Bundeskriminalamt

BKA auf Spurensuche

von Stefanie Hanus

Die Liste der Forschungsprojekte zur Rolle von Firmen, Behörden und Organisationen im Nationalsozialismus ist mittlerweile lang – nun hat sich auch das Bundeskriminalamt (BKA) der eigenen Vergangen‐ heit angenommen. Am vergangenen Mittwoch fand in Wiesbaden das erste von insgesamt drei Kolloquien statt, auf denen BKA‐Mitarbeiter sich der Diskussion mit Vertretern aus Wissenschaft, Politik, Medien und Verfolgtenverbänden stellen. Im Blickpunkt stehen vor allem Praxis und Berufsverständnis der Polizei im Nationalsozialismus sowie in den Gründungsjahren der Bundesrepublik. Dazu soll geklärt werden, ob innerhalb des 1951 gegründeten BKA organisatorische Ansätze und kriminologische Konzepte der NS‐Zeit übernommen worden sind, die sich bis zum heutigen Tage auswirken.
Bislang wies das BKA eine nationalsozialistische Vergangenheit offiziell von sich, für eingehende Studien sah das Bundesinnenministerium keinen Bedarf. Dabei hatte bereits 2001 der ehemalige Kriminaldirektor beim BKA, Dieter Schenk, in seinem Buch Auf dem rechten Auge blind – Die braunen Wurzeln des BKA offengelegt, in welchem Ausmaß ehemalige Angehörige der NS‐Ordnungs‐ und Sicherheitspolizei und Einsatzgruppenleiter der SS in die Führungsstruktur des BKA integriert wurden (vgl. Interview auf S. 1): Von 47 Führungsbeamten waren 33 ehemalige SS‐Führer, darunter 2 Sturmbann‐ und 20 Hauptsturmführer. Der Schriftsteller Ralph Giordano, der bei der Eröffnungsveranstaltung anwesend war, hat in diesem Zusammenhang den Begriff von der „zweiten Schuld“ geprägt, dem „großen Frieden mit den Tätern“.
BKA‐Präsident Jörg Ziercke sagte der Jüdischen Allgemeinen, die Veranstaltungsreihe diene sowohl dem Blick in die Vergangenheit, als auch in Gegenwart und Zukunft: „Wir müssen sicherstellen, dass die Polizei nie wieder als Instrument diktatorischer Herrschaft missbraucht wird. Die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord, an dem die damalige Schutz‐ und Kriminalpolizei verantwortlich mitwirkte, kennt keinen Schlussstrich.“
In einem Eröffnungsbeitrag zum ersten Kolloquium widmete sich Hans‐Gerd Jaschke, Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege Berlin, dem Aspekt des sozialen Gedächtnisses von Institutionen. „Indem man Polizeipersonal aus der Zeit vor 1945 übernommen hat, blieben bestimmte Denkfiguren erhalten. Dazu gehörten Konzepte wie das des Berufs‐ oder Gewohnheitsverbrechers, in denen man das Verbrechertum in der Gesellschaft verkörpert sah.“ Die Aufarbeitung des BKA finde zwar verspätet, aber nicht zu spät statt, so Jaschke: „Durch die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte werden klare Zeichen gegen Rechtsextremismus und für demokratische Werte gesetzt.“ Nach der für Oktober geplanten Abschlussveranstaltung soll entschieden werden, ob ein weiterführendes Forschungsprojekt über die NS‐Vergangenheit der Behörde in Auftrag gegeben wird.
Erst seit Mitte der 90er‐Jahre setzen sich die deutschen Polizeibehörden aktiv mit der eigenen Geschichte auseinander. „Lange Zeit wurde die Aufarbeitung der Vergangenheit bei der Polizei bewusst vernachlässigt. Veröffentlichungen wie Christopher Brownings Ganz normale Männer oder Daniel J. Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker haben die Grundlage für einen Wandel gelegt“, so Carsten Dams von der Dokumentations‐ und Forschungsstelle für Polizei‐ und Verwaltungsgeschichte an der nordrhein‐westfälischen Fachhochschule für öffentliche Verwaltung. „Interesse an dem Thema gibt es polizeiintern und in der Öffentlichkeit“, unterstreicht Dams. „Wenn jetzt das BKA als zentrale Polizeibehörde eine öffentliche Aufarbeitung vollzieht, wird dies natürlich ganz besonders wahrgenommen, auch im Ausland.“ Nach wie vor gebe es jedoch Nachholbedarf in der Forschung zur Polizeigeschichte, gerade im Hinblick darauf, wie das bürokratische System in Deutschland die NS‐Diktatur mitgetragen hat.

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