Tschechien

Der den Golem schuf

Wenn es dunkel wird über Prag und sich die geduckten Häuschen im Judenviertel in das warme Licht der Straßenlampen hüllen, dann ist es fast so wie damals. Menschenleer sind die Kopfsteinpflastergassen, und die Geräusche des Tages klingen langsam ab in den verwinkelten Häuserreihen zwischen dem überrankten jüdischen Friedhof und der Spanischen Synagoge. Hier ist die Heimat des Golem, und wenn die Legende stimmt, dann liegt er seit vier Jahrhunderten auf dem Dachboden der Altneuschul, dieser ältesten Synagoge Europas, die windschief die Zeiten überstanden hat. Dort oben bereitet er sich auf seine Wiederkehr vor.
Es ist das Reich der Mythen, in dem der Golem zu Hause ist. Die Geschichten aus der Blütezeit des jüdischen Prags, als hier in dem einfachen Viertel noch die größte jüdische Gemeinde der alten Welt beheimatet war, als die Kellergeschosse noch feucht waren vom Wasser, das aus der nahe gelegenen Moldau herüberschwappte, als an jeder Straßenecke noch eine Synagoge stand und jeder Schabbat erfüllt war von Feierlichkeit und Gesang – das war die Zeit, in der hier der Golem umging. Ein Wesen aus Ton war es, menschengroß und bärenstark, ein Geschöpf von Rabbi Jehuda Löw. Der Rabbiner war ein Meister der Kabbala, und aus dem Schlamm vom Ufer der Moldau formte er seinen Golem. Mit einem Siegel aus Papier, das er ihm unter die Zunge legte, hauchte er ihm Leben ein. Fortan war das Wesen im jüdischen Ghetto unterwegs, um die Einwohner aus Gefahren zu erretten und vor Übergriffen zu schützen.
Mitten im einstigen Golem‐Bezirk sitzt heute Arno Parik. Er ist Kunsthistoriker beim Jüdischen Museum in Prag, und gerade bereitet er eine der größten Ausstellungen vor, die sein Museum jemals geplant hat: Zum 400. Todestag des Rabbi Löw wird auf der Prager Burg an sein Werk erinnert – und natürlich auch an den Golem. Monatelang hat sich Parik in die Archive gestürzt, um alles über die beiden großen Protagonisten zu erfahren. Auf seinem altmodischen Schreibtisch, gleich neben der Schreibmaschine, türmen sich die Unterlagen, im Regal stehen Hebräisch‐Wörterbücher, und neben der Tür lehnen großformatige Mappen mit alten Zeichnungen. So voll ist es, dass er den wackeligen Besucherstuhl freiräumen muss, wenn ein Gast in sein Büro kommt. Und dann fängt er an zu reden, der Kunsthistoriker: »Ich finde es schade, dass sich die Leute für die Legende vom Golem interessieren, ohne sie tiefer zu verstehen«, sagt er. Seit Jahrhunderten wird der Golem auf Gemälden abgebildet, für Künstler ist er ein dankbares Motiv. Auf ihren Darstellungen sieht er meistens so aus wie ein Gespenst in weißem Umhang, das etwas zu kantig geraten ist. »Die Vorstellung vom Golem«, sagt Parik, »ist ein wenig simpel.«
Simpel schon, aber weit verbreitet: Der Golem ist – gleich nach der weltbekannten Karlsbrücke und Franz Kafka – zu einem der Wahrzeichen von Prag geworden. Die Touristen‐Boutiquen, die heute das Jüdische Viertel okkupiert halten, quellen über von Souvenirs in Golemform: Tonfiguren, Tassen und T‐Shirts gibt es, selbst Restaurants sind nach ihm benannt. Da hat es sein Schöpfer, der Rabbi Löw, ungleich schwerer.
An ihn erinnert nur noch sein Grabmal auf dem alten jüdischen Friedhof, ein rötlicher Stein, behauen mit hebräischen Schriftzeichen. Ein Grab wie alle die anderen auch, die noch erhalten sind. Wer hier auf dem Friedhof begraben liegt, war ein Teil des mystischen Prags, an das sich heute so viele Klischees knüpfen: So viele Jahrhunderte alt ist der Friedhof, dass alle Grabsteine errichtet worden sind, als es noch das jüdische Ghetto gab, als die Häuser noch klein und schief waren und als sich die Menschen an der Legende vom Golem wärmten, der ihnen als stiller Beschützer ein wenig Sicherheit und Frieden versprach. Längst sind die Grabmale verwittert, verkommen zur bloßen Touristenattraktion. Hunderte Besucher drängen sich jeden Tag über den Friedhof. Sie suchen die Spuren des alten, des legendensatten Prags – und laufen doch achtlos vorbei an dem Grabmal von Rabbi Löw, dessen Name den meisten genauso geheimnisvoll klingt wie viele der Mythen, die sich um das alte Prag, um das jüdische Prag ranken.
Einer aber ist oft am Grab: Manis Barash heißt er, ein Mann mit schwarzem Anzug und langem Bart. Er ist Rabbiner in Prag und damit so etwas wie der Nachfolger von Rabbi Löw, etliche Generationen später. Das Gesicht von Barash wirkt trotz des imposanten Bartes jung. Vor 15 Jahren ist er zum ersten Mal nach Prag gekommen, geschickt von seiner orthodoxen Chabad‐Bewegung. Für den Amerikaner war es eine Erfahrung wie ein Erdbeben: »Ich habe mich jahrelang auf den Aufenthalt vorbereitet«, sagt er, »und dann habe ich mich ganz spontan verliebt in diese Stadt.« Natürlich kannte er den Golem und vor allem Rabbi Löw, natürlich kannte er die Geschichten aus dem jüdischen Prag, aus dem Ghetto mit den schiefen Häusern. Und gleich sein erster Gang führte ihn auf den Friedhof. Das Grab von Rabbi Löw nennt er nicht Grab, sondern »resting place«, Ruhestätte. »Seine Heiligkeit«, sagt Manis Barash, »tränkt den Boden. Genauso, wie eine Synagoge den Boden heiligt, auf dem sie steht, selbst wenn das Gebäude schon nicht mehr da ist. Und am Grab kann ich genau das manchmal fühlen. That’s very unique!«
Barash ist einer der größten Kenner von Rabbi Löw. In Prag leitet er das orthodoxe Maharal‐Institut, an dem er angehende Rabbiner ausbildet. Es ist eine Art Spezialeinrichtung für Rabbi Löw: Maharal ist nichts anderes als eine Abkürzung des hebräischen »Moreinu ha‐Rav Löw« – Unser Lehrer Rabbi Löw. Wer hier studiert, beschäftigt sich neben dem üblichen Lehrprogramm drei Stunden täglich mit den Lehren des Maharal – »Seite für Seite und Buch für Buch«, sagt Manis Barash. Mehr als 20 Bände von Rabbi Löw stehen in der Bibliothek des Instituts, fast alles, was er geschrieben hat. Unter vielen Juden gilt der Maharal als einer der größten Gelehrten aller Zeiten, als einer der wichtigsten Denker des Judentums. Über die Heilige Schrift hat er gearbeitet, über das Rechtssystem und eigentlich über fast alle anderen Gebiete auch.
Anders als die damals vorherrschenden Lehrer forderte er, die Tora wörtlich zu verstehen. Selbst scheinbar unbedeutende Details beinhalteten eine Lehre – und auf deren Bedeutung machte er aufmerksam. Gleichzeitig baute er eine Brücke zwischen Talmud und Kabbala; eine Verbindung, die zu seiner Zeit sehr ungewöhnlich war.
Nach Prag ist Rabbi Löw in seinem Leben erst spät gekommen: In Worms wurde er geboren, so vermuten Historiker heute, und arbeitete dann in der böhmischen Provinz. Erst als betagter Mann wurde er in Prag zum Rabbiner bestellt, als der Ruf seiner Schriften ihm schon längst vorausgeeilt ist. Aber er war ein fordernder Lehrer, der hohe Ansprüche an seine Gemeinde stellte. Da half ihm alle Gelehrsamkeit wenig: »Richtig beliebt«, sagt Manis Barash, »war er zu seiner Zeit nicht.«
Seine Zeit – das ist das Prag unter dem Habsburgerkaiser Rudolf II. »Damals lebten hier 60.000 Menschen, es war die größte Stadt weit und breit«, sagt Jaroslav Panek. Der Geschichtsprofessor von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften hat sich ganz auf Rudolf II. spezialisiert. »Wir müssen uns das Prag zu dieser Zeit so vorstellen wie ein tschechisches Meer, in dem es viele kleine Inseln gab – die der Protestanten, die der Katholiken, die der Calvinisten und eben die der Juden.« Auf jeder dieser Inseln, die meistens in einem streng begrenzten Stadtgebiet lagen, gab es eine Schule und eine Kirche, und darum gruppierte sich das Leben. Hoch über diesem Gewirr und Gewimmel residierte Rudolf II. in der Prager Burg, ein Mann, der die Wissenschaft und die Kunst förderte.
Unter seiner Regentschaft war Prag das Goldene Prag, ein Anziehungspunkt für Gelehrte und Forscher. Der Astronom Tycho Brahe stellte auf der Prager Kleinseite seine Untersuchungen an, in dem berühmten Viertel unterhalb der Prager Burg, und einige Häuser entfernt lebte Johannes Kepler. Auf der anderen Moldauseite, einen Spaziergang über die Karlsbrücke entfernt, saß Rabbi Löw in seinem Studierzimmer und schrieb. Die Gedanken waren frei im Prag zu seiner Zeit, sie waren grundstürzend, viel weitreichender als jemals zuvor unter Zensur und herrschaftlichem Druck, sie befruchteten sich. Rabbi Löw muss damals über sein Viertel hinaus in Prag bekannt gewesen sein, aber genau lässt sich das heute nicht mehr sagen. Er war ein Mann des Wortes, aber über sich selbst und seinen Werdegang hat er der Nachwelt kein Zeugnis hinterlassen. Umso wichtiger waren da schon immer die Gerüchte über ihn, und auch derer gibt es zu Genüge. Am verbreitetsten ist jenes, nach dem Rudolf II. persönlich eines Tages ausgerechnet Rabbi Löw zur Audienz bat. In einem Zeitzeugenbericht heißt es, er »sprach mit ihm von Angesicht zu Angesicht, wie zu einem Freund. Und die Art und Weise ihrer Worte waren geheimnisvoll, verschlossen und verborgen«.
Natürlich rankten sich sofort Gerüchte um dieses geheime Treffen. Vielleicht ging es ganz banal ums Geld. »Rudolf II. hat gut an den Juden und ihrem Handel verdient«, sagt Historiker Jaroslav Panek. Oder es ging um die Kunst, denn der Monarch arbeitete an einem magischen Museum. »Er war fest davon übezeugt, dass in kleinen Dingen die ganze Welt verborgen liegt, und deshalb wollte er eine bunte Sammlung zusammentragen«, so Panek. Der Rabbi mit seiner Kabbala könnte ihm da gelegen gekommen sein. Und dann gibt es noch die dritte denkbare Begründung: Bei dem konspirativen Treffen sei es um nichts anderes gegangen als um den Golem – diese Legende hält sich bis heute.
»Der Golem ist eine schreiende Ungerechtigkeit gegenüber dem Maharal«, sagt Manis Barash, der Rabbi von heute. »Ob er den Golem geschaffen hat oder nicht, ist doch völlig egal. Sein Werk spricht für ihn, seine Schriften und die überlieferten Gedanken. Davon lenkt die ganze Sache mit dem Golem doch nur ab.« Dann lehnt sich Barash ein wenig zurück, er blickt sich in dem schmalen Haus um, das sein Institut beherbergt. Dann schmunzelt er. Ein Werbeträger für die gute Sache, die sei der Golem ja immerhin. Schließlich könne er die Aufmerksamkeit auf Rabbi Löw lenken, der auch 400 Jahre nach seinem Tod noch interessant sei. »Davon können wir profitieren. Seine Popu‐ larität kann das Judentum neu beleben.«

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