Zeitschriften

Das kostbare Wort

von Lev Krichevsky

Der Herausgeber einer nach dem Ende des Kommunismus gegründeten jüdischen Zeitschrift nahm in einem Artikel Abschied von seinen Lesern und beschrieb darin eines der größten Probleme, mit denen die jüdische Presse und ihre Leserschaft zu kämpfen haben. „Wir haben es nicht geschafft, die Gemeinde finanziell unabhängig zu machen“, beklagt Alexander Sakov in der Januarausgabe der Monatszeitschrift „Shalom“, der 156sten seit 1994.
In den vergangenen Jahren war „Shalom“ in der sibirischen Stadt Omsk beheimatet und zur Deckung ihres gesamten monatlichen Budgets von 300 Dollar auf die American Jewish Joint Distribution Committee (kurz Joint) angewiesen. Das JDC hat jedoch beschlossen, mit Beginn dieses Monats seine Unterstützung einzustellen. Sakov, der 55‐jährige Gründer von „Shalom“, schrieb in seinem letzten Artikel, er sehe sich gezwungen, die gedruckte Version wegen finanzieller Schwierigkeiten aufzugeben. Genau wie wohl alle anderen russisch‐jüdischen Zeitschriften, so Sakov, habe sich sein Blatt auf Spender verlassen müssen – es gibt ja keine zahlenden Abonnenten oder Anzeigen.
Boris Boguslavsky, Leiter des Joint‐Büros für Sibirien und den russischen Fernen Osten in Krasnojarsk, sagt, er sei mit der Qualität des Blattes nicht zufrieden gewesen. Bevor er die Geldüberweisungen für „Shalom“ gestoppt habe, habe er versucht, in einen Dialog mit dem Herausgeber zu treten. Sakov habe jedoch die Zeitschrift lieber ganz eingestellt, statt sie bes‐ ser zu machen. Sakov hingegen behauptet, Boguslavsky habe eine Zusammenarbeit abgelehnt. Der Redakteur räumt aber ein, dass „der Joint unsere Zeitung natürlich nicht immer unterstützen muss.“
Mit einer Auflage von 1.000 warb „Shalom“ als „die jüdische Zeitung für Sibirien und den Fernen Osten“ für sich. Sie wurde in fünfzig Städten in diesem riesigen Gebiet ausgeliefert. Sakov versuchte auch die Unterstützung anderswo zu finden. Doch seine Anfragen bei lokalen jüdischen Wohltätern und Regionalbehörden seien ergebnislos geblieben.
Sakov engagiert sich seit vielen Jahren für jüdisches Leben in seinem Land. Als er die Zeitung 1994 gründete, habe die Begeisterung der Menschen, die das Judentum wiederentdeckten, dem Unternehmen Schwung verliehen. Doch nachdem sich die Gemeinde etabliert hatte, gelang es ihr nicht, sich auf eigene Füße zu stellen oder zu lernen, ohne die finanzielle Unterstützung durch ausländische Gruppen zu überleben.
„Je freier das Land wurde und je besser die Menschen lebten, desto weniger Interesse hatten die Juden am Gemeindeleben“, schreibt Sakov. „Heute erinnern die Zentren jüdischer Kultur bedauerlicherweise eher an Senioren‐Clubs“, in denen die Menschen sich daran gewöhnt haben, kostenlose Dienstleistungen inklusive Zeitungen zu erhalten.
Boguslavsky sagt, sein Büro plane, in eine neue regionale Zeitung zu investieren, die an die Stelle von „Shalom“ treten soll. „Ob eine jüdische Zeitung sich selbst tragen kann, diese Frage stelle ich mir gar nicht“, sagt er. Laut Boguslavsky gibt es in seiner Region allein mehr als zehn jüdische Zeitschriften, in der Mehrzahl monatlich erscheinende. Sie alle werden von den großen jüdischen Gruppen gefördert, da die meis‐ ten Gemeindemitglieder sich daran gewöhnt hätten, ein Exemplar einer jüdischen Zeitschrift als Dreingabe zu anderen kostenlosen Dienstleistungen zu bekommen. „Ich bat die Leute, die Lebensmittelpakete ausliefern, keine lokale Zeitung beizulegen, um herauszufinden, wie viele Menschen es bemerken würden“, sagt er. „Keiner beschwerte sich, keine Zeitung erhalten zu haben.“
Die meisten der fünf Dutzend heute in Russland publizierten jüdischen Zeitungen werden von der Chabad‐gestützten Vereinigung jüdischer Gemeinden getragen, der führenden und reichsten russisch‐jüdischen Gruppierung. Die größte und anscheinend erfolgreichste russisch‐jüdische Wochenzeitung, das „Jüdische Wort“ in Moskau, hat eine Auflage von 42.000, fast so viel wie die Auflagen aller anderen jüdischen Zeitschriften zusammen genommen. Doch auch das „Jüdische Wort“ verkauft keine Exemplare seiner Zeitung. Sie wird an alle Juden kostenlos verteilt, die in der Chabad‐Datenbank registriert sind.
Das „Jüdische Wort“ hat einen umfang‐ reichen Anzeigenteil. Die meisten Anzeigen werben für Aktivitäten der Vereinigung und helfen der Organisation, mehr Juden für ihre Gemeindezentren, Schulen und Synagogen anzuziehen. Vladimir Paley, Redakteur von www.jewnet.ru, dem Russisch‐Jüdischen Informationsdienst meint, die Zeitungen sind dazu gezwungen, sich auf den guten Willen der Spender zu verlassen. „Niemand will sein gutes Geld für eine Zeitung ausgeben, die eine einzige Organisation vertritt“, sagt er.
„Es ist unmöglich, sich eine unabhängige jüdische Presse in Russland vorzustellen“, sagt Nickolai Propirny, Chefredakteur einer anderen Moskauer Wochenzeitung, der „Jüdischen Welt“. Die Zeitschrift wird vom Russischen Jüdischen Kongress herausgegeben, der Chabad früher in den Gemeinden Konkurrenz machte, in den letzten Jahren aber viel von seinem Einfluss in den russischen Regionen eingebüßt hat.
„Das Judentum in Russland ist in Gruppen zersplittert“, sagte Propirny. „Unter diesen Bedingungen wird eine Zeitung immer die Interessen ihrer Förderer aus der Jüdischen Gemeinschaft widerspiegeln.“ Was das Anzeigeneinkommen betrifft, fügte er hinzu, „so sind nur ganz wenige Anzeigenkunden an Zeitungen mit kleinen Auflagen interessiert, noch dazu solchen, die keine Anzeigen von konkurrierenden Organisationen annehmen.“

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