Yoga

David Ben Gurion hat es vorgemacht: Immer mehr Israelis suchen einen Ausgleich zur täglichen Hektik und finden ihn beim Yoga

von Sabine Brandes

Daniels sonore Stimme erfüllt den Raum. „Om echad, om schtaim, om schalosch …“ Während er langsam zählt, verschränkt er seine Beine scheinbar mühelos zum Lotussitz. Der Rücken ist kerzengerade, seine Hände liegen entspannt auf den Oberschenkeln, Daumen und Mittelfinger berühren einander, die Augen sind geschlossen. Seine 20 Schüler tun es ihm nach. Der charismatische Mann in indischem Hemd und schneeweißer Hose ist Yogalehrer im schicken Örtchen Zahala, unweit der hektischen Metropole Tel Aviv.
„Kann ich nicht“, gibt es nicht für ihn, man müsse alles versuchen und langsam an den Punkt der Perfektion gelangen. Sanft, aber bestimmt hilft er während seines Ashtanga‐Unterrichtes jedem Teilnehmer in die richtige Position. Diese Form von Yoga gilt als besonders kraftvoll und anstrengend. 18 Mal hintereinander etwa müssen die Schüler den Sonnengruß, eine schnelle Folge von Übungen im Stehen und Liegen, durchlaufen. Sie atmen schwer, während Daniel hier an Armen zieht, dort ein Bein noch weiter zur Seite drückt. Doch niemand klagt: „Es tut weh, aber ist wundervoll“, finden sie. Auch Daniel erwähnt den „süßen Schmerz“.
Die Gruppe im Country‐Club ist bunt gemischt und entspricht wenig dem Bild der alternativen Gesundheitsfanatiker in Walla‐Walla‐Gewändern. Vielmehr ist es ein Spiegelbild der gesamten Gesellschaft, von der erfolgreichen Chefsekretärin, die ihren Audi A3 direkt vor der Tür geparkt hat, über den Moderator des Kinderfernsehens bis zum gerade eingewanderten jungen Ehepaar aus Argentinien oder dem Soldaten, der an seinen freien Wochenenden zum körperlichen auch geistigen Abstand von der Armee sucht.
Israelis sind auf dem Entspannungstrip. Ob jung, alt, reich oder nicht, die philosophische Lehre scheint die Menschen quer durch alle Bevölkerungsschichten in den Bann zu ziehen. Sie umfasst eine Reihe körperlicher und geistiger Übungen, die zum Teil vor 5.000 Jahren entstanden sind. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und bedeutet soviel wie „anspannen“ oder „zusammenbinden“. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Arten, in der westlichen Welt versteht man darunter vor allem die körperlichen Übungen, wie die Ansanas. Die Palette in Israel reicht von klassischen Dehn‐ und Meditationsübungen, Poweryoga in schnellem Tempo über Kinder‐ und Schwangeren‐, bis zum Tantra‐Yoga, bei dem Paare lernen sollen, ihre Sexualität intensiver und entspannter zu erleben. Auch Daniel bietet diese besondere Form an – „aber Achtung, das ist Yoga mit Anfassen“, sagt er und zwinkert.
Schon David Ben‐Gurion wusste von der wohltuenden Wirkung der körperlichen Betätigung nach indischem Vorbild. Die Bilder des Staatsgründers im Kopfstand gingen um die Welt. Auch der einstige Premier und jetzige Verteidigungsmi‐
nister Ehud Barak suchte seelische Vorbe‐
reitung in einem Yoga‐Ashram in Indien, bevor er in die Politik zurückkehrte. Die israelische Pionierin des Yoga ist Rachel Solberg. Sie lernte bei renommierten Yogis, gründete 1979 die Israeli Yoga Teachers Association und unterrichtet bis heute regelmäßig Gruppen.
Richtig populär ist Yoga in den vergangenen drei Jahren geworden. Permanente Belastung durch den gewalttätigen Alltag im Nahen Osten, die aufreibende Kombination aus Vollzeitjob und Familienleben lassen immer mehr Frauen und Männer die Studios besuchen, die an allen Ecken des Landes entstehen. Schätzungsweise gibt es mittlerweile mehr als 500, in denen 2.000 Lehrerinnen und Lehrer unterrichten. Yoga entwickelt sich zu einer Art Volkssport, vor wenigen Wochen eröffnete das größte Zentrum des Landes in Kfar Saba mit drei geräumigen Hallen, sieben Therapieräumen, Gesundheitsbar und Café.
Daniel lässt seine Schüler die dünnen Matten nicht nur im Gymnastikraum auspacken. Einmal pro Monat strecken und recken sich seine Anhänger im Sand von Tel Aviv, das entspannende Wellenrauschen in den Ohren. Michal Biton ist seit einem Jahr dabei. Die viel beschäftigte Innenausstatterin schwört auf den positiven körperlichen Einfluss, betont jedoch, Yoga ausschließlich als Hobby zu betreiben. Ihre Lebensphilosophie sei es nicht, sie lese weder Bücher darüber noch übe sie sich im langen Meditieren. „Ich nehme Yoga als Sportart, die mir gut tut“, so die 35‐Jährige. „Sie ist anders als die meisten, viel sanfter, und außerdem schwitze ich dabei kaum, was sehr angenehm ist. Nach zwei Stunden Unterricht fühle ich mich fit und ausgeglichen. Mein Körper ist fester geworden, meine Rückenschmerzen sind fast gänzlich verschwunden. Es ist wohl doch mehr als bloße Gymnastik. Ich möchte Yoga in meinem Leben definitiv nicht mehr missen.“ So wie Michal sehen es wohl die meisten der ungefähr 150.000 bis 200.000 Leute, die mehr oder weniger regelmäßig Yoga betreiben.
Auch Bitons Tochter Achinoam kennt bereits die grundlegenden Haltungen, wie die trinkende Katze, die Kobra und die Schildkröte, der Lotussitz gehört zu einer ihrer leichtesten Übungen. Auf Zetteln an Straßenlaternen und Zaunpfählen von Kiriat Schmona bis Eilat wird Yoga zunehmend auch für die Jüngsten angeboten. In Schulen, Nachmittagsbetreuungen und Kindergärten schwört man auf die ausgleichende Wirkung. Die fünfjährige Achinoam lernt zweimal pro Woche eine halbe Stunde bei abgedunkeltem Licht und indischen Klängen, ihren Körper besser kennen zu lernen, zu kontrollieren und findet es „ganz, ganz toll“.
Kindergärtnerin Rina Gotan ist seit 20 Jahren „Yogaista“, und überzeugt von der Methode: „Yoga ist eine Form der körperlichen und seelischen Entspannung, die sich seit Tausenden von Jahren bewährt hat“, erklärt sie, „und es funktioniert auch heute noch“. Sie selbst habe dadurch ihr Leben in eine gleichmäßige Bahn gebracht und große persönliche Probleme überwunden. „Wenn ich heute in einer schwierigen Situation bin, hole ich als erstes meine Matte hervor. Und schon nach einer Stunde Üben geht es mir viel besser, bin ich völlig klar.“
Gotan spürt die positiven Effekte bei den Kindern. „Es beruhigt und macht sie ausgeglichener. Außerdem bekommen sie ein Gefühl für Körper und Seele.“ Yoga sei zwar als vorbeugend gegen Gewalt und aggressives Verhalten bekannt, weiß Gotan, Allheilmittel aber sei es nicht. „Diese Kunst richtig zu erlernen, braucht viel Zeit. Es ist nichts, was man nebenbei hop‐hop erledigt und dann sofort eine große Veränderung sieht. Yoga funktioniert nur mit Geduld.“ Doch, davon ist die Kindergärtnerin überzeugt, der Aufwand lohne sich in jedem Fall: „Vor allem in unserem chaotischen und verrückten Land, in dem die Menschen wirklich etwas mehr Ruhe brauchen.“

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