Portugal

Der Hauptmann von Porto

von Michael Berger

Mekor Hayyim, Quelle des Lebens, so heißt die von Artur de Barros Basto im Jahre 1927 gegründete jüdische Gemeinde von Porto. Dem Beginn der Gemeinde, der zu einer Renaissance jüdischen Lebens im Norden Portugals führen sollte, folgte 1929 die Grundsteinlegung für den Bau der prächtigen Kadoorie‐Synagoge, finanziert durch Spenden der gleichnamigen Familie und der französischen Rothschilds. Schon beim Betreten der Synagoge fühlt man die Präsenz des charismatischen Führers der portugiesischen Marranen, Barros Basto, der mit der Gründung der Gemeinde die seit Jahrhunderten in dieser Region Portugals lebenden Krypto‐Juden in die jüdische Gemeinschaft zurückführen wollte.
Entdeckt wurde diese Gruppe von Juden von dem Bergbauingenieur Samuel Schwarz, der 1917 auf einer Inspektionsreise in die Kleinstadt Belmonte Menschen entdeckte, die jüdische Riten praktizierten. Schwarz’ Entdeckung war eine Sensation für die gesamte jüdische Welt. Eine Gruppe von Juden hatte in einer entlegenen Bergregion nahe der spanischen Grenze mehr als vier Jahrhunderte lang heimlich ihre jüdische Identität bewahrt.
Im Jahre 1497 hatte König Manuel I. die portugiesischen Juden dazu gezwungen, entweder die Taufe anzunehmen oder das Land zu verlassen. Die meisten Juden verließen Portugal, viele traten jedoch offiziell zum Christentum über. Im Geheimen praktizierten sie weiterhin ihr Judentum, in ständiger Angst, von der Inquisition entdeckt zu werden. Man nannte diese Menschen Neuchristen, Conversos oder abfällig Marranos.
Die Juden in Belmonte, Covilhã, Fundão und weiteren Kleinstädten in der portugiesischen Provinz Beira‐Baixa blieben dem Judentum treu, zündeten Schabbatlichter, fasteten an Jom Kippur und feierten Pessach. Sie bewahrten die Form der jüdischen Eheschließung, einige jüdische Trauergebräuche und ersetzten den Verlust der heiligen Texte durch handgeschriebene Gebetbücher. Auch nach Aufhebung der Inquisition im Jahr 1821 praktizierten sie ihr Judentum weiterhin im Verborgenen.
Ihre Entdeckung durch Samuel Schwarz fiel schicksalhaft zusammen mit dem Zeitpunkt, als der portugiesische „Kriegsheld“ Artur Carlos de Barros Basto sich dazu entschloss, zum Glauben seiner Väter zurückzukehren. Barros Basto wurde im Jahre 1887 in Amarante in eine Familie von Neuchristen geboren. Er begann eine Karriere im Militär und wurde bekannt, als er in der Revolution von 1910 auf dem Rathaus von Porto die republikanische Flagge hisste. Im Ersten Weltkrieg führte er als Hauptmann eine Kompanie in der Schlacht von Flandern. In den Schützengräben sah er einen französischen Offizier, der am Freitagabend den Schabbat‐Eingang feierte. In diesem Augenblick erinnerte er sich an die Zeremonie des Kerzenzündens im Hause seines Großvaters in Amarante, die er als kleiner Junge so oft verständnislos angesehen hatte.
Dieses Erlebnis sollte Barros Bastos Leben fortan bestimmen. Nach dem Krieg trat er in Marokko offiziell zum Judentum über und nannte sich fortan Abraham Ben Rosh. Zurückgekehrt nach Porto, heiratete er eine jüdische Frau, gründete eine Jeschiwa und widmete sein Leben der Aufgabe, die Marranen Nordportugals zum Judentum zurückzuführen.
Die Kirche betrachtete seine Bemühungen, die Neuchristen wieder in die jüdische Gemeinschaft zu integrieren, mit Argwohn. Der Vorwurf eines Priesters, Barros Basto hätte sich an seinen Schülern vergangen, wurde vor einem zivilen Gericht zwar fallen gelassen, die Armee jedoch widerrief im Jahre 1943 seine Ernennung zum Offizier und schloss ihn un‐ ehrenhaft aus der Armee aus. Artur Carlos de Barros Basto starb 1961 als gebrochener Mann. Alle Versuche, ihn zu rehabilitieren, blieben bis heute erfolglos.
Vier Millionen Portugiesen – so schätzt man – sind jüdischer Abstammung, einige Tausend gehören zur Gruppe der Neuchristen, die ihre Religion niemals aufgaben; viele sind in den letzten Jahrzehnten zum Judentum zurückgekehrt. Auch wenn in der Synagoge von Porto selbst an Feiertagen kaum mehr als 20 Juden am Gebet teilnehmen, gibt es dennoch eine Renaissance jüdischen Lebens. 500 Jahre nach der Vertreibung wurde in Belmonte die Synagoge Bet Eliahu eingeweiht. Abraham Ben Roshs Traum ging in Erfüllung.

Der Autor ist Hauptmann der Bundeswehr und Historiker im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam.

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