Vorurteile

Das Feindbild

Wenn Sie das nächste Mal eine Kopftuchträgerin sehen, nehmen Sie sich die Zeit, Ihre Gefühle zu analysieren. Erregt der Anblick bei Ihnen Aggression? Angst? Denken Sie an Parallelgesellschaft, Unterdrückung, Bildungsferne, Kinderreichtum, Sozialabzocke? An Frauen, die ihre Fäuste gegen Israel, Amerika, Dänemark, den Papst recken? Streift Ihr Blick den unförmigen Mantel der Frau, denken Sie unwillkürlich an Sprengstoffgürtel? Vielleicht schämen Sie sich Ihrer Gedanken. Dann sind Sie ein Gutmensch. Glückwunsch dazu.
Der 28-jährige Russlanddeutsche, der in einem Dresdener Gerichtssaal eine Muslimin mit 18 Messerstichen tötete, schämte sich nicht. Zur Verhandlung war es gekommen, weil der Mann die Kopftuchträgerin als »Schlampe, Islamistin und Terroristin« beschimpft hatte. Als sie ihn wegen Beleidigung anzeigte, meinte er, die Frau sei als Muslimin kein Mensch und darum nicht beleidigungsfähig. Und dann stach er zu.

mitgefühl Wäre Marwa E. Opfer eines islamischen Ehrenmords gewesen, der Aufschrei wäre groß gewesen. So aber dauerte es fast eine Woche, bis die Medien reagierten. Ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, ergriff die Initiative, zusammen mit Aiman A. Mazyek, seinem Kollegen vom Zentralrat der Muslime, dem schwer verletzten Ehemann der Ermordeten sein Mitgefühl auszudrücken. Zweitausend Jahre unter Christen haben Juden den Sinn für Diskriminierung geschärft. »Diejenigen, die bisher die Sorge um Islamophobie in Deutschland als eine Phantomdebatte abgetan haben, sehen sich nach diesem furchtbaren Ereignis Lügen gestraft«, sagte Kramer. Recht hat er. Dass es in Deutschland eine zuweilen mörderische Fremdenfeindlichkeit gibt, ist nichts Neues. Neu ist hingegen deren Unterfütterung mit einer antiislamischen Ideologie, die einen intellektuellen Anspruch hat und in der Mitte der Gesellschaft formuliert wird.
Eine Phobie bezeichnet eine irrationale Angst, die in keinem Verhältnis zur realen Gefahr steht. Die Islamophobie unterstellt den Muslimen den Plan einer Weltherrschaft, die sie durch Terror und Krieg, Zuwanderung und Kinderreichtum verwirklichen wollen. Da der Koran eine totalitäre Ideologie predige, die nur Muslime als vollwertige Mitglieder der »Umma« anerkenne, alle anderen aber als »Dhimmis« dazu bestimme, von den Söhnen Allahs unterworfen zu werden, könne kein Muslim demokratischer Staatsbürger sein.
In verschwörungstheoretischen Machwerken wie Bat Ye’ors Eurabia wird den europäischen Eliten unterstellt, sie hätten den Ausverkauf des Kontinents beschlossen, um an das Öl und Gas der islamischen Länder heranzukommen und mit ihnen den USA die Weltherrschaft streitig zu machen. Hauptkampfmittel zur Islamisierung Europas sei die politische Korrektheit und die grenzenlose Toleranz, die es nicht gestatte, die Überfremdung, den Moscheebau, die Unterdrückung der Frau, Ehrenmorde, Kriminalität und den muslimischen Antisemitismus zu kritisieren. Eine gutmenschliche Selbstzensur erlaube den Muslimen die faktische Kontrolle der Medien. In den Büchern eines Hans-Peter Raddatz oder Udo Ulfkotte finden sich ähnliche Elemente. In der deutschen Blog-Szene werden solche Ansichten von Websites wie »Politically Incorrect« vertreten. Auch auf anderen Internetseiten, die sich auf ihre »Anti-Mainstream«-Haltung etwas einbilden, bricht man für den holländischen Islam-Hasser Geert Wilders eine Lanze.

krankhaft Wie sehr die Islamophobie aber bereits Teil des Mainstreams ist, sieht man daran, dass gegen den Beitritt der Türkei zur EU auch von bürgerlichen Politikern das Argument vorgebracht wird, ein so großes islamisches Land gehöre nicht in die Union. Wäre das akzeptabel, wenn die Türkei ein – sagen wir – jüdisches Land wäre?
Die Angelegenheit wird durch zwei Sachverhalte kompliziert: Erstens gibt es mit Al Qaida und anderen Dschihadisten tatsächlich Muslime, die eine Weltherrschaft anstreben. Zweitens kehren manche Islamhasser demonstrativ ihren Philosemitismus und ihre Liebe zu Israel hervor. Ist also ein Geert Wilders ein Verbündeter gegen Hisbollah, Hamas und ihre Sympathisanten in Europa, nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund?
Nein. Phobiker sind krankhaft, und die Liebe des Islamophoben zu Israel ist es ebenso. Der Hauptfeind des radikalen Islamismus ist der moderate Islam, und die Hauptopfer der Islamisten sind Muslime. Der Feind meines Feindes ist also der moderate Muslim. Wer die Islamophobie fördert oder deren Existenz leugnet, arbeitet den »heiligen Kriegern« in die Hände und schadet Israel und den Juden in aller Welt.

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