Sinai-Grundschule

Das fliegende Klassenzimmer

von Miryam Gümbel

In der vergangenen Woche konnten die Mädchen und Jungen der Klasse 1A der Sinai‐Schule schon einmal testen, wie es sich in den neuen Klassenzimmern am Jakobsplatz lernt. Gemeinsam mit ihrer Klassenlehrerin Lucia Guèye‐Sailer besuchten sie ihre zukünftigen Unterrichtsräume im neuen Gemeindezentrum.
Das Umgewöhnen schien keine großen Probleme zu machen, denn schnell hatte ein jeder seinen Platz gefunden und saß schon über der Montagsarbeit mit dem gemalten und geschriebenen Bericht des vergangenen Wochenendes. Genauso schnell aber hatten sie die Vorteile der neuen Schulräume erfasst: Hanna freut sich darüber, dass hier »sehr viel mehr Platz« ist. Nathi war begeistert von der Tafel, die er als »viel schöner« empfand: »Die kann man aufmachen«, erklärte er, und Kateryna ergänzte: »Man kann sie hoch‐ und runterschieben«. Die kleine Anna staunte nur immer wieder: »Da ist alles neu!«
Einig waren sich alle, dass die großen Fenster und die Helligkeit ein großer Vorteil sind, ebenso das angenehme Raumklima – ganz anders als der jetzige Schulraum unterm Dach.
Michael begeisterte sich für das »süße kleine Waschbecken« im Klassenzimmer. Dabei wird er dieses ebenso wenig genießen können wie Nathi die neue Tafel. Nathi zieht mit seiner Familie nach Niedersachsen, Michael geht mit seinen Eltern zurück nach Israel. Die Zeit im Kindergarten und in der Schule haben ihm aber gut gefallen, einschließlich des Hebräisch‐Unterrichts, auch wenn er zu Hause von seiner Mutter diese Sprache ohnehin gelernt hat.
Hebräisch zu lernen ist in einer jüdischen Schule selbstverständlich – und auch notwendig, erklärt Schulleiterin Antonia Ungar. Denn sie ist »die Sprache der Tora und ein Bindeglied zwischen uns und dem Staat Israel«. Entsprechend haben die Kinder in den ersten beiden Jahren vier Wochenstunden Unterricht in dieser Sprache, ab der dritten Klasse noch jeweils drei Stunden. Doch auch Englisch hat einen hohen Stellenwert: Ab dem kommenden Schuljahr wird die Weltsprache bereits ab der ersten Klasse unterrichtet.
In einer jüdischen Konfessionsschule, so Antonia Ungar weiter, gibt es über den allgemein verbindlichen Bayerischen Lehrplan hinaus, der auch für diese staatlich anerkannte Grundschule gilt, noch einige Schwerpunkte: So finden in der ersten Klasse wöchentlich zwei, in der zweiten Klasse drei und in der dritten und vierten Klasse jeweils vier Stunden Religionsunterricht statt. »Nur wer seine Geschichte kennt, hat eine Identität. Und wer eine Identität hat, geht gestärkt und selbstsicher in die Zukunft«, so die Pädagogin.
Entsprechend erfahren die Kinder hier alles über jüdische Feiertage und Symbole, über Gebete und jüdische Werte, über Sitten und Gebräuche und über die biblische Geschichte. Gleichzeitig lernen die Kinder durch das Miteinander unterschiedlicher Konfessionen an der Schule, einander zu verstehen, zu respektieren und Toleranz zu üben.
Das schulische Lernen allein ist aber nicht alles. »Unsere Schule am Jakobsplatz«, so Antonia Ungar, »soll letztendlich beides sein: ein Ort des Lernens und der menschlichen Begegnung. Die Sinai‐Schule will die Kinder zu Selbstständigkeit, Verantwortung und zur eigenen Leistungsbereitschaft erziehen. Jedes Kind soll seine individuellen Fähigkeiten herausfinden und mit unserer Hilfe weiter entwickeln.«
Letzteres liegt insbesondere IKG‐Präsidentin Charlotte Knobloch am Herzen. Die Begabungsförderung ist ihr ganz wichtig. Da die Schule am Jakobsplatz als Ganztagsgrundschule geführt wird, können Hobbys und Interessen in Neigungsgruppen und Arbeitsgemeinschaften von den Lehrern und Erziehern besonders gut geweckt und gefördert werden. Diese Unterstützung gilt für lernstarke Kinder ebenso wie für lernschwache und insbesondere auch in sprachlicher Hinsicht. Zu den angebotenen Neigungsgruppen zählen unter anderem Schulspiel, Tanz und Bewegung, Chor und Orffgruppe. Eigene Musik‐ sowie Zeichen‐ und Bastelräume unterstützen dieses Anliegen.
Zu den Vorteilen der ab dem zweiten Schuljahr verbindlichen Ganztagsschule zählt auch die Tatsache, dass alle schriftlichen Hausaufgaben in der Schule mit Betreuung erledigt werden. Für den Mittagstisch ist dabei auch gesorgt. Es gibt von Montag bis Freitag warmes Mittagessen. Die IKG wird dafür im ersten Schuljahr pro Kind eine Summe von monatlich 50 Euro zuschießen. Der kostenpflichtige Busservice von zu Hause zur Schule und zurück wird auch zum Jakobsplatz weiterhin angeboten.
So bleibt Antonia Ungar und ihrem seit Jahren eingespielten Team nur noch der Wunsch, dass möglichst viele Kinder von der neuen Ganztagsschule profitieren.

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