Pessach

Das Brot des Anstoßes

von Sabine Brandes

Feierlich abgedeckt liegt es in der Mitte des Tisches. Millionen von Juden in der ganzen Welt freuen sich auf den Moment, an dem endlich das Tuch gelüftet und die Mazze gebrochen werden. Einmal im Jahr essen sie acht Tage lang nur ungesäuertes Brot. An Pessach, dem Fest, das an den Auszug aus Ägypten und das Ende der Sklaverei erinnert.
Auch wenn sich die meisten jüdischen Israelis, einer Umfrage der Tageszeitung Yedioth Ahronoth zufolge sind es 70 Prozent, an diese Tradition halten, sind lange nicht alle bereit, über eine Woche lang gänzlich auf Pita und Co. zu verzichten. Gewöhnlich gehen säkulare Israelis in arabische Restaurants, um ihren Appetit zu stillen. In jüdischen Supermärkten und Lokalen war das sogenannte Chametz bislang kaum zu haben. Vorräte an Brot mit Sauerteig, Pasta, Pizza, Kuchen und Keksen verschwanden unter riesigen Plastikplanen, tabu für die Käufer. Doch nun bieten immer mehr Geschäfte und Res‐
taurants Chametz auch während der Feiertage an. Sogar in Jerusalem, einer Stadt, in der viele Gegenden gänzlich von Strengreligiösen dominiert werden. Die sind em‐pört und rufen zum Kampf gegen die Entweihung des heiligen Festes auf. Mit Handzetteln und lautstarken Demonstrationen gehen sie gegen das Chametz in ihrer Stadt vor.
Die großen Unstimmigkeiten begannen bereits im vergangenen Jahr, als die Jerusalemer Richterin Tamar Bar‐Ascher entschied, dass es Läden erlaubt sei, Gesäuertes in ihren Räumlichkeiten anzubieten. Sie wies alle Gerichte an, Klagen gegen Ge‐
schäftsinhaber, die sich nicht an das „Mazze‐Gesetz“ gehalten hatten, zu annullieren. Ein Geschäft könne nicht als öffentlicher Ort bezeichnet werden, da es sich um einen geschlossenen Bereich handele, der für Vorübergehende nicht einsehbar ist. Außerdem sei es ein religiöses Gesetz, das symbolischen Charakter habe, argumentierte sie. Generalstaatsanwalt Menachem Mazuz bestätigte das Urteil wenig später. Bar‐Ascher betonte jedoch, dass die Einhaltung des Gesetzes in einer Stadt, in der viele Einwohner nicht nur jüdisch, sondern strengreligiös sind, aus Respekt empfehlenswert sei.
Nicht genug für viele Menschen, die ihre religiösen Gefühle verletzt sehen, wenn Juden in ihrer Umgebung Dinge anbieten, auf denen kein Stempel „koscher für Pessach“ zu sehen ist.
2008 gab es nach Bekanntwerden des Urteils wütende Ausschreitungen vor den Restaurants, in denen sich Leute Pizza und Kuchen schmecken ließen. Um die Abtrünnigen wieder auf den rechten Pfad zu bringen, verteilte die ultraorthodoxe Gemeinde in diesem Jahr schon vor dem Be‐
ginn der Feiertage Warnbriefe an 80 Geschäfte, die sich nicht nur auf Mazze beschränken wollen.
„Wir appellieren an Dein jüdisches Herz“, steht in dem Schreiben des Komitees für die Heiligkeit des Schabbats. „Du willst nun die Tora und die Erinnerung an unsere Vorväter entweihen, die für ihren Glauben gefoltert wurden. Doch in der letzten Minute bitten wir Dich, begehe nichts, was Dich von dem jüdischen Volk trennt, tritt den Gott Deiner Väter nicht und verkauf kein gesäuertes Brot in der Öffentlichkeit.“ Zwar sagten Vertreter des Komitees im israelischen Radio, dass sie hofften, mit ihrem Brief überzeugen zu können, gingen aber davon aus, dass es auch dieses Mal wieder Demonstrationen in Jerusalem ge‐
ben werde.
Einen Protest der besonderen Art gegen Chametz hat ein angeblicher Jeschiwa‐Schüler aus Bnei Brak vor wenigen Tagen inszeniert: Vor der Brottheke des nicht‐koscheren Supermarktes Tiv Taam im Sü‐
den von Tel Aviv entledigte er sich all seiner Kleider, bedeckte lediglich sein privatestes Körperteil mit einer Socke. „Da dies kein öffentlicher Ort ist, ist das hier auch keine Erregung öffentlichen Ärgernisses“, verspottete er das Urteil der Richterin Bar‐Ascher. Die Polizei sah das anders und nahm ihn vorübergehend in Gewahrsam. Tiv Taam wollte sich zu dem Vorfall und dem Verkauf von Chametz an Pessach nicht äußern.
Auch Schai hat den Brief des Komitees für die Heiligkeit des Schabbats erhalten. Der Mitinhaber eines Restaurants in Jerusalem ist alles andere als erfreut über die Post und hält den Namen seines Lokals derzeit geheim, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Aufregung kennt er bereits aus dem vergangenen Jahr, als er in einem unkoscheren Restaurant speiste und den Zorn der De‐
monstranten zu spüren bekam. Dieses Jahr steht er selbst auf der Schwarzen Liste der Charedim.
„Diese Aggressivität ist wirklich überflüssig“, meint er, „wir bieten unsere Speisen ja nicht vor der Eingangstür an, und die Leute essen zu Hause auch, was sie wollen. Niemand, der nicht möchte, muss an Pessach bei uns einkehren. Aber in Jerusalem gibt es säkulare Einwohner, die ebenfalls Rechte haben. Außerdem sind diese Tage für uns die beste des Jahres. Gerade in den wirtschaftlich so schwierigen Zeiten können und wollen wir nicht darauf verzichten, unseren Besuchern das zu geben, was sie wünschen.“ Schai hofft, dass sich die Szenen des vergangenen Jahres nicht wiederholen werden, als sich Gäste und orthodoxe Protestanten verbale Schlachten in der Stadt lieferten. „Wir wollen niemanden brüskieren und auch nicht, dass uns jemand beschimpft oder bedroht, sondern die Feiertage einfach nur friedlich verbringen. Wir machen auch die Tür zu.“

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