Otto Tausig

Der Dagegen-Denker

von Anna Kemper

Otto Tausig erzählt gern Geschichten. Eine geht so: Als er mal in Venedig war, ging er mit seinem Hund am Lido spazieren. Und vor dem allervornehmsten Hotel – „mit Mahagoniböden!“ – machte sein Hund einen Haufen. Der 87‐Jährige schmunzelt. Das hat ihm gefallen.
Otto Tausig sitzt in einem Sessel auf seinem Hotelzimmer. Er ist in Berlin, um seinen neuen Film Bis später, Max! zu synchronisieren. Tausig war Schauspieler am Wiener Burgtheater und Regisseur, Flüchtling und Kommunist. Hat als Schweißer gearbeitet und als Hühnerhirt. Man könnte denken, dass er es sich in den Geschichten der Vergangenheit bequem gemacht hat, so wie in dem altmodischen Charlottenburger Hotel voller Teppiche und plüschiger Sessel.
Aber eine gute Geschichte wäre keine, würde sie nicht auch etwas über das Wesen ihres Erzählers verraten. Und weil die Venedig‐Episode eine gute Geschichte ist, sagt sie in all ihrer Kürze einiges über Otto Tausig: Dass er eitlen Protz nicht schätzt, treffsichere Pointen dafür umso mehr. Oder: Dass er gern anstinkt gegen Dinge, die ihm missfallen. Seine Augen unter den zauseligen Brauen beobachten sehr wohl die Gegenwart. Und sie entdecken dort einiges, was ihnen missfällt. Zum Beispiel die Luxushotels. Otto Tausig lässt sich von den Filmfirmen dort nicht einquartieren, sonst ärgert er sich viel zu sehr über die üppigen Frühstücksbuffets. „Hinterher wird alles weggeschmissen.“ Oder der Drogeriemarkt, der mit „Hier bin ich Mensch – hier kauf ich ein“ wirbt. Dass man den Menschen als Käufer definiert, ist für ihn „Zynismus sondergleichen“.
Die ideale Welt des Otto Tausig ist eine andere. Eine, in der Wohlstand, Essen und Gesundheit gerechter verteilt sind. In der Menschen nicht aus ihrer Heimat verjagt werden, so wie er einst als Kind. Seit Jahren leben er und seine zweite Frau in Wien von seiner Burgtheater‐Pension. Alles, was er ansonsten verdient, die Film‐ und Theatergagen, wird gespendet. Für Straßenkinder in Brasilien und Indien, für Fischteiche in Bangladesch. In Österreich hat der Anhänger eines sozialen Idealismus ein Heim für junge Flüchtlinge gegründet. „So einer war ich ja selbst!“ Das Geld für das Heim ist das Geld seiner Großeltern, die in Treblinka ermordet wurden. Ihr Schnittholz‐Geschäft hatten die Nazis ihnen schon vorher weggenommen, Ende der 90er‐Jahre gab es für die Enteignung eine Entschädigung von 400.000 Schilling. „Heute werden Moslems und Hindus versorgt vom Geld meiner jüdischen Großmutter, die vergast wurde von den Nazis.“ Bernard Shaw habe auf die Frage, warum er die Welt verändern wolle, wenn er sie doch für einen schlechten Witz hielte, geantwortet: Man müsse doch versuchen, aus einem schlechten Witz einen guten zu machen. „Das ist für einen Komiker eine gute Aufgabe.“
Das Schlechte ins Gute wenden – das kann Otto Tausig. Mit einem Kindertransport kam er als 15‐Jähriger 1938 aus Wien nach England. In seiner wunderbaren Autobiografie Kasperl, Kummerl, Jud schreibt er über diese Zeit, die ja eigentlich eine schlimme war: fern von den Eltern, die nach Schanghai geflüchtet waren, fern der Heimat, mitten im Krieg. Und doch klingt es nach einer wilden Jugend. Er arbeitete auf einer Hühnerfarm, knutschte fürchterlich mit einer ehemaligen Nonne, las Marx und Lenin, wurde Kommunist, lebte dann in London, arbeitete als Schlosser, Schweißer, Dreher, probte Theater bis spät in die Nacht, heiratete seine erste Frau Hansi.
Selbst der Abschied von den Eltern an einem nebligen Wintertag um sechs Uhr früh am Wiener Westbahnhof sei traurig und befreiend zugleich gewesen. Schließlich hatten sie vorher auch mal Rhodesien als Zufluchtsort in Betracht gezogen. Da habe er gleich gerufen: „Rhodesien? Gibt es denn da ein Theater? Wird denn da Goethe oder Nestroy gespielt?“ Die Reise nach England war also auch ein beglückender Moment. Nicht zuletzt – „jetzt schäme ich mich, das zu sagen“ –, weil seine Mutter so dominant war. „Und es war ein Abenteuer!“ Er habe eben schon eine Fähigkeit, die vielleicht nicht jeder besitze: „Schlechte Dinge von ihrem Erlebniswert zu sehen.“ Als Schauspieler bewahrt er jede noch so schreckliche Empfindung, um sie irgendwan n auf der Bühne wiederzugeben. „Sich selbst dabei zuschauen, wie man etwas Schlimmes erlebt“, nennt Tausig das. Vielleicht hat ihn gerade der Wandel der eigenen Empfindung ins Theatralische, der Distanz schafft, davor bewahrt zu verzweifeln.
Es kam der Tag, an dem in der Fabrik in England ein Kollege die Ergebnisse des Hunderennens auf der letzten Seite einer Zeitung las, dann das Blatt umdrehte, auf die Schlagzeile starrte und sagte: „Bly me, the war is over!“ Otto Tausig beschloss, nach Österreich zurückzugehen. Denn er würde Österreich demnächst in ein paradiesisches Land umgestalten. Er heuerte beim „Neuen Theater in der Scala“ an, einer Bühne, „die nicht nur der Unterhaltung diente, sondern eine moralische Anstalt war“: links, revolutionär, selbstverwaltet. Geld warf sie aber nicht ab und musste 1956 schließen. Kommunistische Schauspieler wie Otto Tausig bekamen in Wien keinen Fuß mehr auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Er ging erst stempeln, dann nach Ostberlin.
An der Volksbühne staunte er. Brecht bekam für seinen Galileo Wände aus Kupfer! Als Schauspieler und Regisseur, stellte Tausig fest, hatte man in der DDR fantastische Möglichkeiten. Aber er merkte auch: Hier gibt es eine Hierarchie. Der Intendant bekam einen Mercedes, er selbst einen Simca, der Normalbürger nach zehn Jahren einen Trabant. „Das passte mir ganz und gar nicht.“ Den Sozialismus hatte er sich doch anders vorgestellt. Wohin nun? In Wien hätte er, um ein Engagement zu bekommen, eine antikommunistische Erklärung unterschreiben müssen. „Aber da hätte ich mich selbst angekotzt.“ Also wurde Tausig ein Schauspielvagabund, arbeitete frei in Deutschland und der Schweiz, spielte, inszenierte, drehte. Bis ihn 1970 das Burgtheater doch engagierte.
Warum ist er nicht vorher eingeknickt? Woher kommt sie, diese Kraft zum Dagegenhalten? Nun, sagt Otto Tausig, „ich bin nicht religiös, aber vielleicht ist das an mir jüdisch, das Dagegen‐Denken“. Als er ein Kind war in Wien, haben sie ihm „Jiddelach, Jiddelach, hepp, hepp, hepp – du wirst verbrannt mit Speisefett!“ nachgeschrien. „Da muss man sich doch geistig gegen wappnen, sich wehren!“ Ihre ganze Geschichte hindurch hätten die Juden dagegendenken müssen, unkonventionell eben. Sonst hätten sie nicht überlebt. Und vielleicht hänge der jüdische Humor ja mit dem unkonventionellen Denken zusammen: der Witz als Möglichkeit zurückzuschlagen, wenn man schwach ist. „Das ist es, was mir am Jüdischsein gefällt.“
Kreuzberg, ein kalter grauer Vormittag, wenige Tage nach dem ersten Treffen. Otto Tausig steht im Synchronstudio auf einem gelben Flokati‐Teppich, die Hände auf ein hölzernes Pult gestützt. Im Regieraum blinken die Lämpchen. „Bitte ein bisschen mehr Verzweiflung ins ‚Oje’ hinein, Otto.“ Dann los, Filmfigur Max fasst sich auf dem Bildschirm an den Kopf – Otto Tausig fasst sich am Stehpult an den Kopf, „die Verzweiflung ist toll“, murmelt der Synchronregisseur. Ein paar Klicks, und der Sprachblock landet an der richtigen Stelle der Tonspur.
Bis später, Max! ist eine Verfilmung von drei Isaac-B.-Singer-Geschichten. Otto Tausig spielt Max Kohn, einen Schriftsteller und Charmeur, „einen George Clooney für Ältere“, wie Tausig ihn nennt. In dieser Szene muss er eine Verabredung mit seiner Freundin Reisel absagen, die ihn eifersüchtig kontrolliert. Stattdessen geht Max auf Lesereise und gibt sich amourösen Abenteuern hin – oder seiner Fantasie.
Draußen auf dem Flur sitzt der Regisseur Jan Schütte. Zum ersten Mal miteinander gedreht haben sie 1993: Auf Wieder‐ sehen, Amerika. Seitdem sind sie befreundet. Seine liebste Geschichte über Otto, sagt Jan Schütte, sei folgende: In einer besonders kalten Nacht ging Tausig mit einer Decke in der Hand in einen Wiener Park und breitete sie über einen Obdachlosen auf der Bank. Der wachte auf und sagte: „Oh, danke, Herr Tausig.“ Da wusste Otto Tausig, dass er berühmt ist.
Schon sein Vater sei so gewesen. Im Ersten Weltkrieg verwundet, konnte er nicht mehr als Strafverteidiger arbeiten. Also verkaufte er vor der Arbeitslosenbehörde als Würstelmann für 17 Groschen eine „Dürre“. Aber meist habe er „die Würstel hergeschenkt“. Seinen Vater, der ihm riesige Schüsseln Schokoladenpudding kochte und heimlich rauchte, weil es die Mutter verbot, hat Otto Tausig nach dem Krieg nicht wiedergesehen. Er starb in Schanghai an Tuberkulose, die Mutter kehrte allein zurück. Wenn Otto Tausig heute auf dem Margaretengürtel in Wien fährt, wo sich die Straße in einer großen Kurve zur Gumpendorfer Straße hinbiegt, dann denkt er an ihn, weil er ihn dort zum letzten Mal sah, in der Tram, auf dem Weg zum Westbahnhof. In Schanghai hat er versucht, das Haus seiner Eltern zu finden. An der Stelle, wo es einmal stand, sah man nichts mehr. „Aber das war wichtig, ich habe ja meinen Vater furchtbar geliebt.“
Die Güte seines Vater spürt Otto Tausig in sich. Und so waren es nie immer nur die Bretter, die ihm die Welt bedeuteten. Er ging für den Frieden auf die Straße und gegen die atomare Aufrüstung. Setzte sich für iranische Theatermacher ein, gründete am Burgtheater eine Amnesty‐International‐Gruppe. Kurz: „Ich mischte mich einfach überall dort ein, wo es unanständig gewesen wäre, sich nicht einzumischen.“ Einmal stellte Otto Tausig sich buchstäblich quer: gegen österreichische Panzerverkäufe an die argentinische Militärdiktatur. Er stand auf den Gleisen, über die die fertigen Panzer aus dem Werk rollen sollten. Dabei sprach er Theatermann im Kopf die Verse von Johann Nepomuk Nestroy, die er abends auf der Bühne sprechen sollte.
Auch eine gute Geschichte. Erzählt sie doch, wie sie zusammengehören, der satirisch‐kritische Volksdichter Nestroy und der aufmüpfige Schauspieler Tausig. Seine allererste Rolle, als Junge im Schultheater, war von Nestroy, wie auch seine letzte beim offiziellen Bühnenabschied. 1995 bekam er den Nestroy‐Ring der Stadt Wien. Wenn Tausig Spenden sammelt, dann kleidet er seinen Appell gern in Nestroysche Verse. Charmant verpackte Gesellschaftskritik, amüsante Gemeinheiten. Bei Nestroy habe er sich immer wohler gefühlt als bei Kleist. An ihm schätzt er das Bissige. „Ein kritischer Geist, der die Aufgeblasenheit der Gesellschaft angestochen hat. Aber nicht moralinsauer, sondern witzig.“ Und ein wenig ist es so, als habe er gerade über sich selbst gesprochen.

„Bis später, Max!“: Filmkritik auf Seite 12.

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