Kreuzberg

Das Leben der Anderen

von Christine Schmitt

Die Stühle haben sie schon im Kreis aufgestellt. Nun warten die Zwölftklässler der Hermann‐Hesse‐Schule auf die eingeladenen Schüler der Jüdischen Oberschule, die dann leise das Klassenzimmer betreten. Ei‐
nen streitbaren und ehrlichen Dialog wünscht Jutta Deppner, Direktorin des Kreuzberger Gymnasiums, den 30 Schü‐
lern bei der Begrüßung. „Wir werden uns noch häufiger begegnen“, verspricht sie.
Heute werden zum zweiten Mal Schü‐
ler aufeinandertreffen, „die sich sonst nicht sehen“, betont Paul von der Jüdischen Oberschule. Es sei ein großer Schritt, sie zusammenzuführen. Denn von den Schü‐
lern der Hesse‐Schule haben mehr als 80 Prozent einen Migrationshintergrund und sind überwiegend Moslems. Etliche haben auch Angehörige im Nahen Osten, wie beispielsweise Salah, der Schulsprecher des Gymnasiums. Die Begegnung gehört zu den Projekttagen, die den Titel „Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage“ tragen.
Mittlerweile haben alle sich ein Na‐
mensschild angeklebt und stellen sich vor. Die meisten waren bei der ersten Ge‐
sprächsrunde in der Jüdischen Oberschule vor zwei Wochen dabei. „Kann jemand kurz zusammenfassen, was wir beim letzten Mal erarbeitet haben?“, fragt Paul, der die Runde moderiert. Wenn es zu der geplanten Begegnung mit Politikern im Bundes‐
tag kommt, was soll man denen sagen, wie man Integration in der Schule besser umsetzen kann? Seda erinnert sich. Sport sei eine Möglichkeit, man könnte auch Feste dazu machen.
Die Idee zu dem Treffen hatten Paul, bekennender Atheist, Michael, Jude, und Salah, Moslem. Zu‐
fällig haben sie sich über gemeinsame Be‐
kannte kennengelernt und sich rasch dazu entschlossen, einen Dialog anzuregen. „Als im Gasa‐
streifen Krieg war, gab es hier heftige Diskussionen“, meint der Vertrauenslehrer der Hesse‐Schule, Frido Botsch, der bei den Treffen zwar als Zuhörer dabei ist, sich aber zurückhält.
Nun sollen sich die Schüler in zwei Gruppen aufteilen und jeweils die Vor‐
urteile über die andere Kultur formulieren. Paul verteilt große Blätter. Was fällt den Schülern des Kreuzberger Gymnasiums zum Judentum ein? Caroline schreibt auf, was die Schüler ihr spontan zurufen: Kip‐
pa, Klagemauer, Beschneidung, Schabbat, Tora, Zionismus, Juden sind reich, Juden sind mächtig.
Im Nachbarraum herrscht erst einmal Schweigen. Bis sich die Schüler der Jü‐
dischen Oberschule durchringen, etwas zu sagen, vergehen Minuten. Dann fangen sie zögernd an, beispielsweise sei die Frau im Islam nicht gleichberechtigt, und die fünf Säulen erwähnen sie.
„Damit ihr etwas übers Judentum er‐
fahrt, werden wir euch darüber berichten“, sagt Paul, während die Schüler aus dem Nachbarraum zurückkommen und sich wieder auf ihre Stühle setzen. Jakob ist der erste und hat als Thema die jüdische Ge‐
schichte, Micha stellt die Tora vor. Salah möchte wissen, ob man im Judentum bei bestimmten Personen wie beispielsweise Abraham auch immer einen bestimmten Satz dazu sagen muss. Im Islam müsse man, wenn man Muhammed erwähnt, im‐
mer „Friede sei mit Euch“ sagen. Die Schü‐
ler verneinen. Außerdem ist der Schul‐
sprecher verwundert, dass Micha eine Tora einfach so zeigen darf, ohne sich vorher zu waschen. Was hat es eigentlich mit der Kippa auf sich, wollen die Kreuzberger wissen. „Juden tragen sie aus Respekt“, sagt Paul, manche immer, manche nur in der Synagoge. Dann ist kurze Pause.
„Ich finde das alles sehr informativ“, sagt Yigit. Er habe vieles nicht gewusst, und es mache ihm Spaß, „nun die andere Seite kennenzulernen“. Görkem ist derselben Meinung. Die Vorurteile werden so abgebaut, so der Schüler. Ihm habe auch das erste Treffen gefallen, und für ihn stand fest, dass er heute dabei sein möchte. „Ich finde die islamischen Schüler sehr nett“, sagt die 17‐jährige Anna von der Jüdischen Oberschule. Rabieha hat palästinensische Verwandte im Nahen Osten. „Zum ersten Mal sehe ich Juden bewusst. Dieses Treffen ist sehr lehrreich.“ Als sie von dem Projekt gehört hatte, wollte sie unbedingt mit. Erst habe sie kein Verständnis für die Juden aufbringen können, wegen ihrer Vorurteile, aber nun sehe sie das alles „lockerer“. Sie könne sich sogar vorstellen, sich privat mit einem Schüler aus der Jüdischen Ober‐
schule zu treffen – sofern er sie nicht aus politischen Gründen beleidigt.
Die Pause ist zu Ende, die Schüler setzen sich wieder ins Klassenzimmer. Nun steht der Islam im Mittelpunkt. Ein Zwölftklässler hat die Unterbrechung genutzt, um sich einen Palästinenserschal umzuhängen, was die Schüler der Jüdischen Oberschule irritiert. Der 18‐Jährige hingegen fühlt sich durch deren Grimassen – die er zu erkennen glaubt – provoziert, steht auf und verlässt den Raum. Paul geht ihm nach, um mit ihm zu reden und den aufziehenden Konflikt zu klären, was ihm auch glückt. „Es ist schwierig, über bestimmte Themen zu diskutieren, weil der Wissensstand so auseinandergeht“, stellt Paul dann fest. Jede Seite stellt einfach Behauptungen auf, wie „Israel hat sich gewehrt“ und „Israel unterdrückt die Palästinenser“. Die At‐
mosphäre ist so angespannt, dass schließlich der Vertrauenslehrer Frido Botsch eingreift. „Wir sind hier, um Mauern einzureißen“, sagt er – und erhält Applaus, und alle entspannen sich.
Nach viereinhalb Stunden Gespräch werden die Stühle zurückgeräumt und es ist Schluss für heute. „Wir sind auf jeden Fall zufrieden mit der Gesprächsrunde“, sagt Paul abschließend und denkt gleich einen Schritt weiter. „Wir müssen mehr als Gruppe unternehmen, vielleicht mal einen Ausflug oder eine Party machen.“

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