streitgespräch

»Dann gibt es keinen Dialog mehr«

Sollen Katholiken am Karfreitag für die Bekehrung der Juden beten? Darf das Volk Israel missioniert werden? Darüber ist seit etlichen Monaten heftiger Streit ausgebrochen, nicht nur zwischen Juden und Katholiken, sondern auch in der Kirche selbst. Drei führende Teilnehmer dieser Debatte haben darüber vergangene Woche im Frankfurter »Haus am Dom« diskutiert: Micha Brumlik, Pädagogikprofessor in Frankfurt/Main, Gregor Maria Hoff, Fundamentaltheologe an der Universität Salzburg, Robert Spaemann, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Philosophie in München. Wir dokumentieren redaktionell bearbeitete Auszüge aus dem Streitgespräch.

Brumlik: Wenn es einen jüdisch‐christlichen Dialog geben soll, dann ist natürlich darauf zu beharren, dass die Teilnehmer des Dialogs auf Augenhöhe miteinander sprechen. Auf Augenhöhe kann man aber nicht miteinander sprechen, wenn einem in der erneuerten Karfreitagsliturgie gleichsam bescheinigt wird, dass man einen Schleier vor den Augen hat. (…) Das Ziel, die Juden von dieser »Blindheit« zu »befreien« hat in der Geschichte der Kirche eine Blut‐ und Gewaltspur hinter sich gezogen. (…) Unangenehm berührt hat mich, dass Sie, Herr Spaemann, offensichtlich zustimmend in Ihrem ersten FAZ‐Artikel Edith Stein zitieren, die, aus welchen Gründen auch immer, der Meinung gewesen ist, im Juni 1939 in ihrem Testament meinen zu sollen, dass ihr absehbarer Gang in den von den Nationalsozialisten verursachten Tod eine Sühne für den Unglauben Israels sei. Das ist eine Aussage von Edith Stein, die mich absolut fassungslos macht. Ich kann das nicht auf Edith Stein begrenzen. Dahinter steckt die Idee, dass in irgendeiner Weise der Tod von sechs Millionen europäischen Juden ein Sühnegeschehen für den Unglauben gewesen sei.

Hoff: Dürfen Christen Juden bekehren? Ich denke, dass die Sprengkraft in der Leitfrage dieses Abends in verschiedenen Aspekten dieser Formulierung liegt. Bekehrung, das bedeutet doch im Zuschnitt der unterschiedlichen biblischen Traditionen vor allen Dingen eines: die Abwendung von den Göttern und die Hinwendung zum einen Gott. Und unter dieser Rücksicht kann dann die christliche Antwort auf diese Frage nur lauten: Nein. Israel muss zum einen Gott nicht bekehrt werden.

Spaemann: Was ist ein Dialog über Fragen, die etwas mit Wahrheit zu tun haben? Ich muss gestehen, ich kann es nicht nachvollziehen, dass die Meinung, dass jemand in einer wichtigen, für das Leben bestimmenden Frage irrt, ein weiteres Gespräch auf Augenhöhe, wie Herr Brumlik sagt, unmöglich macht. Die Erfahrung spricht dagegen. Meine besten Freunde haben tief greifend andere Ansichten als ich, und wir sind gegenseitig überzeugt, dass der andere sich in diesem Punkt im Irrtum befindet. Aber das ändert gar nichts daran, dass wir ein aufrichtiges Gespräch darüber führen. Und es ist ja doch auch so, dass die Juden ihrerseits auch die Meinung ausdrücken, dass die Christen sich im Irrtum befinden, das heißt, dass Jesus nicht der Messias ist. (…) Wie soll ich denn als Christ, wenn ich glaube, dass Jesus nicht nur der Messias, sondern dass er der Mensch gewordene Sohn Gottes ist, wie soll ich denn dann sagen: Das ist nicht für die Juden. Der Sohn Gottes ist nur für den Rest der Menschen gekommen. Das, würde ich meinen, ist mit der Liebe unvereinbar. (…) Um noch etwas Provozierendes zu sagen: Mir würde es mehr einleuchten, wenn in jeder Kirche – das ist natürlich nicht praktikabel – aber, wenn in jeder Kirche vorne zwei Bänke frei bleiben würden bei jedem Gottesdienst für die Juden. Das kann ja ruhig ein paar Jahrtausende dauern, bis es Gott gefällt.

Hoff: Wenn wir von Dialog auf Augenhöhe gesprochen haben, ist die theologische Frage: Muss ich als Christ, der mit Herrn Brumlik darüber diskutiert, wie man möglicherweise Messianität interpretieren kann oder was Trinitätstheologie bedeutet oder wie auch immer, muss ich das unter der Voraussetzung machen, dass der arme Kerl neben mir sowieso ein Verlorener ist? Es geht auch um den Stil dabei. (…)

Spaemann: Ich möchte einmal fragen: Was bedeutet eigentlich Bund? Es bedeutet ja offenbar nicht, dass nur der, der diesem sichtbaren Bund angehört, der also eine jüdische Mutter hat, der beschnitten ist, das Heil zu erwarten hat. (…) Es kann auch nicht heißen, dass das Bundesvolk besonders privilegiert ist und es ihm besonders gut geht. Denn das ist es den Juden ja anscheinend nicht gegangen. Das kann nicht der Punkt sein. Ja, was ist denn der Punkt?

Brumlik: Ich will Ihnen das gerne beantworten. Im rabbinischen Judentum glauben wir, dass es einen allerersten Bund gibt, und das ist der Bund Gottes mit Noah nach der Sintflut. Das heißt, allen Menschen ist angeboten, wenn sie bestimmte Weisungen befolgen – keinen Götzendienst, keine Unzucht, kein Mord, kein unsittliches Nahrungsverhalten –, und vor allem, wenn sie der Weisung folgen, unter Rechtsverhältnissen zu leben, dass sie dann auf ihre Weise dem Willen Gottes für die Menschheit genügen. Das ist der erste Bund, der alle Menschen betrifft und der von Gott durch das Zeichen des Regenbogens besiegelt worden ist. Darüber hinaus gibt es dann die speziellen Gesetze – die leges speciales für die Juden –, die mit der Gabe der Tora am Sinai verbunden worden sind. Die jüdische Religionsphilosophie von Maimonides bis Mendelssohn bis zu gegenwärtigen Vertretern war immer der Meinung, dass das eine bestimmte Gabe, ja sogar ein bestimmtes Joch ist, dass das aber nicht in Widerspruch steht zu diesem allgemeinen Bundesschluss. (…) Aber schon das rabbinische Judentum war niemals der Meinung, dass nur die Juden eine privilegierte Weisung bekommen haben und die anderen alle verdammt oder blind sind.

Spaemann: Aber wenn es einen solchen Bund mit allen Menschen gibt, was zeichnet dann das Bundesvolk aus?

Brumlik: Das Bundesvolk zeichnet aus, dass es in exemplarischer Weise – das ist der mosaische Bund – von der Knechtschaft in die Befreiung geführt worden ist. Das ist der Sinn dieses Bundes. (…) Die entscheidende Frage ist jetzt: Ist der Umstand, ob man glaubt, dass Jesus wirklich der Messias ist, die entscheidende Differenz? Oder sind es nicht die ethischen Weisungen der hebräischen Bibel und übrigens auch die Heils‐ und Trostverheißungen der hebräischen Bibel? (…) Das heißt, auf der Ebene des Alten Testaments würde man sowohl ethisch als auch, was das Heil angeht, gerade auch in dieser Welt sehr viele Gemeinsamkeiten finden. Und deswegen, so verstehe ich auch Herrn Hoff, ist es so schade, dass an dieser Stelle noch einmal eine Differenz markiert wird, die nicht zu markieren man sich dreißig, vierzig Jahre lang leisten konnte. Also, so ganz dumm war Paul VI. ja auch nicht, und Johannes Paul II. Weswegen sich dann der unbeteiligte Zuschauer fragt, warum dieser Geschichte und dieses Papiers wegen es eigentlich zu so einem bitteren Streit zwischen Teilen der Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken kommt. Das fällt mir, von außen darauf blickend, zu verstehen außerordentlich schwer.

Spaemann: Das klingt jetzt provozierend angesichts dieser Debattenlage: Aber meiner Ansicht nach ist die Neufassung der Karfreitagsfürbitte erstens eine bedeutende Verbesserung gegenüber der alten traditionellen, die in der Tat Anlass zu Anstoß geben kann. Aber sie ist auch ein großer Fortschritt gegenüber der allgemeinen, der reformierten Liturgie. Wenn ich es zu sagen hätte, würde ich sagen, diese Fürbitte für die Juden wird zum einzigen Bindeglied zwischen der alten und der neuen Liturgie. Ich weiß genau, dass keine Chance besteht, dass das realisiert wird, aber man wird ja noch mal träumen dürfen. Und dann meine ich, sollten wir nicht sagen, hier ist ein Tischtuch zerschnitten mit dieser Karfreitagsfürbitte. Ich glaube, bei ruhigem Blut betrachtet, ist da überhaupt kein Tischtuch zerschnitten. Und wir sollten uns vielleicht aber doch zur Regel machen, uns gegenseitig in unsere Liturgien nicht reinzureden.

Brumlik: Ich finde, Herr Spaemann, Sie zahlen einen hohen Preis, wenn das für Sie das Unterpfand dessen ist, dass Sie nicht nur Heidenkirche sind. Dann zahlen Sie dafür den Preis des jüdischen Dialogpartners. Dafür setze ich mich auch in den entsprechenden Institutionen ein. Deswegen habe ich auch meine Teilnahme am Katholikentag in Osnabrück abgesagt. Dann gibt es diesen Dialog einfach nicht mehr.

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