Tora-Yoga

Dehnen mit Gott

von Christoph Gunkel

Auf den ersten Blick sieht es aus wie banale Gymnastik. 15 Menschen stehen auf bunten Matten in einem weiß getünchten Raum und recken die Hände nach oben. Ihre Körper spannen sich, die ausgestreckten Finger wandern immer weiter in die Höhe, Zentimeter, Millimeter. Stopp.
Doch wer Kursleiterin Diane Bloomfield zuhört, hat nicht den Eindruck, dass hier nur die physische Beweglichkeit trainiert wird: „Der Körper ist wie eine Leiter. Er ist fest mit dem Boden verwurzelt, doch die Spitze der Leiter, der Geist, versucht den Himmel zu erreichen“, hatte sie ihrer Gruppe erklärt. Der weiße Raum – das ist keine Turnhalle, sondern er gehört zu einer Reformsynagoge, mitten in Jerusalem. Und Bloomfields Schüler bewegen sich auch nicht zu Pop‐Musik, sondern zur uralten biblischen Geschichte von Jakobs Traum.
Jonathan Saunders ist regelmäßig hier. Anfangs hielt er das ganze Konzept für einen Scherz. Er kam nur, weil er sich amüsieren wollte. „Tora‐Yoga? Wie soll das gehen? Ich habe gedacht, das ist wie Schwarz und Weiß, das passt absolut nicht zusammen.“ Aber er hat seine Meinung geändert. Jetzt ist er seit Jahren ein treuer Schüler und schwärmt von dem „ganzheitlichen Ansatz, durch den ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann“: Zum einen kann er seine Verbundenheit mit dem Judentum ausleben, denn beruflich ist er Sänger in der Jerusalemer Hauptsynagoge. Auf der anderen Seite ist es ihm möglich, gleichzeitig seinen Körper zu trainieren. „Der ist nicht wahnsinnig gelenkig.«
In dieser Sitzung dreht sich also alles um Jakob, den Enkel Abrahams. Auf der Flucht vor seinem Zwillingsbruder Esau legt sich Jakob erschöpft nieder und träumt von einer Leiter, die bis in den Himmel reicht. An der Spitze erkennt er Gott, der im Traum mit ihm spricht. Ein paar Tausend Jahre später recken Bloomfields Schüler die Hände in die Höhe und versuchen, den eigenen Körper als Himmelsleiter zu erfahren. Tora und Yoga, das ist für Bloomfield dieselbe Seite einer Medaille. „Es geht darum, die Weisheiten der Tora durch klassische Yoga‐Übungen auszudrücken und zu erleben.“ Deshalb eröffnet sie ihre Sitzungen immer mit der Interpretation und Diskussion der heiligen Schrift. Ihre Schüler sitzen dann im Schneidersitz auf Yogamatten, während Bloomfield aus einer kleinen schwarzen Bibel rezitiert. Erst danach lehrt sie „Berg“, „Baum“, „ Brücke“ und andere Yoga‐Übungen – und dreht dabei das religiöse Leitthema weiter.
Stirnrunzeln, mitleidiges Lächeln: Bloomfield, die Erfinderin von Tora‐Yoga, muss sich oft rechtfertigen, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Als zweifelhafte Esoterikerin will sie aber auf keinen Fall wahrgenommen werden. Und kontert daher mit ihrer langjährigen Ausbildung: fünf Jahre Tora‐Studium. Natürlich am angesehenen orthodoxen Pardes‐Institut in Jerusalem. Sechs Jahre Yoga‐Ausbildung. Abschluss mit Zertifikat.
Nach dem Tora‐Studium wollte sie mehr machen, als nur über Bibelstellen zu diskutieren. „Das war mir zu rational. Ich wollte wissen: Wie können diese Texte nicht nur meinen Geist, sondern gleichzeitig meinen Körper anregen?“ Der zufällige Besuch eines Yoga‐Kurses wurde zum Schlüsselerlebnis. „Da habe ich gemerkt: Das ist die Verbindung, nach der ich so lange gesucht habe. Yoga ist nichts völlig anderes. Yoga hilft mir, meine eigene jüdische Identität zu entdecken und stärker auszuleben.“
Auch für Jonathan Saunders stellt sich inzwischen nicht mehr die Frage, ob Tora‐Yoga nun mehr aus Tora oder Yoga besteht. „Das ist eine typisch westliche Frage“, sagt der 57‐Jährige, der selbst vor zwei Jahrzehnten aus dem Abendland nach Israel zog. „Die westlichen Gesellschaften wollen immer alles rational analysieren. Das machen wir im Mittleren Osten nicht. Tora und Yoga stammen zwar beide aus dem östlichen Kulturkreis, aber natürlich gibt es da keine absolut logische Verbindung.“
Um Logik geht es in Bloomfields Kursen auch weniger, sondern um Emotionen, uralte Gottesworte und die jüdische Mystik. Die Schüler lassen sich auf die Macht der hebräischen Sprache ein, verzaubert von bedeutungsschwangeren Wortspielen. So leitet sich der Name „Jakob“ etymologisch von „Ferse“ ab. Weil die hebräische Schrift die Vokale nicht ausschreibt, unterscheiden sich die Wörter nur durch ein Zeichen. Die Ferse, so betont Bloomfield, ist zentral für alle Yoga‐Übungen, weil sie das ganze Ge‐ wicht des Körpers tragen muss. Ebenso wie Jakob, der später Israel genannt wurde und als Vater der zwölf Stämme bis heute eine wichtige Rolle in der Geschichte des Judentums spielt.
Bloomfield hat sich ein eigenes philosophisches Fundament zurechtgezimmert und beruft sich dabei auf höchste Instanzen wie den ersten Chefrabbiner in Palästina, Abraham Isaak Kook, der als einer der geistigen Väter des modernen Zionismus gilt. „Bereits Kook hat kritisiert, dass wir die Heiligkeit, die Spiritualität unseres Körpers

vergessen haben und nur an unserem Geist arbeiten. Aber auch der Körper ist heilig.“
In den USA findet die Mischung aus Spiritualität und Sport immer mehr Anhänger und lockt mitunter auch Christen an, die im Judentum die Wurzeln ihres Glaubens wiederentdecken. Bloomfield hat ein Buch geschrieben, im Internet eine „Tora‐Yoga‐Gesellschaft“ gegründet, deren Mitglieder Übungen per Video‐ oder Audioanweisungen nachahmen können. Inzwischen hat sie in speziellen Schulungen sogar schon 30 neue Tora‐Yoga‐Lehrer ausgebildet. Der Erfolg hat aber auch Nachahmer angelockt, so dass sich die 49‐Jährige den Begriff „Tora‐Yoga“ vorsorglich patentrechtlich schützen ließ.
Doch in ihrer Wahlheimat Israel, wo sie seit Mitte der 80er‐Jahre die meiste Zeit verbringt, fällt es ihr schwer, Fuß zu fassen. Anders als beim mehrheitlich liberal und reformorientiert geprägten Judentum in den USA stößt Bloomfield hier auf Widerstände orthodoxer Rabbiner. Manche werfen ihr sogar vor, dem Judentum zu schaden, weil sie zwei Religionen vermische: Yoga sei untrennbar mit dem Hinduismus verbunden. Bloomfield begreift Yoga aber als universelle Meditationslehre und beruft sich auf den indischen Yoga‐Guru B.K.S. Iyengar, der glaubt, dass „Yoga der Menschheit und nicht nur den Hindus gegeben wurde“. Doch als Bloomfield versuchte, an orthodox ausgerichteten Schulen Workshops für Kinder zu geben, stieß sie auf wenig Gegenliebe. Mehr Erfolg hatte sie da schon bei erwachsenen Orthodoxen, die sie hin und wieder in Kleingruppen unterrichtet – ganz nach deren Regeln: Frauen und Männer getrennt.
„Endlich beginnt der lustige Teil“, sagt die Mittvierzigerin im lila Pulli. Sie rollt eine zweite Matte zusammen und legt sie sich unter den Kopf. Seele und Körper sollen in Harmonie gebracht werden. Wieder hilft ein Wortspiel, denn die Wörter „n’shamá“ (Seele) und „n’shimá“ (Atem) bestehen im Hebräischen aus exakt denselben Zeichen. Augenlider fallen zu, Arme erschlaffen, die Atmung wird flach. Nach ein paar Minuten beendet Bloomfield den Kurs mit einem lang gedehnten „Schalom“, weckt die Schüler sanft aus ihren biblischen Träumen und holt sie zurück in die reale Welt der banalen Popmusik und Power‐Gymnastik.

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