Deutschland

Das späte Erwachen

von Ernst Cramer

Zum ersten Male betrat ich im Herbst 1944 wieder deutschen Boden. Im November 1938 war ich, mit vielen anderen, in das KZ Buchenwald verschickt worden. Im Sommer 1939 musste ich die Heimat verlassen. Als amerikanischer Soldat war ich sechs Jahre später wieder zurückgekehrt. Die erste deutsche Stadt, die ich sah, war Bitburg. Sie lag in Trümmern, war zerstört wie die meisten der größeren Orte, durch die ich später kam.
Damals dachte ich, dass Deutschland, wenn überhaupt, erst in vielen Jahren, nach mehreren Generationen, wieder ein verantwortungsvoller Staat werden könnte; ich vermutete in jener Zeit auch, dass es in diesem Land nach dem Holocaust kein jüdisches Leben mehr geben werde. Als ich die Städte in Schutt und Asche sah, formulierte sich in mir der Gedanke: „Wir – die Siegermächte – haben das getan; schuld aber sind Adolf Hitler und die Seinen.“
Mitte April 1945 kam ich in graugrüner Uniform wieder in das soeben befreite KZ Buchenwald. Was ich dort sah, war weitaus fürchterlicher als alles, was ich selbst ein paar Jahre vorher durchgemacht hatte. 1938 war das ein sadistisch und brutal geführtes politisches, rechtloses Straflager gewesen. Nun aber herrschte dort der Tod. Nie in meinem Leben werde ich die aufgehäuften Leichenberge, die ausgemergelten Menschen vergessen, die vor uns zu Boden fielen und starben.
Fast unmittelbar nach diesem Besuch fasste ich den Entschluss, nicht sofort in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, um mein Studium zu vollenden, sondern mich der amerikanischen Militärregierung zur Verfügung zu stellen. Irgendwie wollte ich dabei mitwirken zu verhindern, dass die Sieger ähnlich verhängnisvolle Entscheidungen träfen wie nach dem Ersten Weltkrieg; Fehler, welche zu den Katastrophen beitrugen, die das dritte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts erschütterten und zum Zweiten Weltkrieg und seinen Genoziden, vor allem zum Holocaust, führten.
Bei der Militärregierung half ich, demokratische Zeitungs‐, Zeitschriften‐ und Buchverlage zu gründen. Wir waren – trotz meiner anfänglichen Skepsis – dabei recht erfolgreich. Auch erinnere ich mich vieler Gespräche, die ich mit Politikern, Professoren und Publizisten führte, welche bald nach dem Krieg auf der abgeschiedenen Herreninsel im bayrischen Chiemsee über eine neue Verfassung berieten. Immer wieder rief ich damals die von den Nationalsozialisten schon kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 außer Kraft gesetzten Bestimmungen der Weimarer Reichsverfassung ins Gedächtnis: persönliche Freiheit, Unverletzlichkeit der Wohnung, Post‐ und Fernsprechgeheimnis, Versammlungsrecht, Eigentumsgarantie und vor allem Meinungsfreiheit. Alle fanden sich in dem jetzt vor 60 Jahren verabschiedeten und heute für das ganze Deutschland gültigen Grundgesetz wieder.
Im Mai 1949, als dieVerfassung angenommen wurde und ein neues – wenn auch noch geteiltes – Deutschland entstehen konnte, waren vier Jahre seit dem Ende der NS‐Diktatur vergangen. Demokratische Grundsätze wurden erstaunlicherweise von immer mehr Menschen angenommen, obwohl die ehemaligen Nazis und ihre Helfershelfer alles taten, um schuldfrei dazustehen und die Zeit von 1933 bis 1945 in Deutschland zu verklären. Ähnlich, wie man jetzt versucht, den Unrechtsstaat DDR aufzuwerten. Das Wort von Theodor Heuss, es gäbe keine Kollektivschuld, wohl aber die Notwendigkeit einer Kollektivscham, wurde von der Mehrheit angenommen. Inzwischen sind 60 Jahre verstrichen. Die Demokratie ist nach Deutschland zurückgekehrt, und ihre Grundgedanken sind stärker in der Bevölkerung verankert, als sie es je in der jahrhundertealten deutschen Geschichte waren. Und es gibt wieder wachsende jüdische Gemeinden, auch wenn das alte, unersetzbare deutsche Judentum ausgelöscht wurde.
Israel, der Staat, der nach dem Holocaust entstand, hat in Europa keinen stärkeren Befürworter und Helfer als Deutschland. Und in dieser Frage sind sich alle demokratischen Parteien einig.
Deutschland ist erwacht, ist sich und seinem Ruf wieder treu geworden. Dass dabei das Unrecht nicht vergessen wird, unter dem in den Nazijahren viele Menschen, besonders die Juden, leiden mussten und das zu Deutschlands tiefster Schmach führte, ist für alle Demokraten in diesem Land, also für die Mehrheit, eine Selbstverständlichkeit. Und ich selbst bin nach wie vor hier. Mehr noch: Ich bin zu Hause.

Der Autor, Jahrgang 1913, ist Journalist und Vorstandsvorsitzender der Axel Springer Stiftung.

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