John Heartfield

Das Foto als Waffe

von Michael Wuliger

Es soll Menschen geben, die Klaus Staeck für den Erfinder der politischen Fotomontage halten. Ein Irrtum, den auch die Berlinische Galerie in Kreuzberg kräftig fördert. Das Haus in der Alten Jakobstraße zeigt aktuell in einem großen Saal Plakate des Heidelberger Grafikers und gerade wiedergewählten Präsidenten der Akademie der Künste. Einen Raum weiter, auf weniger als der halben Ausstellungsfläche, wird parallel Staecks großes – und nie erreichtes – Vorbild präsentiert: John Heartfield.
Heartfield: So nannte sich der 1891 in Berlin geborene Helmut Herzfeld 1916, um gegen die im Ersten Weltkrieg herrschende antibritische Stimmung im Kaiserreich zu protestieren. Eine Provokation, wie auch die Kunst, die der 25‐Jährige machte. Mit dem Wahren, Schönen, Guten hielt Heartfield es nicht. Er gehörte zu den Dadaisten, die mit sinn‐ und regelloser Kunst ihren Beitrag zum Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft leisten wollten. Dazu zählte auch der bewusste Verzicht auf das klassische künstlerische Handwerkszeug und die Suche nach neuen Techniken und Formen. In Heartfields Fall war das die Fotomontage. Er war einer der Pioniere bei der Nutzung des noch jungen Mediums Fotografie für die grafische Gestaltung. Zunächst entwarf Heartfield Buchumschläge für den Berliner Malik‐Verlag, den er mit seinem Bruder Wieland Herzfelde gemeinsam betrieb: Revolutionäre Titelblattgestaltungen für Bücher revolutionärer Autoren wie Martin Andersen Nexø, Karl August Wittfogel, Upton Sinclair, Alexander Blok, John Dos Passos, Oskar Maria Graf und Franz Jung. »Wenn ich nicht Kurt Tucholsky wäre, möchte ich Buchumschlag im Malik‐Verlag sein«, bemerkte einmal der Schriftsteller, dessen Wunsch 1929 wenigstens teilweise in Erfüllung ging, als er mit Heartfield zusammen das politisch‐satirische Bilderbuch Deutschland, Deutschland über alles veröffentlichte.
Zu diesem Zeitpunkt war John Heartfield seiner dadaistischen Phase längst entwachsen. Statt absurder l’art pour l’art betrieb er jetzt Kunst als Waffe im Klassen‐ kampf. Er entwarf Wahlplakate für die Kommunisten und gestaltete regelmäßig die Titelseiten der in Millionenauflage erscheinenden Arbeiter Illustrierten Zeitung. Die Technik der Fotomontage eignete sich wie kaum eine andere für Agitprop. Hitler, der in der zum »Führergruß« hochgehaltenen Hand Millionen des Großkapitals sammelt; eine schwangere Proletarierin, deren dank Abtreibungsverbot geborenes Kind später als Soldatenleiche endet; eine auf einem Bajonett aufgespießte Friedenstaube: Heartfields Montagen gaben der kommunistischen Politik ihr einprägsames Gesicht.
Wenig Wunder, dass der Künstler ganz oben auf der Feindesliste der Nazis stand. Als die 1933 an die Macht gebracht wurden, stürmte ein Trupp SA‐Männer Heartfields Berliner Wohnung, um ihn in einen ihrer Folterkeller zu verschleppen. Doch der Gesuchte war bereits auf dem Weg nach Prag ins Exil. Von dort aus kämpfte er weiter mit seinen Montagen gegen die Nazis – wohl nicht ganz ohne Erfolg. Sonst hätte die deutsche Botschaft nicht offiziell bei der tschechoslowakischen Regierung Protest eingelegt.
1938 holten seine Feinde Heartfield beinah wieder ein. Und wieder entkam er ihnen knapp. Kurz bevor die Wehrmacht Prag besetzte, erreichte er mit dem Flugzeug Großbritannien, wo er bis 1950 lebte, bevor er nach Deutschland zurückkehrte. Natürlich in das sozialistische Deutschland. Dort allerdings spielte Heartfield nicht mehr die einstige Rolle. In der DDR, wo der kleinbürgerliche‐klassizistische Kunstbegriff eines Walter Ulbricht dominierte, galt seine revolutionäre Montagetechnik inzwischen als »bürgerlicher Formalismus«. Der früher gefeierte Meister des Agitprop arbeitete, ziemlich im Verborgenen, hauptsächlich für Verlage als Buchgestalter und für Theater als Ausstatter. Einige wenige Plakate durfte er noch gestalten, die aber nie die Kraft seiner früheren Arbeiten erreichten. Erst 1954 wurde Heartfield dank des unermüdlichen Einsatzes von Stefan Heym Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Als er 1968 mit 76 Jahren starb, gehörten er und seine Kunst zu den geehrten, aber vergessenen Veteranen. Im Westen Deutschlands wurde paradoxerweise John Heartfield zu diesem Zeitpunkt wiederentdeckt, von der aufkommenden Studentenbewegung. Auch Klaus Staeck ließ sich von ihm inspirieren. Mehr aber nicht. Man sollte nach der vergleichsweise lieblos gemachten Heartfield‐Schau die wesentlich aufwendigere Staeck‐Retrospektive anschauen. Dann sieht man, wer Meister ist – und wer nur Epigone.

John Heartfield: Zeitausschnitte. Berlinische Galerie, bis 31. August
www.berlinischegalerie.de

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