Jana Vilensky

„Das Leben ist chaotisch“

Bei mir ist jede Woche ein kleines Abenteuer. Das heißt, die Tage scheinen oft ähnlich, doch dann kommt alles anders. Eine Tatsache, die ich mehreren Umständen zu verdanken habe. Zum einen ist da mein Job beim jüdischen Familienklub Bambinim. Dort bin ich Leiterin, und diese Position – obwohl es nur eine halbe Stelle ist – verlangt große Flexibilität von mir. Zum anderen ist da mein Sohn Dan, der inzwischen fast vier Jahre alt ist und sehr viel Aufmerksamkeit braucht. Außerdem schreibe ich an meiner Diplomarbeit. Das alles unter einen Hut zu bekommen, macht das Leben oft ein bisschen chaotisch.
Jeden Morgen klingelt um 7 Uhr mein Wecker. Dann mache ich mich frisch und bereite meinen Sohn auf den Tag im Kindergarten vor. Um 8.30 Uhr wird er abgeholt. Ich nutze dann die Stunden bis zu seiner Rückkehr aus der Kita für Arbeiten am Schreibtisch. Drei, vier Stunden kann ich mich voll auf die Diplomarbeit konzentrieren. Seit 2001 studiere ich an der FU Berlin Sinologie, Chinawissenschaften. Und ich freue mich darauf, meinen Abschluss zu machen. China ist ein aufregendes Land. Ich war kürzlich dort. Mit dem Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) habe ich von Oktober 2006 an ein Jahr in Peking verbracht. Es war so intensiv, dass ich die Stadt gar nicht mehr verlassen wollte, auch weil meine Familie mit dort war. Mein Sohn ging in Peking in einen jüdischen Kindergarten, mein Mann fand eine kleine Stelle als Logistikmanager. Vielleicht gehe ich nach dem Studium wieder dorthin, aber das ist Zukunftsmusik. Derzeit lebe ich gerne in Berlin.
Wenn Dan nachmittags gegen 15 Uhr aus dem Kindergarten zurückkehrt, gehen wir gemeinsam hinüber zu Bambinim. Das ist der jüdische Familienklub, er wird vom American Jewish Joint Distribution Committee unterstützt und möchte jüdische Eltern mit kleinen Kindern vernetzen. Die Idee dazu kam mir, als mein Sohn im Herbst 2004 geboren wurde. Für mich stellten sich da neue Fragen: Was mache ich mit meinem und diesem jungen Leben? Wo finde ich Gleichgesinnte?
Ich erzählte all dies Lili Fuhrmann, der Repräsentantin des Joint, und sie machte mir Mut: „Bau das Netzwerk auf, und ich unterstütze dich.“ So habe ich Ende 2004 mit kleinen Eltern‐Plus‐Kind‐Treffen bei uns zu Hause angefangen. Wir haben Musik‐ und Erste‐Hilfe‐Kurse organisiert, haben uns ausgetauscht, uns Tipps gegeben und über das gesprochen, was junge Eltern interessiert, wenn sie ihr erstes Kind haben. Das war der Anfang von Bambinim, und der Kreis der Beteiligten wuchs. Inzwischen haben wir 270 Familien im Post‐Verteiler und eigene Räumlichkeiten in der Uhlandstraße. Das Geld dafür kommt vom Joint, und ich bin dafür sehr dankbar. Nur so können wir die Miete zahlen, Experten zu Vorträgen einladen und die jüdische Erziehung fördern.
Die Veranstaltungen bei Bambinim beginnen normalerweise um 16 Uhr. Wir malen, singen, tanzen, vermitteln Sprache und Religion. Als Leiterin bin ich schon früh da und öffne die Türen. Dan nimmt an den Veranstaltungen teil, ich bin in den anderen Räumen und organisiere. Nach 18 Uhr ist Schluss, und wir gehen nach Hause. Der Abend gehört dann der Familie. Wir essen gemeinsam, spielen zusammen, bis ich Dan mit einem Buch ins Bett bringe. Ich lese ihm dann auf Russisch vor – vor allem Märchen und Geschichten, mit denen ich selbst aufgewachsen bin. Ich komme aus St. Petersburg, dort wurde ich 1975 geboren.
Meine Kindheit ist in der Erinnerung eine heile Welt: Die Eltern arbeiteten als Ingenieure, wir hatten eine große Wohnung, ein Auto, viele Freunde und waren angesehen. Und doch wollten meine Eltern immer in den Westen. Mein Vater war als junger Mann mit dem Schiff durch die Welt gefahren und wusste, was es bedeutete, in der Sowjetunion zu leben. Er hat einen Satz immer wiederholt: „Ich möchte nicht, dass meine Tochter hier aufwächst.“ Im Januar 1991 sind wir dann still und heimlich nach Deutschland ausgewandert, nach Düsseldorf. Erst dort kam ich mit den jüdischen Traditionen in Berührung, habe Bücher darüber gelesen und Hebräisch gelernt. Das war eine neue Welt für mich, die mich faszinierte. Eine Woche, nachdem ich 1996 mein Abitur gemacht hatte, saß ich im Flugzeug nach Israel – um dort zu bleiben.
Fünf Jahre habe ich in Tel Aviv gelebt. Dort habe ich meinen Mann kennengelernt, gearbeitet und studiert. Im Jahr 2000 machte ich an der Bar‐Ilan‐Universität meinen Bachelor in Jüdischer Geschichte und Archäologie. Es war vielleicht die beste Zeit meines Lebens. Und doch habe ich Israel schließlich mit schwerem Herzen verlassen, in einer für das Land besonders schwierigen Zeit. Aber ich musste gehen. Ich hatte so oft Angst wegen der vielen Terroranschläge. Irgendwann konnte ich es nicht mehr aushalten. Dazu kamen die Tränen meiner Mutter, die Sorgen meines Vaters am Telefon. Und so sind wir nach Berlin gezogen, eine der besten Städte Europas.
Hier habe ich inzwischen meinen Rhythmus wiedergefunden. Abends ist bei Dan um 21 Uhr das Licht aus, und wenn er schläft, setze ich mich noch einmal an den Schreibtisch: E‐Mails versenden, Telefonate führen, Dinge für Bambinim erledigen. Manchmal nehme ich mir aber auch Zeit und lese einfach, denn das ist oft die schönste – weil ruhigste – Zeit des Tages.
Am Mittwoch bin ich schon vormittags bei Bambinim. Von 10 bis 12 Uhr veranstalten wir dort einen Musikkurs für Kinder bis zu einem Jahr. Wir wollen so früh wie möglich das Gehör dieser jungen Menschen schulen. Einen weiteren Kurs soll es bald auch am Donnerstagvormittag geben. Wenn Zeit bleibt, kümmere ich mich morgens auch noch um Einkäufe und um die Wohnung.
Der Freitag ist ein ganz besonderer Tag. Da kommt mein Sohn früher aus dem Kindergarten zurück. Wir spielen dann zu Hause gemeinsam, bis wir gegen 16 Uhr zu Bambinim gehen. Dort gibt es eine Spielgruppe, in der die Kinder viel über den Schabbat lernen und ihn gemeinsam feiern. Anschließend besuche ich manchmal die Synagoge – vor allem im Sommer, wenn die Tage länger sind und die Feier später beginnt. Was wir aber immer machen, ist ein schönes Essen mit Freunden. Einmal im Monat lade ich selbst ein.
Am Samstag wird ausgeschlafen. Es wartet kein Programm. Manchmal gehen wir in die Synagoge, manchmal machen wir einen Ausflug oder erkunden die Stadt. Es gibt in Berlin so viele Orte, die man mit Kindern besuchen kann: Theater, Parks oder den Zoo, in dessen Nähe wir wohnen. Ich finde es wichtig, am bunten Leben der Stadt teilzunehmen. Oft kommen wir erst abends nach Hause und sind richtig müde. Wenn Dan dann friedlich schläft und ich noch Kraft habe, gehe ich gelegentlich aus. Ins Kino oder mit Freunden etwas trinken. Das hängt aber auch davon ab, ob ich einen Babysitter finde.
Am Sonntag muss ich häufig wieder zu Bambinim. Zweimal im Monat gibt es dort eine Lesestunde. Das sind Vor‐ und Nachbereitungstreffen, bei denen sich alles um die jüdischen Feiertage dreht. Diesen Monat sind die sogar an jedem Sonntag. Beginn ist immer um 11 Uhr. Danach gehe ich mit Dan oft auf den Spielplatz, oder wir sind sonst irgendwo draußen aktiv, bis auch der Sonntag langsam zuende geht. Ich werde dann manchmal ein bisschen traurig. Aber das sind ja viele Menschen am Sonntagabend.

Aufgezeichnet von Holger Biermann

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