philosophie

Der Einsprecher

Im Jahr 1961 veröffentlichte der Journalist Thilo Koch einen Sammelband mit dem Titel Porträts deutsch‐jüdischer Geistesgeschichte, zu dem der Philosoph Max Horkheimer das Nachwort schrieb. Den Beitrag zum »deutschen Idealismus der jüdischen Philosophen« stammte aus der Feder des 32‐jährigen Philosophen und Soziologen Jürgen Ha‐ bermas. Innerhalb seines riesigen, weltweit rezipierten Werkes ist dieser Aufsatz gewiss eine Marginalie. Als ihn Habermas zehn Jahre danach in seiner Sammlung Philosophisch‐politische Profile wiederveröffentlichte, zählte er ihn selbst zu einer »recht bürgerlichen« Form »philosophischer Tagesschriftstellerei«.
Und doch fügt sich dieser Text in ein Profil ein, das man mit guten Gründen als bundesrepublikanischen Lernprozess beschreiben kann. Geboren 1929 in Düsseldorf, wuchs Jürgen Habermas in einem bürgerlichen Umfeld auf. Der Vater war Mitglied der NSDAP. Habermas wurde 1944 als HJ‐ler noch an den Westwall beordert. Der junge Student lernte noch bei den großen Persönlichkeiten der Weimarer Zeit, so etwa bei Theodor Litt und Nicolai Hartmann. Seine Dissertation hingegen schrieb er bei Erich Rothacker und Oskar Becker – zwei Denkern, die mit dem Nationalsozialismus tief verbunden waren.

kritik an heidegger Doch bereits während seiner Studienzeit, nämlich 1953, attackierte Habermas Martin Heidegger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scharf, weil dieser eine Vorlesung aus dem Jahr 1935 mit einem Bekenntnis zum Nationalsozialismus unkommentiert nachdrucken ließ. Daraus entstand eine Kontroverse, in deren Verlauf sich der sonst öffentlichkeitsscheue Heidegger in der Wochenzeitung Die Zeit vehement gegen Habermas’ Vorwürfe verwahrte.
Habermas ging dann zu Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nach Frankfurt, lernte dort die anderen großen Emigranten der sogenannten Frankfurter Schule, wie etwa Herbert Marcuse und Leo Löwenthal, kennen. Aber auch zu Karl Löwith, Helmuth Plessner, Ernst Bloch und vor allem Gershom Scholem unterhielt Habermas nicht nur persönliche Kontakte, sondern kommentierte und rezensierte auch ihre Werke.

austausch mit scholem Besonders intensiv war der Kontakt zu Gershom Scholem, wie Habermas selbst in einem schönen Erinnerungstext in der Zeitschrift »Münchner Beiträge zur jüdischen Geschichte und Kultur« berichtete. Das Interesse beruhte auf Gegenseitigkeit, was sich in Scholems Bibliothek in Jerusalem leicht überprüfen lässt. Habermas’ Aufsatz über die jüdischen Philosophen fand in Scholem einen genauen und kritischen Leser, wie zahllose handschriftliche Anmerkungen bezeugen.

historikerstreit Man mag einwenden, das sei ja alles schön und gut, Habermas sei offensichtlich ein guter und liberaler Geist, der sich persönlich und intellektuell für die jüdische Geistesgeschichte interessiere und ihre Protagonisten freundschaftlich unterstützt habe. Doch da ist noch mehr. Tatsächlich ließe sich in Habermas’ Öffentlichkeitsbegriff, seiner gelebten und reflektierten Idee des »Verfassungspatriotismus« und seinem Einsatz für kulturellen Pluralismus mit guten Gründen auch ein Beitrag zum deutsch‐jüdischen Verhältnis erblicken. Von Habermas ist kein einziges philosemitisches Wort überliefert – doch in seinen Denkmotiven lässt sich eine praktizierte Solidarität mit der jüdischen Geschichte erkennen. Seine scharfe Reaktion auf Ernst Noltes Thesen über die »Vergangenheit, die nicht vergehen will« löste 1986 den sogenannten Historikerstreit aus. Der Historiker Nolte hatte den nationalsozialistischen »Rassenmord« als bloße Kopie des bolschewistischen »Klassenmords« gedeutet.
Seitdem hat Jürgen Habermas immer allen Tendenzen, antidemokratisches Denken wieder hoffähig zu machen, eine klare und eindeutige Absage erteilt. Wir gratulieren Jürgen Habermas zu seinem achtzigsten Geburtstag am 18. Juni sehr herzlich. Er ist ein Glücksfall.

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