Kunstwerke

Bilder eines Beutezugs

von Carsten Hueck

Vieles kann man den Nazis nachsagen, doch eines sicherlich nicht: dass sie Kunst nicht geschätzt hätten. Zwar verstanden die selbst ernannten Herrenmenschen nicht viel von Ästhetik. Doch das hinderte sie nicht daran, zielstrebig Kunstwerke gewaltsam zu »erwerben«. Was nicht gefiel, wurde verbrannt oder verkauft, der Rest gehortet. Wenige Monate nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich 1938 sicherte sich Adolf Hitler persönlich per »Führervorbehalt« die Verfügungsgewalt über beschlagnahmte jüdische Kunstsammlungen. Der ehemalige Postkartenmaler plante ein »Führermuseum« in seiner Heimatstadt Linz. Um dieses angemessen zu bestücken, durchforstete bald nach Kriegsbeginn der »Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg« Bibliotheken, Archive, Institute und Museen in ganz Europa. Acht Millionen Bücher wurden »durchgearbeitet«, allein in Frankreich mehr als 20.000 Kunstwerke beschlagnahmt, in der Sowjetunion waren es über 500.000 prähistorische, volkskundliche und kunsthistorische Objekte. Zwischen 1940 und 1944 brachte allein Rosenbergs »Sonderstab Bildende Kunst« 4.174 Kisten mit Raubkunst nach Deutschland. 21.903 Gegenstände wurden penibel inventarisiert: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Möbelstücke, Ostasiatika, Plastiken, Texti‐lien und Werke der Antike.
Auch die barockeste Erscheinung der Nazi‐Führungsschicht, Reichsmarschall Hermann Göring, Musen und Mord glei‐chermaßen zugetan, hatte vor, seinen Landsitz in Karinhall zum Museum auszubauen. Schließlich wollte er nicht nur Wild in der Schorfheide jagen. Und so ging Göring in ganz Europa auf die Pirsch. Bis Kriegsende hatte er 1.375 Gemälde, 250 Skulpturen, 108 Tapisserien, 200 antike Möbel, 60 Perser‐ und französische Teppiche sowie noch einiges mehr erlegt. Erst im Januar 1945 trennte sich der schwergewichtige Morphinist von den guten Stü‐cken. In Kisten verpackt, ließ er sie mit Sonderzügen nach Berchtesgaden transportieren, damit sie beim Endkampf um Berlin nicht zu Schaden kämen.
Transportkisten sind das dominierende Element der Ausstellung »Raub und Restitution«, die jetzt im Jüdischen Museum Berlin zu sehen ist. Die Kisten verbinden auf sinnfällige Weise Objekte und zahlreiche Originaldokumente zur Geschichte von jüdischem Kulturgut seit 1933. Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende sind viele Fälle geraubten jüdischen Eigentums noch ungeklärt, die Frage der Restitution immer wieder Anlass für kontroverse Diskussionen. So werden im Eingangsbereich der Ausstellung per Video Statements auf leere Wände projiziert. Kunsthändler, Politiker, Juristen und Historiker äußern unterschiedliche Überlegungen zum Thema. Diese Empfangsinstallation versinnbildlicht, dass den Besucher weder eine historisch abgeschlossene Schau, noch eine reine Kunstausstellung erwartet. Ziel der Kuratoren Inka Bertz und Michael Dorrmann ist es, Hintergründe zu erklären. Und tatsächlich machen sie die Strukturen des organisierten Kunstraubs deutlich, benennen Organisatoren und Mitmacher, porträtieren Betroffene, verfolgen die Odyssee geraubter Kunstwerke und stellen die juristisch‐moralische Gemengelage dar, die Restitution erforderlich macht, häufig aber keine Rechtsgrundlage dafür bietet.
Anhand von 15 Original‐Kunstwerken wird exemplarisch die Geschichte des europaweiten nationalsozialistischen Raubzugs erzählt. Nicht allein um Gemälde geht es in der Ausstellung, sondern ebenso um Porzellanfiguren, Bibliotheken, eine Miniaturmöbelsammlung, Privatfotografien und antike Musikinstrumente. Klar wird, dass den jüdischen Besitzern, Kunsthändlern, Mäzenen und Privatsammlern, nicht nur Eigentum sondern immer auch ein Stück ihrer kulturellen Identität genommen wurde. Erschreckend, wie viele ihrer »arischen« Kollegen sich aktiv am NS‐Kunstraub beteiligten und davon profitierten – als Mittelsmänner, private Sammler, Auktionatoren, Kunsthändler und -historiker, Museumsleiter. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiterhin in verantwortlichen Positionen tätig, verschleierten diese Mittäter die Herkunft geraubter Kunst in ihren Beständen. Manche gerierten sich auch als rechtmäßige Eigentümer. Wie im Fall der geraubten Kunstschätze des österreichischen Bankdirektors Louis von Rothschild. Nach der »Arisierung« seiner Firma und der Beschlagnahme seiner 919 Werke umfassenden Kunstsammlung stritten sich Museen in ganz Österreich um die Aufteilung der Beute. Unter den Gemälden, die das Kunsthistorische Museum der Stadt Wien für sich reklamierte, befanden sich auch zwei des niederländischen Meisters Frans Hals. Nach dem Krieg stellte Louis von Rothschild einen Antrag auf Restitution seiner Sammlung. Der österreichische Staat verweigerte auf Drängen des Museums hin die Ausfuhr. Um wenigstens einen Teil seiner Sammlung zu erhalten, musste Rothschild daraufhin einen anderen Teil dem österreichischen Staat »schenken«, darunter auch die beiden Hals‐Gemälde. Ein damals übliches Verfahren. Erst 1999 empfahl ein neu eingesetzter Kunst‐Beirat die Rückgabe all der seinerzeit abgepressten »Schenkungen« an Rothschilds Erben.
Hinter der Geschichte all der Kunstobjekte steht die von Menschen. Das wussten auch die Raubritter. Auf einem von Lovis Corinth angefertigten Porträt des jüdischen Unternehmers, Sammlers und Phi‐lanthropen Walther Silberstein wurde für den reibungslosen Handel einfach die persönliche Widmung des Malers an den Dargestellten entfernt. Die Ausstellung in Berlin nennt Namen. Die der Bestohlenen und die der Räuber.

»Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute.« Bis 25. Januar 2009 im Jüdischen Museum Berlin
www.jmberlin.de/raub-und-restitution
Der Katalog ist im Wallstein Verlag Göttingen zum Preis von 24,90 € erschienen. Vom 22. April bis 2. August 2009 wird die Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt/ Main zu sehen sein.

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