Krieg in Gasa

Das Bild vom Feind

von Mona Eltahawy

Seit Israel den Gasastreifen bombardiert, erreicht mich eine Flut von E‐Mails. »Warum schreiben Sie als Araberin nicht über Gasa?«, »Schreiben Sie, dass die Israelis im Unrecht sind!« Man übt Druck auf mich aus, damit ich mich der offiziellen Linie anschließe: Hamas ist gut, Israel ist böse. Sag es, sag es! Sonst bist du keine richtige Araberin, keine richtige Muslima. Aber was soll man über einen Konflikt sagen, der seit mehr als 60 Jahren auf arabischer wie israelischer Seite das Gefühl nährt, Opfer zu sein? Ist nicht schon längst alles gesagt? Hat man nichts gelernt?
Ich wollte nicht schreiben. Doch dann zersprang etwas in mir, und ich musste schreiben. Nicht, um Partei zu ergreifen, sondern um den moralischen Bankrott zu beklagen, der aus dem im Nahen Osten grassierenden Erinnerungsverlust erwachsen ist: Am 28. Dezember sprengte sich in der irakischen Stadt Mosul inmitten einer antiisraelischen Demonstration ein Selbstmordattentäter auf dem Fahrrad in die Luft. Die von islamischen Geistlichen in der arabischen Welt als Waffe gegen Israel legitimierte und gesegnete Tötungstechnik gerät aus dem Ruder. Auf den Straßen Mosuls schließt sich dieser perverse und pathologische Kreis, der sich am besten durch ein abgewandeltes Zitat von Karl Marx fassen lässt: Israel ist das Opium des Volkes.
Wie sonst kann man die kollektive Amnesie, die sich derzeit im Nahen Osten offenbart, erklären? Es ist Israel, das unserem Opfersein Sinn verleiht. Das, was wir uns gegenseitig antun, zählt nicht. Es fällt schwer, in diesen Tagen Palästinenser zu kritisieren, da so viele sterben. Doch die Hamasführer in Gasa schließen sich einer langen Reihe von Regierungen an, die ihr Volk im Stich ließen. Für diejenigen unter uns, die sich danach sehnen, dass die Religion aus der Politik herausgehalten wird, hat sich eine Befürchtung bewahrheitet: Die Islamisten legen weniger Wert auf das Wohlergehen ihres Volkes als darauf, Israel zu trotzen. Daher sind die Zivilisten in Gasa nicht nur die Opfer von Israels Angriffen, sondern auch Opfer der Hamas. Wo blieb zum Beispiel der Aufschrei, als einen Tag vor Israels Bombenangriffen zwei palästinensische Schulmädchen in Gasa durch eine fehlgezündete, auf Israel gerichtete Hamas‐Rakete getötet wurden?
Auch mein Geburtsland Ägypten tut sich schwer damit. Präsident Hosni Mubarak verfolgt seit mehr als 27 Jahren eine desaströse Politik, die auf der einen Seite den Friedensvertrag von 1979 aufrechterhält, den sein Vorgänger Anwar al‐Sadat mit Israel unterzeichnete, und auf der anderen Seite in den staatseigenen ägyptischen Medien eine Raserei gegen Israel entfesselt, die den beinahe hysterischen Hass auf das Land unter gewöhnlichen Ägyptern immer aufs Neue anfacht.
Ja, die israelische Besetzung arabischen Landes ärgert die Ägypter. Doch in den Medien, in den kulturellen und intellektuellen Kreisen des Landes gibt es keine Handbreit Raum für eine Diskussion, in der Israel etwas anderes als der Todfeind sein könnte. Und es gibt auch keinen Versuch, diesen Raum zu schaffen. Alt, müde und ohne neue Ideen erntet Mubarak jetzt die Früchte einer Politik, die alle Seiten gegeneinander ausspielt in dem Versuch, sein Régime unentbehrlich zu machen.
Ich frage die Ägypter und andere, die in der Region leben und ihren Zorn gegen Israel hegen: Wo ist euer Zorn gegen die Menschenrechtsverletzungen, die Folter und Unterdrückung in euren eigenen Ländern? Wenn sich jede Woche in den arabischen Hauptstädten solch riesige Menschenmengen zusammengefunden hätten, wären die Diktatoren schon vor Jahren gestürzt worden.
Das Gedenken an die in den vergangenen Tagen getöteten Palästinenser wird entehrt durch den Ruf nach mehr Gewalt. Denn sie hat in 60 Jahren auch nicht annähernd zu einem Ergebnis geführt. Wir ehren die Toten, wenn wir den Schleier der Amnesie von der Region reißen und bis zu den Tabus durchdringen. Reden mit der Hamas? Israel sollte dies tun, wenn es der Gewalt ein Ende setzen will. Und Jordanier, Ägypter, Syrer und Libanesen müssen sich um ihre eigenen Probleme kümmern und auf das Opium Israel verzichten.
Die Palästinenser haben noch immer keinen eigenen Staat. Wie schrecklich wäre es, wenn ein arabisches Land nach dem anderen im Namen Palästinas scheiterte.

Die Autorin ist Kolumnistin für Al Masry Al Youm in Ägypten und Al Arab in Katar. Sie lebt in New York.

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