Archäologie

Bezweifle alles!

von Israel Finkelstein

Ich erinnere mich an einen Fahrradausflug mit meinen Freunden an einem Sonnabendmorgen. Wir müssen 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein und fuhren bis Tel Afeq. Eine kleine aber für die biblische Archäologie sehr wichtige Stätte, nur wenige Kilometer von Petah Tikvah entfernt. Tel Afeq war sehr nah an der Grenze und als mein Vater von unserer kleinen Expedition erfuhr, bereute ich wegen meiner Bestrafung für einen kleinen Moment mein Interesse an Geschichte. Ich erinnere mich ebenso an einen Schulausflug nach Jerusalem. Ich war zehn oder elf Jahre. Die Stadt war in einen israelischen und jordanischen Teil durch eine Steinmauer mit Stacheldraht getrennt. Die Altstadt, die Klagemauer, die Davidstadt, der Tempelberg, kurz gesagt, das Herz des biblischen Jerusalems lag an der jordanischen Grenze, an der Grenze des »Feindes«. Unsere Lehrer brachten uns dazu, auf das Dach eines Gebäudes in der westlichen Stadt zu steigen, dem israelischen Teil, so dass wir in einem kleinen Sichtfeld zwischen zwei Gebäuden einige Steine der Klagemauer entdecken konnten.
Das größte Hindernis in der Entwicklung der Archäologie hin zu einer modernen Wissenschaft war ein Methodenproblem. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Archäologie durch Forscher aus einem religiösen Umfeld, speziell Theologieprofessoren, die an erzkonservativen amerikanischen Universitäten unterrichteten, geprägt. Mit ihnen konnte die archäologische Recherche nicht unabhängig werden. Archäologie wurde als eine Disziplin betrachtet, die sich eine Stütze im Text sucht. Eine Art Dekor, ein Mittel, um durch die greifbaren Elemente die biblischen Geschichten zu veranschaulichen. Sie wurde nicht im Geringsten als eine eigenständige Forschung wahrgenommen. Bis Ende der 60er-Jahre war es unmöglich, im zentralen Bergland Ausgrabungen durchzuführen oder Gelände zu besichtigen, denn vor dem Sechstagekrieg 1967 gehörte es zu Jordanien. Zu dieser objektiven Betrachtung kam eine ganz subjektive: Man hatte noch nicht genug Wissen und auch Arbeitsmittel, um den Wert dessen wahrzunehmen. Der Sechstagekrieg brachte eine radikale Veränderung in diesen Tatbestand. Waren die Berge in Zentralisrael zuvor eher isoliert und ländlich, entstand jetzt ein neues Forschungsfeld. Plötzlich öffnete sich ein Fenster voller Möglichkeiten. Das blieb so bis zur ersten palästinensischen Intifada 1987. Diese 20 Jahre erlaubten eine ruhige Recherche in diesem Mini-Winkel. Hinzu kommt, dass der Status der »besetzen Gebiete« ausländische Forscher fernhält. Um die eigentliche Revolution in der biblischen Archäologie zu verstehen, muss man zwei Muster gegenüberstellen: Die, die bis zum Anfang der 70er-Jahre und die, die in den 80er-Jahren vorherrschten. Anfang der 60er-Jahre gab es keinen Spezialisten, der die großen Siege Davids oder das mächtige Königreich Salomon hinterfragte. 20 Jahre später war eindeutig, dass das Buch Genesis keine jahrhundertealten Tatsachen abbildete, sondern die aus der Blütezeit des Königreichs Judäas (Ende 7. Jahrhundert). Es war ebenso deutlich, dass der Ursprung Israels im Kreise der einheimischen kanaäischen Bevölkerung zu suchen war. Damit wurde deutlich, dass die ersten Israelis eigentlich Kanaäer waren. Es brauchte weitere zehn Jahre, um das Muster des großen Königreichs vereint von David und Salomon infrage zu stellen. Einige Aspekte dieser Revolution sind in der Weiterentwicklung der Bibelforschung, insbesondere in der kritischen zu suchen. Dennoch kann man ohne Umschweife sagen, dass ohne die ausgezeichneten Gegebenheiten in den 60er- und 70er-Jahren in den zentralen Bergen die biblischen Archäologie nie ein solches Ausmaß noch einen solchen Aufschwung erlebt hätte, wie sie es tat. Ich denke da besonders an die Schürfproben der Oberfläche, an Grabungen in ländlichen Gebieten und an die Beschleunigung in der Innenschau Jerusalems.
Diese Entwicklung lehrte zwei Dinge. Zum einen liegt der Schlüssel zum Geschichtsverständnis des alten Israel nicht in einer einfachen Lektüre der Bibel, die einige Jahre nach den eigentlichen Ereignissen geschrieben wurde. Sondern in der archäologischen Arbeit und der systematischen Aufstellung materieller Beweise, die greifbare Spuren der Ereignisse hervorbringen. Zum anderen liegt der Schlüssel zur historischen Analyse des alten Israels im Wissen um den sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Zusammenhang, in dem die Autoren der geschichtlichen Teile der Bibel gelebt haben. Das heißt, bis zum Ende der monarchischen und der persischen Epoche – nach der Zerstörung Jerusalems und der Rückkehr ins Exil.
Die Entwicklung, die sich Ende der 60er- Jahre in der israelischen Bevölkerung vollzog, rief nicht nur einen Wirtschaftsaufschwung hervor. Sie spiegelt auch eine Art mentale Isolation wider. Man öffnete sich der Welt, neue Ideen kamen auch auf den akademischen und intellektuelle Plan. Viele israelische Wissenschaftler reisten ins Ausland und saugten die Neuheiten förmlich auf. Die 70er-Jahre waren geprägt durch Einflüsse der französischen Schule, von der einige Ansätze eine große Rolle in der Revision der biblischen Geschichte spielten. Zwischen den 70er- und 80er-Jahren verlief die Revolution gleichmäßig. Die Ergebnisse von Jerusalemer Ausgrabungen warfen Zweifel an einer großen Stadt und einem vereinigten Königreich unter David und Salomon auf. Die Spuren des 10. Jahrhunderts erlaubten es, nicht mehr als ein kleines bedeutungsloses Dorf zu rekonstruieren. Die Untersuchungen der Regionen aus den biblischen Geschichten haben den Wissenschaftlern erlaubt, sich von der zwingenden traditionellen biblischen Archäologie zu befreien. Die Bibel hatte sie ermuntert, die bergige Region zu erforschen. Das Ergebnis war eine Distanzierung gegenüber einer naiven Lektüre von Texten als historische Quelle. Es war nicht einfach, diese neuen Muster der israelischen Gesellschaft nahezubringen. Ein Großteil der Bevölkerung bezeichnet sich übrigens als traditionell. Paradoxerweise hat die ultra-orthodoxe Bevölkerung nie versucht, eine Position der Archäologie oder der biblischen Forschung gegenüber einzunehmen. Aus ihrer Sicht ist alles verständlich. Mit ihnen gibt es keine Debatten. Für den religiös-nationalen Teil allerdings sind die neuen Paradigmen inakzeptabel, denn für sie ist die Bibel das Fundament einer politisch-religiösen Ideologie. Die Israelis, die bereit sind zuzuhören, zu verstehen und zu akzeptieren, finden sich in einer kultivierten Öffentlichkeit, oft jung, laizistisch, aber an die kulturellen, sozialen und menschlichen Werte der Bibel gebunden.

Der Autor ist der Direktor des Archäologischen Instituts der Universität von Tel Aviv.

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