Lev Binevitch

»Das Leben ist schwer geworden«

Mein Leben ist etwas langweilig ohne Arbeit. Der Haushalt nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich muss einkaufen und kochen. Danach lerne ich Deutsch. Ich lese die Erlanger Tageszeitung und verschiedene deutsche Bücher. Mittwochs besuche ich einen Deutschkurs der jüdischen Gemeinde. Ich versuche, viel zu sprechen und alles zu verstehen, was nicht einfach ist, weil ich schwerhörig bin. Schon als ich Anfang der 50er‐Jahre an einer militärischen Flugschule in der heutigen Ukraine als Bomberpilot an der TU 4, einem sowjetischen Nachbau der B 29, ausgebildet wurde, erkannte ich, dass mit meinem Gehör nicht alles gut ist. 1956, mit nicht ganz 24 Jahren, wurde ich demobilisiert und ging zurück in meine Geburtsstadt Leningrad. Dort studierte ich an einer Hochschule für Flugzeuggerätebau. Meine Kommilitonen arbeiteten nach dem Abschluss bei militärischen Unternehmen. Ich, weil ich Jude bin, konnte nicht dort arbeiten. Die Regierung vertraute uns nicht. Sie hielt uns für israelische Spione. Also wurde ich in ein Unternehmen für Geologie geschickt. Dort habe ich als Ingenieur die Konstruktion und den Bau physikalischer Geräte projektiert. Einmal im Jahr fuhr unsere Arbeitsgruppe in verschiedene Regionen der Sowjetunion, um defekte Geräte zu reparieren.
Wir waren zum Beispiel in Nikel an der Grenze zu Norwegen, wo tatsächlich Nickel abgebaut wird. 1986 war ich nur wenige hundert Kilometer von Tschernobyl, als der Reaktor explodierte. Das Ausmaß der Katastrophe wurde mir erst später bewusst.
Meine Gruppe für Schwerhörige, die ich einmal im Monat besuche, will im Oktober nach Trabersdorf fahren. Ich weiß noch nicht, ob ich teilnehme. Ich war schon einmal dort. Es ist nicht sehr interessant. Außerdem will ich im Oktober auch noch nach München zum Friedhof, wo meine Tochter begraben ist. Zweimal im Jahr fahre ich hin. Früher bin ich viel mit meiner Tochter gereist. Wir sind oft ins Allgäu gefahren. Das war schön. Aber jetzt will ich nicht mehr.
Ich bin viel allein hier in meinem Appartement im Wohnheim. Wenn das Wetter gut ist, gehe ich im Meilwald spazieren. Ich bekomme sehr selten Besuch. Es ist langweilig, wenn mein Enkel nicht bei mir ist. Im letzten Monat war er viermal hier. Er hatte eine Nasenoperation in Erlangen und musste zur Kontrolle. So kam er jede Woche zu mir. Jetzt will er zwei oder mehrere Monate nicht kommen. Er ist 23 Jahre alt und studiert Mechatronik in Ilmenau. Er hat viel zu tun, ruft mich aber sehr oft an. Zu meinem Schwiegersohn habe ich nur eine sehr lose Beziehung, obwohl er in Erlangen wohnt. Er ist schon wieder verheiratet. Wir telefonieren ab und zu. Neben mir wohnt eine alte Dame, Khasga Lyakhovetska. Sie ist schon 89 Jahre alt. Da sie russisches Fernsehen empfangen kann, gehe ich jeden Tag zu ihr und schaue Nachrichten in meiner Muttersprache. Dann unterhalten wir uns ein wenig. Manchmal kocht sie für mich.
Eine ehemalige Nachbarin in Russland versorgt jetzt meinen Hund. 1992, als ich, wie es in Russland üblich ist, mit 60 Jahren Rentner wurde, habe ich ein Bauernhaus nicht weit von Pskov gekauft. Ich wollte nicht in Leningrad wohnen, weil es damals sehr schwer war, Nahrungsmittel zu bekommen. Bei Pskov hatte ich einen Acker und Obstbäume. Ich kaufte einen Traktor und baute Gemüse an. Ein Jahr später starb meine Frau an Krebs. Bis 1999 wohnte ich dann noch alleine in dem Haus. Dort ist es sehr schön.
1995 kam im Winter meine Tochter zu mir und sagte: »Vater, ich habe erfahren, dass die Juden nach Deutschland emigrieren können.« Aber ich antwortete: »Du bist keine Jüdin.« Denn meine Frau war Russin. Meine Tochter sagte: »Das ist egal, sie nehmen auch ‚gemischte Juden‘.« Ich riet ihr, zu emigrieren, um meinen Enkel vor der russischen Armee zu retten. Zwei Jahre später konnte sie mit ihrer Familie nach Deutschland ausreisen. Ich blieb allein und fühlte mich sehr schlecht. Meine Mutter war 1996 mit 89 Jahren gestorben. Drei Jahre später bekam ich meine Papiere und ging auch nach Deutschland. Erst wohnte ich in Nürnberg. Dann fragte ich, ob ich nicht nach Erlangen umziehen könnte, weil dort meine Tochter wohnte. Ich durfte und lebte zuerst in einem Heim für Ausländer. Ein Jahr später bekam meine Tochter Arbeit in München. Sie war Computerspezialistin. Ihr russisches Diplom wurde in Deutschland anerkannt und sie besuchte viele Weiterbildungskurse. Vor zwei Jahren starb sie an Krebs. Sie war erst 44 Jahre alt.
Wie ich mich fühle, weiß ich nicht. Als meine Tochter noch lebte, fühlte ich mich ganz wohl. Aber jetzt ist es schwer. Mein Bauernhaus habe ich kostenlos der Nachbarin abgegeben. Meine Rente in Russland, umgerechnet 82 Euro im Monat, überlasse ich ihr, damit sie meinen Hund versorgt. Wir telefonieren und schreiben Briefe. Dorthin fahren kann ich nicht. Der Weg ist zu schwer für mich. Die Tochter meiner Nachbarin war mit meiner Tochter befreundet. Sie hat mich in ihre Datscha nahe Sankt Petersburg eingeladen. Aber das ist absurd. Als meine Tochter noch lebte, wollte sie mit mir hinfahren. Ich wollte damals schon nicht fahren und jetzt auch nicht. Ich habe dort keine Angehörigen mehr, und meine Freunde sind schon alle gestorben.
Hier habe ich ein paar Bekannte in der Synagoge. Dorthin gehe ich immer zum Schabbat. Weil nur wenige Menschen zum Gebet kommen, hatte mich der Gemeindevorstand darum gebeten. Ich bin kein religiöser Mensch. In Russland war bis 1990 die Religionsausübung verboten. Mitte der 70er‐Jahre hatte ich einen Mitarbeiter, er war damals schon sehr alt, aber ein sehr guter Ingenieur. Eines Tages ging das Gerücht um, dass er ein baptistischer Pfarrer sei. Als der Direktor davon erfuhr, kündigte er dem Mann sofort. In diesen Jahren stritten alle ab, gläubig zu sein. Nach 1990 wurden die Kirchen wieder geöffnet und viele Menschen wurden gläubig. Ich nicht, ich verstehe kein Hebräisch. Aber ich fühle mich wohl beim Gebet. Meist kommen nur örtliche Juden in die Synagoge. Sie sind sehr gut zu mir. Sie respektieren mich, und ich sie. Zu russischen Juden habe ich keine Beziehung. Sie kommen nur zu den Gemeindeversammlungen. Sie schreien und streiten miteinander. Meist geht es um Geld. Deswegen möchte ich dort nicht hingehen.
Mein Geld ist sehr knapp geworden. Früher habe ich 345 Euro Sozialhilfe bekommen. Damit war ich zufrieden. Jetzt hat die Behörde entschieden, meine russische Rente davon abzuziehen. Strom und Telefon sind sehr teuer. Mir bleiben im Monat noch 190 Euro zum Leben. Davon muss ich für die Zugfahrten nach München und zurück sparen. Das Leben ist sehr schwer geworden.
Ich will noch eine Geschichte erzählen: Der Bruder meiner Großmutter war mit einer deutschen Frau verheiratet. Sie lebten in Vilnius. Ihr Sohn studierte in Warschau und wurde dort 1939 erschossen, weil sein Vater Jude war. 1941 kam die deutsche Armee nach Litauen und trieb alle Juden ins Ghetto. Mein Großonkel wurde von seiner Frau gerettet. Sie versteckte ihn drei Jahre auf dem Dachboden. 40.000 wurden er‐
schossen. Nach dem Krieg besuchten wir die beiden mit meiner Großmutter. Als mein Großonkel starb, starb sehr schnell auch seine Frau. Ich meine, dass diese Geschichte interessant ist. Vielleicht habe ich noch Zeit. Dann schreibe ich sie auf.

Aufgezeichnet von Thomas Nagel

Frankfurt

»Emotionaler Anker«

Die Bildungsabteilung im Zentralrat veranstaltet eine Tagung zur Geschichte der jüdischen Jugendbewegung

von Eugen El  06.06.2019

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi‐Gruß ist«

Torwart des Première‐League‐Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi‐Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019