Charlotte Salomon

Bilder eines kurzen Lebens

von Bettina Piper

»Im Himmel ist es viel schöner, als es auf dieser Erde ist«, hat Charlotte Salomon unter eine ihrer Arbeiten geschrieben. Das Bild, das in seiner farbigen Ausdruckskraft und künstlerischen Reife an Marc Chagall erinnert, ist Teil des autobiografischen Bilderzyklus’ Leben? Oder Theater?, der in einer Auswahl von 277 Blättern bis zum 25. November im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist. Entstanden sind die Werke zwischen 1940 und 1942 im französischen Exil, bevor die junge Künstlerin ein Jahr später der Schoa zum Opfer fiel.
Charlotte Salomon (1917–1943) wächst in einem großbürgerlichen assimilierten Elternhaus in Berlin auf. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten muss sie ihr Kunststudium abbrechen, der Vater darf nicht mehr als Arzt praktizieren. 1939 flieht sie zu ihren Großeltern nach Südfrankreich. Beim Einmarsch der Deutschen nimmt die Großmutter sich das Leben, Charlotte Salomon kommt in ein Internierungslager. Als sie mental und körperlich geschwächt entlassen wird, erfährt sie von den Selbstmorden in ihrer Familie, auch vom Freitod der eigenen Mutter, und stürzt in eine schwere psychische Krise. »Lieber Gott, lass mich bloß nicht wahnsinnig werden«, notiert sie. Ein befreundeter Arzt rät ihr, um auf andere Gedanken zu kommen, künstlerisch zu arbeiten.
Sie greift den Vorschlag auf, schließt sich in einem kleinen Hotelzimmer ein und fängt an, wie besessen zu malen, zwei bis drei Blätter pro Tag. In 18 Monaten entsteht so eine gewaltige Bilderfolge von 1.325 Gouachen. Charlotte Salomon erzählt in ihnen die Geschichte ihres Lebens malend, schreibend und singend wie in einem Bühnenstück, mit Vorspiel, Hauptteil und Nachwort. Leben? Oder Theater? ist ein einzigartiges autobiografisches Gesamtkunstwerk, eine comicartige Collage aus Bildern, Texten und Notationen zu Begleitmelodien, die mit ihren schnellen Bildfolgen und angeschnittenen Perspektiven deutlich vom Film inspiriert ist. Mal wird die Handlung humor‐ und liebevoll bis ins kleinste Detail dargestellt, mal nur skizzenhaft angedeutet, mal sind ganze Monologe oder Dialoge zu lesen, es gibt reine, oft ironisch erzählende Textblätter ebenso wie malerische Einzelarbeiten von großer farbiger Intensität: Ein einzigartiges Werk, wie es so in seiner Entstehungszeit völlig neuartig war.
Charlotte Salomons Zyklus war unter anderem bereits in Frankfurt am Main und Paris zu sehen. In Berlin werden die Gouachen in einem neuen, eigenen Ausstellungskonzept präsentiert, das bewusst die Farbgebung der Bilder aufgreift, die in blauen, roten und gelben Räumen präsentiert werden. Die Gouachen sind linear in teils dichten Bildabfolgen zu Gruppen zusammengefasst, die dem Betrachter das Gefühl vermitteln, die erzählte Geschichte ziehe wie in einem Film vorüber. Ein Vorhang, der die Ausstellungsräume voneinander trennt, erinnert an Theateraufführungen, in einer Hörstation kann man die Stimme von Charlottes Stiefmutter, der berühmten Sängerin Paula Salomon‐Lindberg, erleben. Hinzu kommen eine historische Dokumentation mit Archivalien und Fotos zu den Hauptpersonen der Handlung sowie eine Installation der belgischen Filmemacherin Chantal Akerman, die sich auf ihre Weise mit der Verfolgung ihrer eigenen Familie auseinandersetzt und der Bilderfolge von Charlotte Salomon eine zeitgenössische Position gegenüberstellt.
Charlotte Salomon hat ihr Werk im Epilog als Überlebenstherapie charakterisiert, mit der sie sich vor drohendem Selbstmord schützen wollte. Der Tod holte sie dennoch ein. Am 7. Oktober 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort, vermutlich am Tag ihrer Ankunft, mit 26 Jahren und im fünften Monat schwanger, ermordet. Geblieben sind ihre Bilder, die jetzt zu ihrem 90. Geburtstag in ihre Heimatstadt Berlin zurückgekehrt sind.

www.jmberlin.de/charlottesalomon
Der Ausstellungskatalog »Charlotte Salomon – Leben? Oder Theater?« ist zum Preis von 24,90 € im Prestel Verlag erschienen,

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