Zeit

Carpe diem

Viele verschiedene Weltanschauungen und Philosophien haben unterschiedliche Vorstellungen von der Zeit und der Entwicklung der Weltgeschichte. So könnte man zum Beispiel nach der darwinistischen Theorie die Entwicklung in Form einer steigenden Gerade darstellen, das heißt, dass die Menschheit ganz unten angefangen hat und sich immer weiter entwickelt. Die marxistische Darstellung der Zeit wäre in Form einer Parabel, die oben anfängt, als ein Zeichen dafür, dass alle Menschen am Anfang gleich waren. Dann verläuft die Kurve nach unten, wo sie am untersten Punkt den Höhepunkt des Kapitalismus erreicht, wonach die Kurve wieder nach oben abbiegt, wo sie später mit ihren Hö‐
hepunkt das Zeitalter des Weltkomunis‐
mus erreicht.
In manchen Religionen wird die Entwicklung in Form einer einfachen Gerade dargestellt, die mit der Erschaffung der Menschheit beginnt und sich in Richtung der Ankunft des Messias bewegt. Bei anderen Glaubensrichtungen bewegt sich die Gerade nach unten, was den Verfall der Menschheit darstellt und mit dem Armageddon endet. So kann man fast in jeder Weltanschauung ein Diagramm finden, das die Entwicklung der Zeit darstellt. Doch wie ist die jüdische Sicht?

kreation Um die Sicht der Weisen besser verstehen zu können, müssen wir uns von manchen traditionellen Vorstellungen trennen, die uns von der Außenwelt vermittelt wurden. So tendiert man allgemein dazu, einen klaren Strich zwischen dem Körperlichen und dem Geistigen zu ziehen. Doch unsere Weisen sagen auch, dass alles, was uns gegeben wurde, neutral ist. Und dass es unsere Aufgabe ist, es auf die geistige Ebene zu bringen. So zum Beispiel können die körperlichsten Dinge, wie Nahrungsmittel oder Alkohol, auf eine hohe geistige Stufe gebracht werden, wenn man sie heiligt, in dem man sie für Gebote, wie zum Beispiel die Schabbatmahlzeit oder Ähnliches, nutzt. Genauso kann man die geistigen Dinge, wie die Tora, in Materielles verwandeln, wenn man sie falsch be‐
nutzt. Wenn dies zum Beispiel geschieht, um berühmt oder reich zu werden. Das ist es, was die Tora meint, wenn sie sagt, dass wir im Ebenbild G‐ttes erschaffen sind. Nämlich dass wir zusammen mit G‐tt die Welt kreieren: Er gibt uns die Materie, und wir haben die Macht, sie zu heiligen oder zu entweihen. Also ist alles in seiner Essenz neutral, und unsere Aufgabe ist, es zu heiligen.

Definition Vielleicht sollten wir versuchen, die Begriffe »körperlich« und »geis‐
tig« zu definieren. Die leichteste Definition des »Körperlichen«, die einem einfällt, könnte irgendetwas sein, was einen An‐
fang und ein Ende hat. Denn das Körperliche kann immer gemessen werden, es geht um Gewicht, Masse oder Fläche. Zudem ist das Körperliche vergänglich, denn keine körperliche Sache bleibt uns für ewig erhalten. Auch in diesem Sinne hat es ei‐
nen Anfang und ein Ende. Hingegen kann das Geistige nicht gemessen werden. Wir besitzen keine Geräte, die unsere Gedanken, Gefühle oder Gebote, die wir erfüllen, messen könnten. Deswegen sagen die Weisen in den Sprüchen der Väter, dass wir die Gebote nicht kategorisieren sollen in große und kleine. Denn wir sind nicht in der La‐
ge zu verstehen, was ein erfülltes Gebot bewirken kann, denn uns fehlen die Messgeräte dazu. Wir können lediglich verstehen, wie viel Anstrengung die Erfüllung eines Gebotes in der körperlichen Welt be‐
darf, doch die Werte müssen nicht unbedingt proportional sein. Also muss alles Geistige per Definition unendlich sein, denn es ist an keine materiellen Grenzen gebunden.
Zeit Doch was wäre unserer Definition nach das körperlichste aller Dinge? Natürlich die Zeit! Denn die Zeit ist die vergänglichste Sache der Welt, die Zeit stirbt jeden Moment. Man kann die Zeit nicht anhalten, und jede Sekunde wird sofort durch die nächste ersetzt. Also besteht unsere größte Herausforderung darin, die Zeit zu heiligen, ihr eine Bedeutung zu geben und sie damit zu verewigen. Doch wie machen wir das? Nur, indem wir jede Minute unseres Lebens für heilige Zwecke nutzen. Das ist genau der Grund, warum der Tagesablauf eines religiösen Juden vom Schulchan Aruch so detailliert festgelegt wird. Man wacht auf und sagt »Mode Ani«, dann wäscht man sich die Hände, danach geht man in die Synagoge, wo man sich mit dem Gebetsschal umhüllt und die Gebetsriemen legt. Danach betet man, doch nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt darf man das Morgengebet sprechen. Nach dem Gebet isst man, und so weiter. Alles wird genau durch das jüdische Gesetz festgelegt, ohne eine zu große Lücke oder Spielraum für eigene Tätigkeiten zu lassen. Und der Grund dafür ist, dass jede Minute unserer Zeit genutzt werden soll, denn wenn man diese Minute verliert, kann man sie nie wieder zurückgewinnen. Es gibt den Ausdruck »die Zeit töten«. Das bedeutet so viel wie sich mit irgendeinem Unsinn zu be‐
schäftigen, damit die Zeit schneller vergeht, damit einem nicht langweilig wird. Und verwunderlicherweise trifft dieser Ausdruck zu, denn man tötet wirklich die Zeit. Die kostbaren Minuten, Stunden, Ta‐
ge, Monate, sogar Jahre – wenn man alles zusammenzählt – werden einfach nur für Unsinn genutzt und getötet. Wobei unsere Aufgabe genau das Gegenteil davon ist, nämlich der Zeit Sinn zu geben und sie damit zu beleben. Das ist auch der Grund, warum in der heiligen Sprache das Gebot »Mizwa« heißt, das eigentlich von dem Wort stammt, das als »sich mit etwas zu verbinden« übersetzt wird. Denn indem man ein Gebot erfüllt, bindet man sich an die Zeit und lässt sie nicht einfach so an sich vorbeiziehen.

Kreis Zurück zum Diagramm der Zeit. Die Weisen sagen, dass die Zeit in Kreisen verläuft, denn man kehrt immer zum selben Punkt zurück. Es gibt kleinere und größere Kreise. Zum Beispiel die sich jährlich wie‐
derholenden Feiertage bilden einen großen Kreis. Jeweils an Rosch HaSchana schließt sich der Kreis, und man gelangt wieder an den Ausgangspunkt zurück. Es gibt auch wöchentliche Kreise: Mit jedem Schabbatausgang schließt sich der Kreis, es beginnt eine neue Woche. Zudem gibt es auch tägliche Kreise, denn Tag für Tag muss man die‐ selben Gebote erfüllen, wie das Beten, Ge‐
betsriemen anlegen und so weiter.
Wichtig ist noch zu bemerken, dass der Mensch nicht mehr derselbe ist, wenn sich ein Kreis schließt. Nach jedem Jahr, Monat, jeder Woche oder jedem Tag ist er in seinem spirituellen Niveau entweder gewachsen oder gefallen, er bleibt nie gleich. Daher verläuft die Zeit der jüdischen Vorstellung nach in der Form einer Spirale, in der man entweder steigt oder fällt. Diese Idee wird auch im Buch der jüdischen Weltanschauung von Rabbi Chaim Wolozhin, »Nefesch haChaim«, zum Ausdruck gebracht, indem er schreibt, dass das heutige Morgengebet nicht dem gestrigen gleicht. Denn man sagt zwar dieselben Wörter, doch da man nicht mehr derselbe Mensch ist, der man gestern gewesen ist – man ist reicher an Erfahrung und es beschäftigen einen ganz andere Probleme, und nicht die von gestern –, be‐
kommt das Gebet einen ganz anderen Sinn. Und so hat jeder Mensch eine eigene Zeitspirale, und seine Aufgabe ist es, in dieser Spirale höher und höher zu steigen. Man soll jeden Augenblick seines Lebens würdig verbringen und ihn damit heiligen.

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