Multikulturalismus

Der große Irrtum

von Rabbiner Jonathan Sacks

Multikulturalismus war ursprünglich gut gemeint. Ethnischen und religiösen Minderheiten sollte das Gefühl vermittelt werden, willkommen zu sein. Ihre Kultur wurde wertgeschätzt, die Differenz anerkannt. Und dies geriet nicht nur zum Schlechten. Großbritannien zum Beispiel ist heute offener, vielfältiger, lebendiger und kosmopolitischer als in meiner Kindheit.
Aber alles hat seinen Preis. Multikulturalismus hatte nicht Integration, sondern Abschottung bestimmter Gruppen zur Folge. Eigentlich sollte die Toleranz befördert werden, stattdessen sind multikulturelle Gesellschaften aggressiver, gespaltener und intoleranter geworden. Die liberale Demokratie ist in Gefahr. In Großbritannien ist die Meinungsfreiheit bedroht, eine Mischung aus Political Correctness und religiösem Separatismus nutzt die Großzügigkeit der Zivilgesellschaft aus. Religiöse Gruppen üben mit Boykotten und Kampagnen zunehmend Druck aus. Die Kultur zerfällt in verschiedene Glaubenssysteme, zwischen denen kein rationaler Diskurs mehr möglich ist.
Multikulturalismus ist keine Wertvorstellung, sondern ein Faktum: In den 70er‐Jahren kam es zu Masseneinwanderungen in die westlichen Länder. Die damalige intellektuelle Grundstimmung kam dem entgegen: Die Ideen der Nation oder der einheitlichen Kultur erschienen falsch, ja ge‐ fährlich. Noch etwas kam hinzu: das schleichende Verschwinden der Vorstellung von Moral schlechthin, verstanden als das Band, das die Individuen mit der gemeinsamen Gesellschaft verknüpft. 1961 wurde versuchter Selbstmord straffrei, 1967 wurden Abtreibung und Homosexualität legalisiert. Damit hörte die Rechtsprechung auf, in christlichen Werten begründet zu sein. So human diese Reformen auch anmuten, sie zeigen den Abschied von einem gesamtgesellschaftlichen Moralkodex. Der Wegfall gemein‐ samer moralischer Grundüberzeugungen ging einher mit dem Aufstieg des Individualismus. Moral wurde zu etwas Privatem; der Gesetzgeber sollte den Bürgern keine allgemeingültigen Wertvorstellungen mehr aufzwingen.
Aber wenn der moralische Konsens verschwindet, wird Moral auf persönlichen Geschmack reduziert. Die Frage nach Gut und Böse hat keinen höheren Rang, als die, ob jemand Vanilleeis mag oder nicht. Diskussionen über Moral sind unmöglich geworden, denn über Geschmack lässt sich nicht streiten. Das hat aber zur Folge, dass in solchen Diskussionen nicht das bessere Argument siegt, sondern der, der am lautesten schreit. Es gibt zahlreiche „Wahrheiten“, Wahrheit wird zur reinen Machtfrage.
Wo eine gemeinsame moralische Sprache fehlt, wird nicht das Argument angegriffen, sondern der, der es vorbringt. Bestimmte Ansichten werden tabuisiert, nicht, weil sie falsch sind – es gibt ja keine Wahrheit –, sondern weil sie angeblich die Würde derjenigen verletzen, die anderer Meinung sind. Die Träger dieser Ansichten werden dämonisiert: Christen sind homophob, Konservative sind Faschisten, wer die traditionelle Ehe befürwortet, ist heterosexistisch, wer den jüdischen Staat verteidigt, ist Rassist. Politische Korrektheit wird zum Machtinstrument im Namen der Toleranz. Diese „Toleranz“ ist aber weit intoleranter als die klassische Intoleranz.
Seit den 60er‐Jahren gab es immer mehr Gruppen, die Anerkennung forderten: erst die Juden und die Schwarzen, dann die Frauen und die Schwulen. Das Problem ist nicht, dass diese Gruppen gleiche Rechte forderten. Das Problem ist, dass sie sich als unterdrückt definierten. Ihre Beschwerden mochten in vielen Fällen berechtigt sein, nur lässt sich eine freie Gesellschaft nicht auf solchen Beschwerden aufbauen, so wie auch ein individuelles Trauma sich nicht heilen lässt, indem man ständig seine Wunden leckt. In einer solchen Gesellschaft kämpft eine Gruppe gegen die andere, und jede von ihnen behauptet, das größte Opfer der Geschichte zu sein.
Wir leben in einem Zeitalter revolutionärer Veränderungen, vergleichbar der Industrialisierung. Neue Kommunikationstechnologien sind entstanden, die unsere Kultur tiefgreifend verändern. Denn mit diesen neuen Technologien verschwindet die Idee einer Nationalkultur mit einem spezifischen Kanon. In England gehörten dazu die Bibel, Shakespeare und die großen Romane. Fernsehen und Zeitung konfrontierten die Menschen immerhin noch mit einer Vielzahl von Meinungen. Im Internet oder im Satellitenfernsehen kann sich jeder aus dem großen Angebot die Meinungen herauspicken, die er ohnehin vertritt, und den Rest ignorieren. So werden unsere eigenen Vorurteile wieder und wieder bestätigt. Das Internet bringt die Menschen weltweit zusammen, aber trennt sie dort, wo sie leben. Übernationale Identitäten werden gestärkt, nationale geschwächt, so dass sich ein Bürger Großbritanniens eher als Muslim, Hindu oder Jude fühlen kann denn als Engländer. Ob auf dieser Grundlage eine Gesellschaft langfristig bestehen kann, muss sich erst noch zeigen.

Der Autor ist Oberrabbiner von Großbritannien. Soeben erschien von ihm „The Home We Build Together“. Auf Deutsch liegt aktuell vor: „Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können“.

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