Dilemma

Der große Zwiespalt

In Berlin hat sich am 23. September ein Bündnis gegen Homosexuellenfeindlichkeit gegründet. Man wolle damit ein klares Zeichen gegen Homosexuellenfeindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt gegen Andersdenkende setzen. 24 gesellschaftliche Organisationen und Institutionen haben sich daran beteiligt. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, der sich 2001 als erster Spitzenpolitiker in Deutschland als Homosexueller bekannt hat, kündigte eine Bundesratsinitiative des rot-roten Senats an. Ziel sei es, im Grundgesetz den Schutz gleichgeschlechtlicher Le-
bensweisen aufzunehmen.
Die Initiative zu dem Bündnis war vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVD) ausgegangen. Der Verband reagierte damit auf die sich häufenden gewalttätigen Übergriffe auf homo- und transsexuelle Menschen sowie auf das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin.

Schmähung Wie notwendig eine solche Interessenvertretung ist, zeigt auch ein erneuter Vorfall am vorvergangenen Wo-
chenende. Eine Gruppe Jugendlicher hatte im Berliner Volkspark Friedrichshain drei homosexuelle Männer angegriffen. Seit seiner Aufstellung im Ende Juni 2008 ist das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen dreimal beschädigt und geschändet worden.
Noch schlimmer traf es Anfang August dieses Jahres zwei junge Homosexuelle in der israelischen Mittelmeermetropole Tel Aviv. Sie wurden bei einem Anschlag auf das Gay-Center ermordet und 15 andere Jugendliche lebensgefährlich verletzt. Hass, Gewalt, Verunglimpfung von Homosexuellen scheinen auch im 21. Jahrhundert an der Tagesordnung.
Doppelt gefährdet sind jüdische Homosexuelle. Einerseits durch ihre sexuelle Orientierung, andererseits durch ihren Glauben. Nach dem Anschlag in Tel Aviv war die homosexuelle jüdische Gemeinschaft schockiert. Für viele schwule und lesbische Juden ist es unfassbar, dass ein Attentat gegen Homosexuelle in dieser weltoffenen Stadt passieren konnte.
Aaron Knappstein aus Köln, einer der Gründer der ehemaligen Gruppe Jachad, einem Treffpunkt für jüdische Homosexuelle, hat Freunde und Bekannte nach dem Anschlag angerufen und erfahren, wie tief der Schock sitzt. »Wir haben wirklich geglaubt, dass Tel Aviv eine Insel ist, wo so etwas nicht passieren kann. Es sei ein Platz, an den man sich frei fühlen könnte«, sagt Knappstein.

Gefährdete Minderheit Und in Deutschland? Die allgemeine Statistik geht davon aus, dass zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung homosexuell sind. Umgerechnet auf die offiziell knapp 120.000 jüdischen Mitglieder in den Gemeinden ist der Anteil der schwulen oder lesbischen Juden in Deutschland zwar verschwindend ge-
ring. Aber genau darin liege auch die Ge-
fahr für sie, sagt Knappstein. Während in Ländern wie England und Frankreich die Hälfte der jüdischen Bevölkerung zentriert in einer Stadt wohnt, leben Juden hierzulande in vielen Städten verteilt, erklärt Knappstein, entsprechend schwierig sei es, ihre Interessen zu vertreten.
Gefahr droht, so erzählt Fred Fischer aus München, auch vonseiten der Neonazi-Szene. »Dass man gerade hier diese Nazi-Gruppen durch das Grundgesetz schützt, ihnen dadurch eine gewisse Legitimation gibt, sie mit Steuergeldern versorgt und auch noch fahnenschwingend durch die Straßen marschieren lässt, halte ich für ungeheuerlich und unerträglich. Es ist eine Schande«, sagt Fischer.
Eine organisierte Gruppe für schwule und lesbische Juden gibt es in Deutschland seit 2001 nicht mehr. Zu unterschiedlich seien die Ziele der Jachad-Mitglieder gewesen. Die Gruppe war 1995 gegründet worden und hatte Mitglieder in Berlin, Köln und München. In Köln gehörten nur 20 bis 25 Juden der Gruppe an, sagt Knappstein. Selbst diese wenigen Mitglieder seien schwer unter einen Hut zu bringen gewesen. Er habe wie auch Fred Fischer in München, ebenfalls Jachad-Gründungsmitglied, alles allein organisieren müssen, erzählt Knappstein. Nach sechs Jahren habe er keine Kraft mehr dafür gehabt.

Kraftakt Doch nicht nur eine schwulenfeindliche Gesellschaft und eine innere Zerrissenheit verhinderten eine aktive In-
teressenvertretung. Für jüdische Schwule und Lesben wird die eigene Religion zum Problem. Sie sind im orthodoxen Judentum nicht akzeptiert. »Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel. (3. Buch Moses 18,22), heißt es in der Tora dazu.
Er kenne viele jüdische Homosexuelle, die glaubten, sich zwischen Judentum und Homosexualität entscheiden zu müssen, erzählt Knappstein. «Sie denken oft: ›Ich bin jüdisch oder ich bin schwul oder lesbisch.‹ Und dann leben sie das eine oder das andere Leben.» Doch Knappstein ist überzeugt: «Man kann beides miteinander verbinden. »Für viele ist diese Normalität ein wahrer Kraftakt«, sagt Fred Fischer. Er kennt Fälle, in denen Homosexuelle als Mitglieder orthodoxer Gemeinden geheiratet haben, um sich akzeptiert zu fühlen.
Er selbst hatte lange Zeit Probleme, seine Homosexualität mit seinem Judentum abzustimmen. Fischer gehörte als Kind mit seiner Familie zu der orthodoxen Gemeinde. Etwa zum Zeitpunkt seiner Barmizwa wurde ihm bewusst, dass er schwul ist. Aber er konnte das nicht einordnen. »Ich würde etwas Falsches machen und meinen Eltern damit etwas antun, auf das ich keinen Einfluss hatte«, erzählt Fischer. Es habe Jahre gedauert, bis er sein Schwulsein akzeptierte. Mit 20 fing er an, ein schwules Leben zu führen und kehrte der orthodoxen Religion den Rücken. Doch das belastete das Verhältnis zu seiner Familie. Der Kontakt zu seinen Eltern brach ab.
Nur durch seinen Beitritt zu Jachad und der liberalen jüdischen Gemeinde 1995 fand er einen Weg, Judentum und homosexuelle Identität zu verbinden. »Es muss selbstverständlich sein, dass sich jüdische Homosexuelle ebenso jüdisch fühlen wie jüdische Heterosexuelle«, fordert er. Es ist zwar nicht einfach, sagt Fischer, aber auch jüdische Homosexuelle können sich in der Religion wohlfühlen. »Ich bin stolz ein Jude und ein Homosexueller zu sein und habe liberale und aufgeklärte Eltern, die mich trotz meiner Homosexualität lieben«, sagt Fischer heute. »Sie haben gelernt, dass es besser ist, einen schwulen Sohn zu ha-
ben als gar keinen! Daran sollten Eltern denken und sich ein Beispiel nehmen.«
Dem Bündnis gegen Homophobie ha-
ben sich der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Deutsche Bank, der Deutsche Fußball-Bund sowie der Fußball-Bundesligist Hertha BSC angeschlossen. Auch die Berliner Polizei, die Jüdische Gemeinde zu Berlin und der Zentralrat der Sinti und Roma sind in dem Bündnis vertreten.

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