August Liebmann Mayer

Der Gutachter

von Renate Schostack

Warum einer wie August Liebmann Mayer, einer der produktivsten Kunsthistoriker des frühen 20. Jahrhunderts, heute aus dem allgemeinen Bewusstsein fast verschwunden ist, lässt sich kaum erklären. Dies umso weniger, wenn man auf sein bewegtes Leben und die Bedeutung, die er nicht nur in Deutschland hatte, blickt.
Mayer, geboren 1885 in Griesheim bei Darmstadt, nahm eine Vorreiterrolle im deutsch-spanischen Kunst- und Kulturaustausch ein. Er galt als der größte Greco-Kenner seiner Zeit, publizierte Grundlegendes zu Goya und verfasste das Werkverzeichnis von Velázquez. Bei Heinrich Wölfflin promovierte er über Ribera. 1909 wurde er Kustos an der Alten Pinakothek in München, und nach seiner Berufung zum Universitätsprofessor war er deren Hauptkonservator für spanische Malerei. Schon 1913 verlieh ihm der spanische König Alfons XIII. das Ritterkreuz des Ordens Carlos III.
In Kulturzeitschriften äußerte sich Mayer zur Kunst der Gegenwart. Mit nahezu 400 Publikationen übertraf er an Produktivität alle großen Fachkollegen seiner Zeit. Seine Stärke waren Formanalyse, Stilkritik, historische Einordnung. Dass er weithin in Vergessenheit geraten ist, hängt auch damit zusammen, dass die erst spät in öffentliche Sammlungen gelangte spanische Kunst in Deutschland nie die Aufmerksamkeit genoss wie die niederländische, italienische oder französische.
Mit August Liebmann Mayer befassten sich in den vergangenen Jahren der Historiker Christian Fuhrmeister und die Malerin Susanne Kienlechner. Das Resultat ihrer Forschungen legten sie in einem Aufsatz nieder, der den süffigen Titel »Tatort Nizza: Kunsthandel, Kunstraub und Verfolgung« trägt. Er deckt schockierende Fakten über die Kunstraubpolitik der Nationalsozialisten auf. Für Mayer wurde dies zum Verhängnis. Die Machenschaften gegen ihn, die bis in die 20er-Jahre zurückreichten und im Winter 1930/31 kulminierten, entzündeten sich am Gutachterwesen. Das war eine Begleiterscheinung des boomenden Kunstmarkts im Berlin jener Jahre, in denen Fälscherskandale die Käufer verunsicherten. Kunstwerke, die russische Emigranten ins Exil gerettet hatten und Objekte, die der neue russische Staat aus Adels- und großbürgerlichem Besitz konfisziert sowie den Museen entnommen hatte, wurden in großem Umfang zu Geld gemacht. Zentrum des »Russenhandels« war das Auktionshaus Lepke. Sowohl die Emigranten wie die räuberischen Sowjets hatten gute Gründe, die Herkunft ihrer Ware zu verschweigen. Experten waren gefragter denn je.
Einer der bedeutendsten war August Liebmann Mayer. Es hieß, ohne sein Gutachten könne man in Amerika kein Bild verkaufen. Dass der Mann, der ein Buch nach dem anderen schrieb, einen Aufsatz nach dem anderen publizierte und auch in ausländischen Kunstzeitschriften als Ausstellungsmacher hervortrat, nun auch noch mit Expertisen Geld machte, das war zu viel. Von Neid und Missgunst geleitet, befeuert vom antisemitischen Geist der Zeit, bliesen einige seiner Kollegen, angeführt von Wilhelm Pinder, Ordinarius an der Münchner Universität, zur Hatz. Die Anschuldigungen lauteten auf Falschgutachten und Bereicherung, also Betrug und Korruption.
August Liebmann Mayer tat nichts Verbotenes. Von seinen Nebeneinkünften, die mit der Museumsdirektion abgesprochen waren, hatte er zwischen 1924 und 1931 an die Alte Pinakothek 37.500 Reichsmark überwiesen, was bei 5.350 Mark jährlich etwa seinem Gehalt entsprach. In der Öffentlichkeit schlug die Kampagne hohe Wogen. Der Völkische Beobachter schrieb voller Lügen über die »Hofhaltung« des »Kunstparasiten«. Im Landtag wurde »Levi Mayer« als »Kunstjude« angegriffen. Mayer schied auf eigenen Wunsch aus dem Staatsdienst aus. Er schrieb, obwohl er dem Ausgang eines Verfahrens mit Ruhe entgegensehen könnte, fühlte er sich den »Aufregungen eines Prozesses nicht gewachsen, zumal schon jetzt meine Nerven infolge der seit Monaten dauernden Hetzereien schwer gelitten haben«.
Die Nationalsozialisten ließen ihn von nun an nicht mehr aus dem Visier. August Liebmann Mayer verkörperte fast in Reinkultur das, was die neuen Machthaber zu vernichten suchten: Er war Jude, wohlhabend, hatte internationale Beziehungen, er vertrat Kunstideale, die sie verabscheuten. Wenige Wochen nach der »Machtübernahme« im März 1933 wurde er verhaftet und unter dem Vorwand, zwischen 1925 und 1932 zu wenig Einkommens- und Vermögenssteuer bezahlt zu haben, ins Münchner Polizeigefängnis gebracht. Es folgten tägliche Verhöre. Mayer hatte keinerlei Rechtsbeistand. Im Juni schnitt er sich Puls- und Halsschlagadern auf. Er überlebte. Doch Deutschland bot ihm keine Bleibe mehr. 1935 emigrierte er nach Frankreich. Seine Frau, eine nichtjüdische Tschechin, und die kleine Tochter folgten ihm 1936.
1940 wurde die Familie in Südfrankreich interniert. Frau und Tochter konnten nach einiger Zeit nach Paris zurückkehren, planten aber, dem 1941 nach Nizza geflüchteten Mann und Vater zu folgen. Doch dann starb die Frau, gerade, als sie die Ausreisepapiere ins unbesetzte Frankreich erhalten hatte. Der Vater brachte die Tochter in einem Internat in Nizza unter. Mit Expertisen für die Kunsthändler George Wildenstein in Paris, für Joseph Duveen in London, aber auch für den zwielichtigen Karl Haberstock, der für das in Linz geplante »Führermuseum« nach Ware suchte, hielt er sich über Wasser. Seit April 1941 wurde nach ihm gezielt gefahndet. 1943 flüchtete er nach Monaco. Ein französischer Kunsthändler verriet ihn und andere Juden gegen Geld an die Gestapo. August Liebmann Mayer wurde im Februar 1944 verhaftet und einen Monat später nach Auschwitz deportiert. Die französischen Behörden geben den 12. März 1944 als sein Todesdatum an.
Christian Fuhrmeister und Susanne Kienlechner rekonstruieren minutiös Mayers Leben. In Exkursen decken sie auf, von welcher Gesinnungslumperei hochgebildeter Fachkollegen er umgeben war. Die im Sold des NS-Staates stehenden Kunsträuber und Verfolger Mayers – die Autoren nennen die Namen von Bruno Lohse, Erhard Göpel, Bernhard Degenhart – machten nach dem Krieg als Kunsthändler, Kritiker oder Museumsdirektoren Karriere.
August Liebmann Mayer wurde posthum rehabilitiert. Bei einem Wiedergutmachungsverfahren stellte ein Gericht in München 1954 fest, dass es keinen Nachweis für Expertisen- und Steuerbetrug gäbe. Danach jedoch sank er in Vergessenheit.
Christian Fuhrmeister hatte 2006 die Gelegenheit, in einem Moskauer Sonderarchiv Unterlagen einzusehen, die dort als »Nachlass Mayer« verzeichnet sind. Vermutlich hatten die Nazis die Papiere nach Berlin gebracht, von wo sie russische Beutemacher mitnahmen. Fuhrmeister entdeckte dort, was bisher völlig unbekannt war: den Romancier und Theaterenthusiasten, der Kontakt zum Münchner Allround-Theatermann Otto Falckenberg hatte, der Dramen verfasste und in Liebhaberaufführungen auftrat. Wie sehr Mayer in der Münchner Kulturszene verankert war, belegt ein im September 2008 in der Zeitschrift »Literatur in Bayern« publizierter Aufsatz. Fuhrmeister/Kienlechner untersuchen darin die Rolle Mayers als Vorbild für die Romanfigur des Kunsthistorikers und Museumsmannes Martin Krüger, der in Feuchtwangers 1930 publiziertem München-Roman Erfolg von seinen Gegnern aus politischen Gründen zur Strecke gebracht wird.
Mayers Tochter wanderte nach dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten aus. Sie studierte Kunstgeschichte, arbeitete in ihrer Jugend als Galeristin in New York, später als Sozialarbeiterin in Los Angeles, wo sie heute wohnt. Nun sollen Bilder, auch aufgrund der Forschungen von Fuhrmeister und Kienlechner, aus dem Besitz ihrer Eltern an sie zurückgegeben werden, die sich derzeit noch im Depot der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen befinden.
Doch die größte Genugtuung dürfte es Angelika B. Mayer bereiten, die Wiederentdeckung ihres Vaters zu erleben, den sie als heiteren, dem Leben zugewandten Mann in Erinnerung hat.

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