Medien

Das subjektive Objektiv

von Marco Limberg
und Michael Wuliger

Schwarzer Rauch steigt über den Trümmern von Beirut auf, nachdem am 5. August die israelische Luftwaffe Häuser in der libanesischen Hauptstadt bombardiert hat. Ein Bild der britischen Nachrichtenagentur Reuters dokumentiert die Zerstörung. Das Foto geht um die Welt und wird in zahlreichen Zeitungen gedruckt. Ein eindrucksvolles Zeugnis von der Grausamkeit des Krieges.
Nur leider gefälscht. Der libanesische Fotograf Adnan Hajj hatte mit der Bearbeitungssoftware Photoshop dem Bild zusätzliche Dramatik verliehen, indem er den Rauch aus den Gebäuden schwärzer als in der Wirklichkeit aussehen ließ (siehe Bild oben). Ein israelischer Blogger deckte die Manipulation auf. Hajj hatte gestümpert: Die Bildbearbeitung war selbst für Laien mit bloßem Auge zu erkennen. Reuters gab die Fälschung zu und zog dieses sowie rund 900 frühere Bilder Hajjs zurück. Darunter mindestens noch eine weitere Fälschung: Aus einer israelischen Rakete hatte er per Photoshop deren drei gemacht. Reuters feuerte den Fotografen.
Adnan Hajj ist ein Einzelfall. Nicht, weil er Fotos gefälscht hat, sondern weil er dabei erwischt wurde. Bilder werden gerade im Nahen Osten häufig manipuliert. Meist nicht so plump wie im Fall Hajj und deshalb auch viel schwieriger nachzuweisen. Statt Fotos zu fälschen, werden lieber Motive für die Kameras inszeniert. Selbst ein Weltblatt wie die New York Times sitzt dem gelegentlich auf. So veröffentlichte die angesehene Zeitung am 27. Juli einen Fotoessay über den Libanonkrieg. In Bild 2 (siehe Mitte links) war ein junger Araber bei Rettungsarbeiten vor einem bombardierten Wohnhaus in Tyrus zu sehen. In Bild 6 sehen wir den Retter plötzlich wie tot in den Trümmern liegen. Die Mütze, die er in Bild 2 noch auf dem Kopf trug, hält er jetzt in seiner linken Hand (siehe Mitte rechts). Ist der junge Mann während der Rettungsarbeiten gestorben?
In diesem Fall ist die Inszenierung ziemlich offensichtlich. Üblicherweise erfolgt sie subtiler. Da sieht der Leser beispielsweise in seiner Zeitung eine weinende Palästinenserin vor einem der (nota bene seltenen) gemauerten Teile des israelischen Sperrzauns stehen (Bild unten). Der Beton ist mit Graffiti übersät. Die meisten in Arabisch. Die Palästinenserin steht praktischerweise vor einem englischsprachigen Text, der überall verstanden werden kann: »Stop killing the Palestinians.« Daß es sich dabei nicht um einen zufälligen genialen Schnappschuß handelt, sondern um eine von der palästinensischen Propaganda organisierte »photo opportunity«, weiß nur, wer im israelischen Sender Channel 2 gesehen hat, wie Bildreporter immer wieder die Frau positionieren und Tränen bestellen. Solche inszenierten Bilder sind im Prinzip im seriösen Fotojournalismus tabu. Reuters wirft Fotos schon aus seinem Angebot, wenn nur der Verdacht der Inszenierung besteht. Andere Agenturen kennzeichnen im Zweifelsfall eventuell inszenierte Fotos als solche im Bildbegleittext. Wie Zeitungsredaktionen beim Abdruck solcher dubioser Fotos vorgehen, ist freilich in deren eigenes Ermessen gestellt.
Natürlich inszenieren nicht nur Libanesen und Palästinenser Bildmotive für propagandistische Zwecke. Die israelische Regierung und Armee tun es genauso. Ihr Pech ist aber, daß sie sich als Opfer weniger eignen. Erstens, weil ideologisch der jüdische Staat bei vielen von vornherein als Aggressor festgelegt ist. Zweitens, weil die Zerstörungen im Südlibanon tatsächlich optisch eindrucksvoller waren als die in Nordisrael: Besserer Zivilschutz gleich schlechtere PR. Eine zerfetzte Kinderleiche in Kana hat mehr Newswert als im Bunker in Kirjat Schmona kartenspielende Israelis.
Das wissen auch die Fotografen in der Region, von denen die meisten schlechtbezahlte Freiberufler sind und untereinander in schärfster Konkurrenz stehen. Nur wirklich spektakuläre Bilder haben eine Chance, abgedruckt und gut bezahlt zu werden. Zeit abzuwarten, bis sich tatsächlich ein aufregendes Motiv ergibt, haben die wenigsten Kriegsfotografen. Sie stehen unter Aktualitätsdruck ihrer Agenturen. Die wollen bis spätestens Redaktionsschluß die besten, sprich, härtesten Bilder an Zeitungen und Magazine liefern. Nur so können sie ihre Marktposition behaupten und ausbauen. Die Redaktionen wiederum wissen, daß die Auflage von der Aktualität und Qualität (sprich Schockwirkung) ihrer Fotos mit abhängt. Gerade unter solchen Umständen ist eine strenge Kontrolle der Authentizität unabdingbar, vor allem in den Agenturen. Bei Reuters wird jedes Bild dreifach geprüft: Zum ersten Mal, wenn der Fotograf im örtlichen Büro der Agentur sein Bild abliefert; danach in der zentralen Bilderfassungsstelle in Singapur; und schließlich in der Londoner Zentrale. Daß Adnan Hajj mit seinen Fälschungen trotzdem durchrutschen konnte, versteht sogar die Konkurrenz. »Vor Betrug kann man sich nicht schützen«, sagt ein Sprecher der Deutschen Presseagentur. dpa versucht Fälschungen zu verhindern, indem die Agentur nur mit Fotografen arbeitet, die sie kennt. Und: Wer schummelt, fliegt.
In den Agenturen ist man sich dabei durchaus bewußt, daß ein gewisses Risiko schon darin liegt, daß es Weltgegenden gibt – und immer mehr Teile des Nahen Osten und Mittleren Osten zählen dazu – in denen aus Sicherheitsgründen oft nur Einheimische an Brennpunkte entsandt werden können. Das kann die journalistische Objektivität beeinträchtigen. Deshalb setzt man auf Schulungen örtlicher Kräfte, nicht nur in technischen Angelegenheiten, sondern auch in Fragen journalistischer Ethik. Seit kurzem werden auch wieder, wo und wann immer möglich, auswärtige Bildreporter eingesetzt.
Bei der ständig zunehmenden aktuellen Bilderflut ist in den meisten Agenturen und Bildredaktionen aber weder ausreichend Zeit noch Personal vorhanden, so ge‐nau zu kontrollieren, wie man es vielleicht gerne täte. Die Rolle des Wachhunds haben inzwischen Blogger im Internet übernommen. Viele von denen sind allerdings bewußt parteiisch und decken nur die Fälschungen auf, die ihrem jeweiligen Standpunkt nicht entsprechen. Für den gewöhnlichen Medienkonsumenten bleibt so nur die deprimierende Erkenntnis, daß er im Zweifelsfalle Bildern in der Zeitung nicht trauen sollte – desto weniger, je spektakulärer sie sind.

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