Gefahr von Rechts

Der große Unterschied

Küf Kaufmann ist im Stress. Der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig – im Hauptberuf Kabarettist und Regisseur – steht in diesen Tagen gleich doppelt im Rampenlicht. Zum einen durch die Aufführung seines neuen Programms »Massel und Schlamassel«, zum anderen durch die Position, die Kaufmann im Landesverband der jüdischen Gemeinden bekleidet. Er ist stellvertretender Vorsitzender in Sachsen, jenem Bundesland, wo auch die kleine Stadt Mügeln liegt. Vor zehn Tagen jagten dort 50 rechtsextreme Gewalttäter acht Inder über den Markt und verletzten sie. Über die Situation in Mügeln kann Kaufmann nichts sagen, aber er ist bereit zu einem Spaziergang durch Leipzigs rechte Hochburg.
Volkmarsdorf heißt das Viertel. Es liegt im Osten der Stadt. Bei der vergangenen Landtagswahl im September 2004 kam die NPD hier auf 14,5 Prozent. Viele Menschen sind arbeitslos. Der Ausländeranteil in Volkmarsdorf liegt weit über dem Leipziger Durchschnitt: Vor allem Araber, Vietnamesen und russische Juden haben hier ein Zuhause gefunden. Doch dass das Viertel gefährlich sei, »wäre für mich eine Entdeckung«, sagt Küf Kaufmann. »Sogenannte No‐Go‐Areas gibt es in Leipzig nicht.«
Der Gemeindevorsitzende trägt an diesem Sommertag eine helle weite Stoffhose, und auch sein Hemd ist weiß. Ein bisschen wirkt Kaufmann wie ein Arzt auf Visite, als er am Hauptbahnhof in die Straßenbahn der Linie 7 steigt, um im Leipziger Osten nach den Rechten zu schauen.
Minuten später steht er in Volkmarsdorf auf der Straße. Jetzt, um die Mittagszeit, ist hier kaum etwas los, die Bürgersteige sind verlassen. An den Häuser‐ wänden keine Graffitis mit rechten Parolen, keine Hakenkreuze. An der Ecke Eisenbahn‐/Torgauer Straße sitzen im Schatten eines Mini‐Markts zehn Männer mitt‐ leren Alters mit Bierflaschen. Krücken lehnen an der Häuserwand, am Boden liegen ein paar Hunde. Kaufmann grüßt, aus der Gruppe grüßt jemand zurück.
Der Gemeindevorsitzende kennt die Gegend. Er war schon öfter hier. Ganz in der Nähe wohnen mehrere Gemeindemitglieder. Im Fenster eines Bürgertreffs in der Konradstraße ist ein Hinweis auf ein Tanzfest angeschlagen. Zu sehen sind Bilder von Juden, Russen und Deutschen. Kaufmann sagt: »Schauen Sie: Dieses Fenster wurde noch nicht kaputtgeschlagen.« Dem Gemeindevorsitzenden liegt viel daran, das Positive herauszustellen. Wie könne ein gläubiger Mensch wie er auch nicht positiv sein, fragt Kaufmann. »Natürlich mag die Ruhe hier trügerisch sein, aber nicht nur hier: Das ist sie doch überall.«
Etwas später erreicht Kaufmann die Ecke Eisenbahn‐/Hermann‐Liebmann‐Stra‐ ße. Die Kreuzung ist sehr belebt, es halten Busse, Menschen steigen aus und ein. Plötzlich zieht Kaufmann eine schwarze Kippa aus der Tasche und setzt sie sich auf. »Die trage ich sonst nur in der Synagoge – und eben jetzt«, sagt er, so als müsse nun gleich etwas passieren. Doch offenbar interessiert seine Kopfbedeckung niemanden. Kaufmann geht langsam weiter, bleibt vor einem Döner‐Laden stehen, tritt ein und bestellt Huhn mit Salat und Brot. An‐ schließend setzt er sich oben im ersten Stock ans Fenster. Von hier aus hat Kaufmann einen guten Blick über die Nachbarschaft. Er sieht die schlicht gekleideten Menschen an der Haltestelle, wiederholt halblaut die Namen einiger Geschäfte: »MäcGeiz«, »GoldenPfennig«, »Streetwork‐Kontaktladen«.
Es dauert einige Minuten, bis Kaufmann seinen Blick von dieser bunten Szene abwendet. Dann sagt er: »Ich bin nicht blauäugig. Ich beschäftige mich mit den Problemen, mit Mügeln und so weiter. Doch ein Patentrezept zur Lösung gibt es nicht.« Er erinnere sich noch gut an das Ende der 80er Jahre, als er in der untergehenden Sowjetunion lebte und dort wieder einmal eine antisemitische Welle losbrach. »Das Leben meiner Familie wurde von einer Sekunde auf die andere unsicher.« Sie rechneten mit Übergriffen, seine Frau deponierte aus Angst einen Holzprügel im Hausflur. »Da wusste ich, dass ich uns in Sicherheit bringen muss – und dass es doch keine letzte Sicherheit gibt«, sagt Kaufmann, der 1990 nach Deutschland kam.
Rechtsradikalismus betrachtet er als Krankheit. Eine Krankheit der Gesellschaft, die überall auf der Welt auftritt und immer wieder ausbrechen kann. Eine Krankheit, die sich ausbreitet wie ein Krebsgeschwür, wenn man sie nicht frühzeitig erkennt und bekämpft. Der gefährlichste Wirt dieser Krankheit sei die Arbeitslosigkeit. »Doch in diesem Land«, sagt Kaufmann, »verschweigt das keiner. Hier benennt man die Stellen, an denen es stinkt. Das ist der erste wichtige Schritt.«
Und wie kann ein zweiter Schritt aussehen? Kaufmann sagt, er wünsche sich mehr Geld und Engagement für den Kampf gegen Rechts. Es sollte vor allem jungen Menschen die Möglichkeit gegeben werden, sich kennenzulernen und bestehende Vorurteile abzubauen. »In Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Land errichten wir hier in Leipzig gerade ein neues Begegnungszentrum«, sagt Kaufmann und erzählt von Burkhard Jung und Wolfgang Tiefensee, dem amtierenden und dem frü‐ heren Leipziger Oberbürgermeister, die ihn unterstützen und sehr vielen Bürgern den Rücken stärken. »Solche Beispiele machen Mut und bewirken weit mehr als Werbekampagnen für mehr Zivilcourage«.
Doch würde Kaufmann jemandem raten, in Sachsen aufs Land zu ziehen? In kleine Orte wie Mügeln? »Ich bin ein Stadtmensch und deshalb nicht geeignet, diese Frage zu beantworten.« Holger Biermann

*

Ein warmer Spätsommernachmittag, wie er im Buche steht, liegt über der kleinen Stadt an einem Fluss im Südwesten Sachsens. Die schmuck hergerichteten Renaissancefassaden auf der Ostseite des Marktplatzes fangen die Sonnenstrahlen ein. Das historische Rathaus mit Geranienkästen auf den Fensterbänken ist geschlossen, die Amtsgeschäfte ruhen um diese Zeit bereits. Marina Richter (Name geändert) hat gerade einen Arztbesuch hinter sich und schlendert mit ihrem Töchterchen nach Hause. Weit sind die Wege in der 10.000 Einwohner zählenden Stadt nicht. Die junge Frau kann wählen, ob sie die sich bergauf windende Hauptstraße nimmt oder eine schmale Treppe zwischen winkligen Häusern. Ein romantischer Weg ist es allemal. Oben angekommen, hat sie einen wunderschönen Blick auf den Fluss.
Den Aufstieg an der Kirche vorbei und über den Friedhof nimmt Marina oft. Aber nur bei Tage. Denn hinter dem Gottesacker versammeln sich häufig junge Leute, denen die Frau nicht im Dunkeln begegnen möchte. Sie würden »rumbrüllen und spätabends noch Krach machen«, erzählt sie. In diesem Sommer sei es nicht ganz so schlimm, weil es wenige warme Abende gab, »aber voriges Jahr war es unerträglich«. Beschwert bei den Krawallmachern hat sie sich nicht. »Ich habe Angst, dass sie mich anpöbeln«, sagt die 36‐Jährige. Marina ist keine »von hier«, das hört man sofort. Sie kommt aus der Ukraine. Die Leute in der kleinen Stadt sagen, sie sei Russin.
Dass Marina Jüdin ist, weiß außer ihrem Mann niemand im Ort. Auch wenn sie die Jüdische Gemeinde in Chemnitz nur selten besucht, sei sie dennoch tief im Herzen und von klein auf bewusst jüdisch. »Ich habe viel durchgemacht: Beleidigungen, Schwierigkeiten in der Schule und bei der Berufswahl. Es stand uns ja beinahe ins Gesicht geschrieben, dass wir Juden sind«, erinnert sich Marina an ihre Kindheit und Jugend in der ehemaligen Sowjetunion. Als »Mensch dritter Klasse« behandelt zu werden, möchte sie nicht noch einmal. Dass sie jüdisch ist, behält sie lieber für sich. Man hört ja so manches, und Mügeln ist nicht weit weg …
»Schlimmer ist es bestimmt in Leipzig«, sagt Marina Richter. In der Großstadt gebe es doch viel mehr Ausländer und ebenso viel mehr Leute, die gegen Fremde sind. Auch in einem der Nachbarstädtchen, da, wo ihr Mann herkommt, würde sie nicht wohnen wollen, beteuert sie. »Dort laufen junge Männer mit Glatze und Springerstiefeln herum.« Was die zierliche Frau nicht weiß: Der Polizeibericht für den Landkreis, in dem ihr Städtchen liegt, weist allein für die Tage vom 20. bis 24. August vier Vorkommnisse aus, an denen Personen in Springerstiefeln, mit Schlagringen und Taschenmesser beteiligt waren. Es wurden Hakenkreuze auf einen Imbissstand geschmiert, und die Polizei löste eine Ansammlung von Mitgliedern der verbotenen neonazistischen Gruppierung »Sturm 34« auf.
Eine Sprecherin des Landratsamtes sagt, rechtsextreme Aktivitäten gäbe es eher in den Städten als in den Landgemeinden, der Ausländeranteil im Territorium sei sehr gering. Dennoch habe der Landkreis in diesem Jahr 100.000 Euro für Vorbeugung und Aufklärung zur Verfügung gestellt, nachdem das Bundesfamilienministerium eine Aufnahme in das Förder‐ programm für Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus abgelehnt hatte.
Wie zum Beweis, dass es in Marinas Umgebung friedlich zugeht, stehen im Schaufenster eines Bestattungsinstitutes der kleinen Stadt seit mehreren Monaten völlig unbehelligt auch einige Grabsteine mit hebräischer Schrift. Kleine Infotafeln erläutern die Unterschiede zwischen christlicher und jüdischer Bestattungskultur. »Die meisten hier wissen sicherlich gar nicht, dass dies jüdische Symbole sind«, glaubt Marina. Überhaupt erlebe sie in Sachsen eine große Unwissenheit und Reserviertheit gegenüber allem, was nicht »deutsch« sei. Die Ablehnung reiche bis in die eigene Verwandtschaft, doch weiter ausführen möchte sie das nicht. »Mein Mann war nie religiös, doch ich habe von Anfang an zur Bedingung gemacht, dass er mich als Jüdin akzeptiert.« Dass sie ihr Judentum geheimhält, sei eine Art vorbeugender Schutz für die kleine Familie. Für gemeinsame Freunde ist sie die »Russin«.
Das Paar hat in der kleinen Stadt ein Häuschen gekauft, und Marina hat eine gute Arbeit in einem Seniorenheim gefunden. Schwer sei es, dem eigenen Kind zu erklären, dass sie keine Deutsche ist, sagt sie. Einmal musste sich ihre Tochter von einem Knirps im Kindergarten anhören, dass ihre Mutter doch komisch spreche. Manchmal überlegt sie, ob sie ein Aussprachetraining machen sollte, damit der Akzent verschwindet.
Der Apotheker am Markt, der kennt die Zugereiste inzwischen, mit ihm führt die examinierte Krankenschwester ab und zu Fachgespräche. Doch während sie so erzählend durch ihre kleine Stadt schlendert und einem alten Mann unter einem Torbogen nicht ausweichen kann, verstummt ihr Redefluss plötzlich, bis der Mann außer Hörweite ist. Nur nicht auffallen, scheint ihre Devise zu sein. Andererseits verweist sie auf die Pizzeria am Schlossplatz und den Obsthändler an der Ausfallstraße. »Es gibt Ausländer hier: Der eine ist Inder, der andere Vietnamese. Sie sind beliebt, die Leute gehen gern zu ihnen. Aber hinterm Rücken sagen sie doch ›Fidschi‹ zum Gemüsemann.« Gisela Bauer

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