Sarah Silverman

Das Lästermaul

von Michael Wuliger

»Alle geben den Juden die Schuld am Tod von Jesus Christus. Die Juden versuchen, es den Römern anzuhängen. Ich persönlich glaube, es waren die Schwarzen.« Sarah Silverman verzieht keine Miene. Sie steht auf der Bühne und schaut so unschuldig drein, als hätte sie gerade vom Wetter gesprochen. Das gehört zur Show. Krasse Sprüche wirken noch krasser, wenn sie aus dem Mund einer zarten, zerbrechlich wirkenden Frau kommen. Sarah Silverman, die das US-Showmagazin Rolling Stone einmal die »jüdische Cameron Diaz« genannt hat, ist 35 Jahre alt, wirkt jedoch viel jünger, fast mädchenhaft. Was sie auf der Bühne an Witzen losläßt, klingt allerdings mehr nach schmutzigem alten Mann. »Playboy-Bunnies sind keine Nutten. Sie werden ja pro Monat bezahlt«, zum Beispiel. Oder: »Ich möchte unbedingt eine Abtreibung haben. Aber ich werde und werde nicht schwanger.«
Sarah Silverman ist der neue Stern am US-Comedyhimmel. Sie tritt regelmäßig in großen Clubs und im Fernsehen auf. Ihr erster Film Jesus is Magic ist vergangenen November in die amerikanischen Kinos gekommen. Dort wie auf der Bühne und im TV gibt die Entertainerin das Lästermaul. Nichts ist tabu. »Haben Sie im Fernsehen die Reportage über hungernde Kinder in Afrika gesehen? Kleine Kinder mit Riesenbäuchen. Ein, zwei Jahre alt und schon schwanger.« Während das schockierte Publikum noch nach Luft schnappt, redet Silverman in ihrem kindlichen Sing-Sang-Ton weiter: »Wenn ich sowas sehe, bricht es mir das Herz. Aber Geld spende ich nicht. Ich will nicht, daß sie damit Drogen kaufen. «
So viele Tabuverletzungen in so wenigen Sätzen unterzubringen ist eine Kunst. Eine Kunst, die Sarah Silverman meisterhaft beherrscht. Wie ihr Kollege Ali G. und die TV-Cartoonserie South Park nimmt sie die politische Korrektheit aufs Korn. Sie spielt lustvoll mit den Stereotypen, gegen die ihr aufgeklärtes linksliberales Publikum glaubt immun zu sein, wo es sie doch in der Regel nur verdrängt hat. Verdrängtes, wenn es offen ausgesprochen wird, gibt dem Witz seine Wirkung, hat Sigmund Freud geschrieben. Laut dem Begründer der Psychoanalyse sind Witze auch Akte der Aggression. In Sarah Silvermans Fall trifft das zweifelsohne zu. »Schön, daß Courtney Love heute abend hier ist«, begrüßte sie einmal die notorisch drogensüchtige Sängerin und Schauspielerin bei einem Auftritt. »Ich hab’ nämlich mein Crack zu Hause vergessen.«
Mit Drogen kennt die Comedy-Entertainerin sich gut aus. Zwar trinkt sie keinen Alkohol – ihr wird schlecht davon – dafür kifft sie regelmäßig, vier, fünf mal die Woche, nach Auftritten auch mehr. Und sie nimmt seit 12 Jahren ständig Psychopharmaka. Zoloft heißt das Mittel ihrer Wahl. Sarahs Tante, eine Psychotherapeutin hatte es ihr verschrieben, nachdem ihre Nichte zum zweiten Mal so schwere Depressionen hatte, daß sie stationär behan- delt werden mußte. Das erste Mal war mit sechzehn gewesen. Drei Monate lag Sarah Silverman damals in einer Klinik. Anschließend begann sie eine ambulante Therapie, die jedoch nach zwei Sitzungen abgebrochen werden mußte: Der Therapeut hatte sich erhängt. Kein Witz.
Vielleicht muß man das erlebt haben, um einen so schwarzen – manche sagen kranken – Humor zu entwickeln wie Sarah Silverman. Seelisch ausgeglichene Menschen kämen wahrscheinlich nicht darauf, die New Yorker Anschläge vom 11. September 2001 so zu kommentieren: »Es war katastrophal. Nicht nur für die Betroffenen. Vor allem für mich. An diesem Tag nämlich stand in der Zeitung, daß Soja-Latte Macchiato 900 Kalorien hat. Und ich hatte das Zeug jahrelang täglich getrunken, weil ich dachte, Soja sei gesund. Alles gelogen!«
Sarah Silverman stammt aus New Hampshire. Sie ist die jüngste von vier Schwestern. Die älteste, Susan, ist Rabbinerin und hat ein in den USA vielgelesenes Buch über jüdische Tradition und Rituale im Familienalltag geschrieben. Sarah hat, anders als ihre Schwester, mit Religion wenig im Sinn. Ihr jüdisches Engagement beschränkt sich darauf, für das Livestylemagazin Heeb Pornofilme zu rezen- sieren. Sie will auch bewußt keine jüdische Comedy machen. Die Zeiten, als sie in der Fernsehcomedyshow Crank Yankers das verwöhnte jüdische Mittelklassengör Hadassa Guberman spielte, die Inkarnation der »Jewish American Princess«, sind lange vorbei.
Was nicht heißt, daß Jüdisches bei Silvermans Auftritten zu kurz käme. Mal für ihre Verhältnisse relativ harmlos: »Ich finde es süß, wie sehr sich Israelis und Palästinenser hassen. Dabei kann ich die einen von den anderen überhaupt nicht unterscheiden. Beide sind braungebrannt und riechen.« Schon eine Nummer härter sind Sprüche wie »Ich bin von einem Arzt vergewaltigt worden. Für ein jüdisches Mädchen ist das eine bittersüße Erfahrung.« Selbst vor einem absoluten Tabuthema wie der Schoa macht Silverman nicht halt. »Ich habe Massen von Holocaust-Witzen, von denen manche ziemlich Hardcore sind«, sagt sie stolz. Zum Beispiel diesen: »In unserer Familie legt man Wert auf Stil. Mein Großmutter war in einem der besseren KZs.«
In den USA wird Sarah Silverman häufig mit Lenny Bruce verglichen, dem legendären jüdischen Comedystar der fünfziger Jahre. Kein unbedingt glücklicher Vergleich: Bruce, der mit seiner Aggressivität und Zotensprache das Genre in den prüden Nachkriegsjahren revolutionierte, starb 1966 einsam und verarmt an einer Überdosis Heroin.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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