Jabotinsky

Der bewaffnete Prophet

von Hannes Stein

Vor 85 Jahren erschien – ausgerechnet in Berlin und auf Russisch – Wladimir Zeev Jabotinskys berühmter Essay „Die eiserne Wand“. Jabotinsky zerstört in diesem kurzen programmatischen Text mit ein paar rhetorischen Säbelhieben die Illusionen der Linkszionisten – und klärt gleichzeitig im Vorübergehen, wie der zu gründende Judenstaat sich gegenüber den Arabern in Palästina verhalten soll. Liest man diesen Essay heute wieder, reibt man sich verdutzt die Augen: Was denn, beinahe ein Jahrhundert ist es her, seit dieser Text gedruckt wurde? Er hätte heute in Yedioth Ahronoth stehen können, möglicherweise sogar in Haaretz.
Doch bevor wir uns über den Text beugen, ein paar Worte zum Autor: Wladimir Zeev Jabotinsky (1880–1940), Gründer der rechtszionistischen Jugendbewegung Betar und geistiger Erzvater der Likudpartei, galt seinen Feinden als Faschist. Das war er nicht – es sei denn, man zählt auch Garibaldi und Winston Churchill zu den Faschisten. Jabotinsky war ein romantischer Nationalist, dazu ein Liberaler im Sinne des 19. Jahrhunderts, „eine der farbenprächtigsten Figuren, die die moderne Judenheit hervorgebracht hat“, wie Arthur Koestler anmerkte: „Er schrieb Prosa in acht und Lyrik in vier Sprachen, übersetzte Dante und Poe ins Hebräische und hebräische Dichtungen ins Russische … er wurde von der Jugend vergöttert, war mit außergewöhnlichem persönlichem Charme ausgestattet und ein hervorragender Redner.“
Der Romantiker Jabotinsky bewies immer wieder einen bemerkenswerten Riecher für realistische Einschätzungen. 1938 beschwor er in einer Ansprache am Tischa b’Aw die polnischen Juden, sie sollten um Himmels willen ihre Koffer packen und ins Gelobte Land auswandern, ehe es zu spät sei. Sie lebten am Rande eines Vulkans. Schon Jahre davor hatte er die Juden Europas aufgefordert, auf Gesetze und Visa zu pfeifen und sich illegal an die rettenden Küsten von Tel Aviv und Haifa aufzumachen. Die Alija Bet, die zweite Einwanderungswelle, spülte dann 100.000 jü‐ dische Emigranten ins Land – immerhin. Der Marxist Isaac Deutscher notierte später in seinem Buch Der nichtjüdische Jude: „Hätte ich in den Zwanziger‐ und Dreißigerjahren, statt gegen den Zionismus zu argumentieren, die europäischen Juden bedrängt, nach Palästina zu gehen, hätte ich vielleicht einige der Leben retten können, die später in Hitlers Gaskammern ausgelöscht wurden.“ Dies kann man als nachträgliche Verbeugung vor Zeev Jabotinsky lesen.
In Die eiserne Wand räumt Jabotinsky drastisch mit der frommen Legende auf, die Araber könnten durch nette Gesten dazu bewegt werden, die jüdische Einwanderung ins britische Mandatsgebiet Palästina gutzuheißen oder auch nur zu tolerieren. Alle Ureinwohner, schreibt er, hätten sich gegen fremde Eindringlinge immer mit äußerster Brutalität zur Wehr gesetzt –ganz unabhängig davon, ob diese Ureinwohner barbarisch oder zivilisiert gewesen seien, unabhängig auch davon, ob die Eindringlinge selbst sanft oder rücksichtslos vorgegangen seien. „Jedes Eingeborenenvolk … betrachtet sein Land als sein Nationalheim, dessen vollständiger Herr es immer sein wird. Freiwillig wird es nicht nur keinen anderen Herrn, sondern auch keinen neuen Partner dulden, und das gilt auch für die Araber. Die Kompromissbefürworter unter uns versuchen uns zu überzeugen, die Araber seien Narren, die sich durch eine sanftere Formulierung unserer Ziele hinters Licht führen lassen, oder aber ein Stamm von Geldraffern, die ihr Geburtsrecht an Palästina für kulturelle oder wirtschaftliche Gewinne aufgeben werden. Ich weise diese Einschätzung der palästinensischen Araber rundheraus zurück. Kulturell sind sie uns gegenüber 500 Jahre im Rückstand, spirituell verfügen sie nicht über unsere Ausdauer und Willensstärke, aber darin erschöpfen sich die Unterschiede zwischen uns auch schon.“
Jabotinsky war kein Araberhasser. Er betrachte sie so wie alle anderen Nationen, schrieb er, also mit „höflicher Gleichgültigkeit“. Eine Vertreibung der Araber aus Palästina sei vollkommen unmöglich, in welcher Form auch immer. Es werde in dieser Gegend immer zwei Nationen geben – „und das genügt mir auch, vorausgesetzt, dass es sich bei der Mehrheit um Juden handelt“.
Was folgt daraus? „Wir können den Arabern im Lande Israel oder in den arabischen Ländern nichts versprechen. Ihre freiwillige Zustimmung ist ausgeschlossen. Jene, die der Auffassung sind, die Zustimmung der Einheimischen sei eine unbedingte Voraussetzung des Zionismus, können deshalb an dieser Stelle ‚Nein‘ sagen und das zionistische Lager verlassen. Die zionistische Kolonisierung muss – sogar in der eingeschränktesten Form – entweder eingestellt oder gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung durchgeführt werden. Diese Kolonisierung kann darum nur unter dem Schutz einer Kraft fortgesetzt und weiterentwickelt werden, die sich über den Willen der einheimischen Bevölkerung wegsetzt: einer eisernen Wand, die die einheimische Bevölkerung nicht durchbrechen kann.“
Theodor Herzl hatte in seinem utopischen Roman Altneuland noch geträumt, die Welt werde die Juden, sobald sie sich in ihrem eigenen Land ansiedelten, dermaßen lieben, dass sie gar keine Armee bräuchten. Die arabischen Muslime würden ihre semitischen Cousins aus Übersee mit offenen Armen willkommen heißen, weil sie die Kindersterblichkeit senkten und ihnen die Früchte der europäischen Bildung brächten.
Solche Illusionen fand Jabotinsky nur lächerlich. Er forderte stattdessen, einen Wall von Bajonetten aufzurichten und die Araber militärisch in Schach zu halten. Erst wenn die andere Seite ganz und gar besiegt sei und einsehe, dass sie die Juden nicht mehr davonjagen könne, werde es möglich, gutnachbarliche Beziehungen aufzubauen – aber keinen Tag früher.
Ist es nötig zu betonen, in welch buchstäblichem Sinn Jabotinsky recht hatte? Die „eiserne Wand“, von der er sprach, hat sich zwar in der Praxis als Betonwand erwiesen (an manchen Stellen auch als elektronisch gesicherter Zaun), aber ansonsten stimmt alles genau so, wie er es vor achtzig Jahren formulierte: als hätte Jabotinsky die Strategie der „einseitigen Abtrennung“ von den Palästinensern vorhergesehen.
Freuen kann man sich nicht darüber. Aber Politik ist nun einmal die Kunst des Möglichen.

Fußball

Eklat in der Oberliga

Torwart soll antisemitische Fotomontage gepostet haben. Askania Bernburg trennt sich von dem Spieler

 18.03.2019

Fußball

Hass-Tweet gegen Cohen

Der israelische Profi vom FC Ingolstadt wird massiv judenfeindlich beschimpft. Jetzt ermittelt der Staatsschutz

 09.03.2019

Sachsen

Thomas Feist wird Beauftragter für jüdisches Leben

Der CDU-Politiker soll unter anderem die Erinnerungskultur und die Bekämpfung des Judenhasses in den Blick nehmen

 07.03.2019