Pintele Jid

Das steckt drin

von Detlef David Kauschke

Die einen sprechen vom »Pintele Jid«, dem göttlichen Fünkchen, das man in sich trägt. Andere – wie zum Beispiel Heinrich Heine – beklagen die »unheilbare Krankheit«, die ihr Judentum für sie darstellt. Alle gemeinsam beschreiben eine Grundlage unseres Glaubens: Eine jüdische Seele bleibt immer und ewig eine jüdische Seele. Ob man will oder nicht.
Die einen leben damit – und die anderen versuchen dem zu entfliehen. Sie entscheiden sich bewusst gegen die Tradition. Sie weigern sich, auch nur einen Fuß in die Synagoge zu setzen, erledigen am Schabbat ihre Wocheneinkäufe und lassen sich an Jom Kippur einen Cheeseburger schme-
cken. Sie bezeichnen sich als Atheisten oder konvertieren gleich zum Christentum, Islam oder Buddhismus. Sie heiraten nicht jüdische Partner und wollen am Ende ihrer Tage auch nicht nach jüdischer Tradition beigesetzt werden. So leben und sterben sie – und bleiben dennoch so jüdisch wie Abraham, Itzhak und Jakob. Oder wie Moses.
Diese biblische Figur steht im Mittelpunkt dieses Wochenabschnitts. Die Parascha »Schemot« – und damit auch das
2. Buch Moses (Exodus) – beginnt mit der Auflistung der Namen (hebr.: Schemot) der Kinder Israels, also der 70 Mitglieder der Familie Jakobs, die Josef nach Ägypten gefolgt waren. Die biblische Erzählung schildert in dieser Woche die Versklavung des Volkes, das Frondienste für den Pharao leisten muss. »Dennoch vermehrte es sich und wurde stark.« Zu stark. Daher befiehlt der Pharao, jeden neugeborenen Sohn der Hebräer zu töten. In dieser Zeit wird Moses geboren, der Knabe, der das Volk später aus der Sklaverei führen wird. Es ist die Geburt eines Helden. Moses wird zum Führer des jüdischen Volkes. Genau genommen gibt es zu dieser biblischen Zeit – vor der Offenbarung am Berg Sinai – noch keine Juden. Aber eben »B’nei Israel«, Kinder Israels. Moses kommt im Hause Levis als Sohn von Amram und Jochwed zur Welt. Als Bruder von Aharon und Mirjam. Und als »Sohn der Iwrim«, der Hebräer, wie auch die Tochter des Pharaos weiß, als sie das Kind in einem Bastkörbchen am Ufer des Flusses entdeckt.
Drei Monate lang hatte ihn seine Mutter verbergen können, nun hatte sie das Kind ausgesetzt, in der Hoffnung, dass es so überleben könnte. Die Tochter des Pharaos hatte Erbarmen mit dem Jungen, nahm ihn an sich und nannte ihn Moses (Mosche: »Weil ich ihn aus dem Wasser gezogen habe.«) Der Junge wird noch einige Zeit von seiner Mutter gestillt, wächst aber am Hofe des Pharaos auf. Moses Kindheit und Jugend werden in der schriftlichen Tora nicht sehr ausführlich behandelt. Gleichwohl verrät der Midrasch einige Details. Zum Beispiel, dass der Pharao Gefallen an dem Kind findet. Er ernennt ihn zum Verantwortlichen für den königlichen Haushalt. Moses wird ein ägyptischer Prinz.
Der amerikanische Psychoanalytiker und Rabbiner Levi Meier schreibt in seinem Buch »Vom Baum der Erkenntnis«: »Seine Erziehung am Königshof lehrt ihn den Umgang mit der Macht und verleiht ihn das Selbstbewusstsein, das er später zur Übernahme der Führungsrolle benötigen wird.«
Moses wächst weit weg von seiner Familie und seiner Religion in einer fremden Umgebung und Kultur auf. Nicht unter Hebräern, sondern unter Ägyptern. Dennoch: Eines Tages erfährt er von seiner Abstammung. Der Midrasch berichtet, dass er von nun an jeden Tag den Palast verlässt und die hebräischen Arbeiter in ihrem Lager aufsucht. Er setzt sich beim Pharao dafür ein, dass sie einen Ruhetag in der Woche halten können, den Schabbat. Als er eines Tages bei einem seiner Rundgänge mit ansehen muß, wie der Sklave Datan von einem ägyptischen Aufseher geschlagen wird, tötet er den Übeltäter und verscharrt seine Leiche im Sand. Moses flieht nach dieser Tat vor dem Pharao nach Midjan. Später begegnet ihm Gott, er erfährt von seiner heiligen Mission und tritt dann zusammen mit Aharon vor den ägyptischen Herrscher mit den Worten: »Lass mein Volk ziehen.«
Moses hätte im ägyptischen Palast mit seinem Glanz und Luxus ein angenehmes und ruhiges Leben führen können. Aber er entscheidet sich, einen anderen Weg zu gehen, allen Widrigkeiten zum Trotz. Er bekennt sich zu seinem Volk. Der Midrasch berichtet, dass der »Ruach Hakodesch«, der göttliche Geist, auf ihm geruht habe. Vielleicht aber war es dieses »Pintele Jid«, daß auch in über 20 Jahren am ägyptischen Herrscherhof nicht verloren gegangen ist.
Egal, wie man lebt. Ob man von seinem Judentum weiß oder sich dagegen versündigt: »Ein Jude bleibt immer ein Jude«, heißt es im Talmud (Sanhedrin 44a). Und das trifft zu für Moses und auch für jeden Juden, der nach ihm geboren ist oder zum jüdischen Glauben konvertiert.
Der Zugehörigkeit zum Judentum kann man nicht entkommen. Oder doch? Eine entsprechende Frage wird auf der Internetseite »askmoses.com« mit dem Satz beantwortet: »Judentum ist kein Glaube, Gefühl, Überzeugung oder Lebensstil. Es ist ein Zustand. Ein Sein. Man kann es feiern oder alles tun, es zu verleugnen. Aber es wird immer da sein.«

Schemot: 2. Buch Moses 1,1 bis 6,1

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