von rund 5.000 notleidenden Menschen und die Versorgung der jüdischen Gemeinde mit koscheren Nahrungsmitteln. Pro Jahr koste dies drei bis vier Milliarden Forint (rund zwölf bis 16 Millionen Euro). Allein der Betrieb des Krankenhauses erfordere jährlich rund eine Milliarde Forint (rund vier Millionen Euro), so Feldmájer.
Den Rotstift müsse MAZSIHISZ vor allem bei den Ausgaben für die Erneuerung von Schulen, Gemeindezentren und die Aufrechterhaltung der jüdischen Friedhöfe ansetzen. Die Ausgaben für das religiöse Leben möchte seine Organisation nicht verringern, betont Feldmájer.
Auch andere jüdische Einrichtungen sind von der Finanzkrise betroffen. So erlebt Ádám Schönberger, Geschäftsführer des jüdischen Kulturvereins »Marom« und Mitbegründer des jüdischen Kulturetablissements »Sirály« die Auswirkungen, wie er sagt, »am eigenen Leib«. Vor allem das American Jewish Joint Distribution Committee (JOINT) und die Jewish Agency hätten ihre Förderungen für Kulturprogramme von »Marom« unter Berufung auf die weltweite Krise »radikal eingeschränkt«. Auch auf das »Sirály« sieht Schönberger eine Phase der Stagnation zukommen.
Péter Gárdos, Finanzchef des ungarischen JOINT‐Ablegers, gibt sich lakonisch. In Anbetracht der globalen Finanzkrise müsse JOINT das »Risiko minimieren« und bei seiner Fördertätigkeit »auf jeden Fall vorsichtiger« vorgehen, so Gárdos.
Doch nicht alle jüdischen Organisationen in Ungarn müssen ihre Aktivitäten wegen der Finanzkrise einschränken. So sieht der Direktor des in Budapest ansässigen mitteleuropäischen Büros der Ronald S. Lauder Stiftung, George Bán, seine Einrichtung nicht vor finanziellen Schwierigkeiten: »Gott sei Dank sind wir von der Krise nicht betroffen, da wir nur einen Förderer haben«, sagt er. Nach Ansicht von Bán dürften vor allem jene Stiftungen unter der Finanzkrise leiden, die viele Gönner haben. Diese überlegten sich in Zeiten wie diesen zweimal, ob sie ihre Gelder karitativen Einrichtungen spenden. Die Lauder‐Stiftung unterhält in Ungarn eine Schule und organisiert jedes Jahr ein Jugendlager in der südostungarischen Stadt Szarvas.
Wie zu erwarten, treibt im Klima der Finanzkrise auch in Ungarn der Antisemitismus wilde Blüten. Doch habe es keinen Sinn, mit »verrückten Menschen« zu diskutieren, meint MAZSIHISZ‐Präsident Péter Feldmájer. Einmal jedoch sei seine Organisation gegen die mit der Finanzkrise einhergehenden antisemitischen Töne auf den Plan getreten. Er nennt den »maßlos rüden Artikel« des namhaften rechten Publizisten Zsolt Bayer, der für die »bürgerliche Zeitung« Magyar Hírlap schreibt. Diesen Text habe MAZSIHISZ nicht ohne Re‐ aktion auf sich beruhen lassen können.
In Bayers Artikel, der am 6. Oktober erschien, ist unter anderem zu lesen: »Die unermessliche Geldgier, Unersättlichkeit und Verantwortungslosigkeit der Brooklyner Juden und der Yuppies an der Wall Street haben die amerikanische Finanzwelt in den Ruin getrieben. Und damit verbunden natürlich den gesamten Erdkreis (…) Es ist ziemlich schwierig, nüchtern zu bleiben, meine lieben Freunde! Es ist daher durchaus verständlich, wenn sich zwischen der Bronx und dem Deák tér (einem zentralen Platz in Budapest) bei allen unweigerlich die Hände zu Fäusten ballen.«
Die Internetseite www.antiszemitizmus.hu, die sich die Bekämpfung des Antisemitismus in Ungarn auf ihre Fahnen geschrieben hat, kommentiert Bayers Zeilen wie folgt: »Viel wird davon abhängen, wie die Mainstream‐Rechte auf Bayers neueste Ergüsse reagiert. Führende Politiker der Jungdemokraten haben sich kürzlich jedenfalls vergnügt mit ihm bei einer Parteiveranstaltung unterhalten.«
Auf der Internetseite www.zsido.com (Jude.com) wiederum verweist ein unter dem Pseudonym »Mokkaczuka« (Mokkazucker) schreibender Blogger auf die negativen Folgen antisemitischer Verschwörungstheorien: »Wenn einem Fabrikarbeiter gekündigt wird, kann man ihm nun kurzerhand erklären, wer an seiner Misere schuld sei. Wohl kaum die Radfahrer! Damit ist es gelungen, einen neuen Antisemiten zu produzieren. Gratulation!«

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