Barack Obama

Der Joker

von Jacob Heilbrunn

Gerade ist in den USA der neue Batman The Dark Knight – Der dunkle Ritter angelaufen. Der wirkliche Star des Films ist dieses Mal aber nicht der Mann im Fledermausanzug, sondern ein anarchischer Böse‐ wicht namens „Joker“. Der Zeitpunkt für den Filmstart könnte nicht passender sein. Das düstere Epos spiegelt genau die Stimmung der Mutlosigkeit wider, die Amerika derzeit beherrscht. Denn das Land zerbröckelt wie Batmans geliebtes Gotham City.
Die Preise für Benzin und Nahrungsmittel steigen drastisch. Die Aktienkurse rauschen in den Keller. Zahlreiche Häuser werden wegen der Immobilienkrise zwangsver‐ steigert. Unsere Truppen in Afghanistan und im Irak sind in ein aussichtslos scheinendes Unterfangen verwickelt. Unversehens ist es vorbei mit unserem selbstgefälligen Glauben an die Überlegenheit Ameri‐ kas. Die Wahrheit lautet: Sollte Barack Obama – was derzeit sehr wahrscheinlich ist – der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden, dann ist die Zeit reif für eine Revolution in der amerikanischen Innen‐ und Außenpolitik. Insofern ist die nächste Präsidentschaftswahl von entscheidender Bedeutung: Entweder werden sich die USA erneuern oder ihre Macht und ihren Einfluss weiterhin nutzlos vergeuden.
Auch für Europa könnten diese Wahlen entscheidend werden. Es gab einmal eine Zeit, da brauchte die alte Welt die neue. Nun aber brauchen die USA Europa. Sowohl der Republikaner John McCain als auch der Demokrat Barack Obama werden die Europäer anflehen müssen, mehr Engagement an der Seite Amerikas im Kampf gegen Al‐Qaida und die Taliban zu zeigen. Ob die Europäer, die derzeit von einem starken Euro profitieren und eine generelle Abneigung gegen Militäreinsätze zeigen, dem auch nachkommen werden, ist eine ganz andere Frage. Obama, der auf dem Höhepunkt seiner Popularität steht, könnte es leichter fallen, Europa zu einem größeren Einsatz zu bewegen. Denn McCain ergeht sich immer noch in einer apokalyptischen Rhetorik, die einen vierten Weltkrieg gegen den Terrorismus heraufbeschwört.
Die größten Differenzen zwischen den Kandidaten bestehen in der Nahostpolitik. McCain würde die Politik seines Vorgängers George W. Bush nicht einfach fortführen. Sie wäre viel radikaler. Mehrfach drohte er damit, Teheran zu bombardieren. Und der 71‐Jährige versucht, Obama als außenpolitischen Schwächling darzustellen, der amerikanische Interessen verraten würde. Natürlich möchte McCain auch die amerikanischen Juden mit einer harschen Linie umwerben. Verhandlungen mit Hamas und Hisbollah, so betont er immer wieder, kämen für ihn nicht infrage.
Obama versichert Israel zwar seiner Unterstützung. Aber er würde den jüdischen Staat viel entschlossener zu Kompromissen mit den Palästinensern drängen. Immer wieder erklärt der 47‐Jährige, dass die USA sich mit ihren Feinden ins Benehmen setzen müssen. Das Gleiche dürfte dann auch für Israel gelten. Barack Obama jedoch als eine Art „Muslim im Herzen“ zu bezeichnen, der nur darauf wartet, den jüdischen Staat verraten zu können, ist Unsinn. Es gibt nicht die geringsten Anzeichen für eine anti‐jüdische Einstellung. Tatsächlich berät er sich regelmäßig mit prominenten amerikanischen Juden, darunter Dennis Ross, den Nahost‐Beauftragten der Clinton‐Administration. Israel hat sich jedenfalls auf potenzielle Veränderungen der amerikanischen Politik eingestellt und führt bereits Gespräche mit Syrien. Ob nun Obama oder McCain die Wahl gewinnt: Im Nahen und Mittleren Osten ist einiges in Bewegung geraten.
Das bedeutet jedoch nicht, dass McCain die tief greifenden Veränderungen verstanden hat, die auf der gesamten Welt stattgefunden haben. Im Gegenteil. Seine gesamte Wahlkampagne gründet sich auf die Idee der Konfrontation – einer Konfrontation mit China, Russland, dem Nahen und Mittleren Osten oder jedem anderen Feind, den er entdeckt. Als einer der letzten Repräsentanten der Generation des Kalten Kriegs führt McCain im Grunde immer noch den Vietnamkrieg fort. Er will Amerika von der Schande dieses Krieges befreien, indem er im Irak triumphiert – was auch immer dies bedeuten mag. Als Präsident würde er unser Engagement im Irak verlängern und dennoch die derzeitige Politik der Steuererleichterungen durchsetzen, selbst wenn das Haushaltsdefizit immer größer und der Dollar immer schwächer wird.
Obama mag nicht der Retter Amerikas sein. Aber er symbolisiert einen klaren Bruch mit der Bush‐Ära. Er glaubt an die USA – aber er glaubt nicht, dass Amerika dem Rest der Welt ein Diktat aufzwingen sollte. Er erkennt die Grenzen amerikanischer Macht an, weigert sich, seine Feinde zu dämonisieren und versteht, dass Amerika fast alles grundlegend ändern muss: vom Energieverbrauch bis zur Krankenversicherung. Damit die USA am Ende doch nicht zerfallen wie Batmans Gotham City.

Der Autor gehört zu den bekanntesten Journalisten in den USA. Er schreibt für die Los Angeles Times, die New York Times und ist Senior Editor von The National Interest.

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