Michael Krupp

Der alte Grenzgänger

von Sebastian Engelbrecht

In der evangelischen Theologie werden die Richter des alten Israel als „charismatische Heerführer“ bezeichnet. Ein antiquierter Begriff, der zu Simson, Gideon und Jiftach passt – und ganz wunderbar auch zu Michael Krupp. Der ist kein Israelit, hat nie eine Waffe in der Hand gehabt und erst recht keine Truppen befehligt. Aber er hat mit seinem Charisma ein Heer evangelischer Theologinnen und Theologen um sich gesammelt. Sie huldigen nicht ihm, sondern seiner Idee.
Michael Krupp ist in der deutschsprachigen evangelischen Theologie und Kirche für eine beispiellose Revolution verantwortlich: Er hat mit der antijüdisch‐antisemitischen Tradition der christlichen Kirche gebrochen. Das Judentum gilt in Krupps Theologie nicht mehr als verstockte religiöse Gemeinschaft, die Jesus nicht als Messias anerkennen will und deshalb der christlichen Mission unterworfen werden muss. Für den deutschen evangelischen Theologen und Pfarrer Michael Krupp war und ist das Judentum ein religiöses Gegenüber. Sein Leben lang versucht er, dieses Gegenüber kennenzulernen. Dabei kommt er aus dem Staunen nicht heraus. „Das hat’s ja noch nie gegeben“, ruft er gern erstaunt, sei es bei seinen Studien der rabbinischen Literatur, beim Sammeln von Büchern, Öllampen und Münzen oder im Gespräch.
Krupp ist getrieben von der Neugier, das Judentum zu verstehen. In seinem Wissensdurst hat er nebenbei eine Reihe von Büchern geschrieben – über den Talmud und über den Zionismus. Seit einigen Jahren gibt er die Mischna in einer deutsch‐hebräischen Version heraus.
Von 1978 bis 2003 leitete Krupp das Programm „Studium in Israel“. Es ermöglicht jedes Jahr 20 Theologen aus den deutschsprachigen und einigen osteuropäischen Ländern, an der Hebräischen Universität in Jerusalem rabbinische Literatur zu studieren – und so den Wissensdurst über das Judentum zu stillen und zu wecken. Hunderten jungen Theologen hat Krupp über die Jahrzehnte vermittelt, wie sie das Judentum von innen kennenlernen können – durch das Studium der rabbinischen Schriften und durch das Leben mit Juden. Dieses Konzept gelang in Israel, wo fast alle Juden sind – ganz anders als in Deutschland, wo viele christlich‐jüdische Begegnungen Befangenheit auslösen.
Krupp selbst kam 1959 zum ersten Mal nach Israel, als Student. Er erkundete Land und Leute in der lebendigen Begegnung. 1970 zog er nach Israel und wohnt seither in Ein Karem, einem malerischen Dorf in den Bergen unterhalb von Jerusalem.
Lernen und Leben bilden für Michael Krupp eine Einheit. Er schreibt Bücher über hasmonäische Münzen, die frühen Chassidim, Qumran‐Texte und die Isaak‐Überlieferung bei Juden, Christen und Muslimen. Er betreibt den christlich‐ökumenischen Dialog und das Gespräch der Religionen in Israel – als Publizist und in Organisationen, die er selbst leitet. Derselbe Mann keltert Wein, pflanzt Bäume, baut einen Schuppen. Krupp ist das Gegenteil vom blutleeren Universitätsdozenten. Mit jedem Studentenjahrgang fuhr er durch Galiläa und durch die Negev‐Wüste. Bis in die Nacht saß er am Lagerfeuer, spielte und tobte mit den Studenten, schlief unter freiem Himmel und kochte im Morgengrauen Tee.
Michael Krupp ist zehn Jahre älter als der Staat Israel. Er kann die Geschichte des Staates und seiner Gesellschaft überschauen wie wenige andere Deutsche. Und Krupp überblickt weit mehr als Israel und das Judentum. Er selbst stammt aus dem ostpreußischen Elbing, das heute zu Polen gehört. Er wurde als Kind nach Westdeutschland vertrieben, wuchs in Essen auf, wurde im Fach Neues Testament in Tübingen promoviert, studierte Judaistik und Islamwissenschaften, heiratete in Paris eine jüdische Französin und ist der Vater von vier jüdischen Kindern. Nach seiner Pensionierung als evangelischer Pfarrer in Jerusalem baute er vor zwei Jahren eine deutsche evangelische Gemeinde in Belgrad auf.
Bei alledem verkennt Michael Krupp nicht seine Wurzeln. Er ist ein deutscher evangelischer Theologe geblieben und will auch gar nichts anderes sein. Er hat sich selbst und vielen anderen in Israel einen unkomplizierten, freien, heiteren Zugang zum Judentum erschlossen.

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