Walser

Besuch vom alten Widersacher

von Daniela Breitbart
und Tobias Kühn

Hintertüren sind manchmal heimliche Hauptportale. Frankfurt am Main, vergangenen Mittwochabend. Eine schwarze Limousine fährt am Hintereingang der Paulskirche vor. Der Wagen hält, die Tür zum Fond wird aufgerissen. Die wartenden Journalisten gehen in Stellung. Doch es erscheint nicht der, auf den sie warten, sondern eine alte Dame: Theofila Reich-Ranicki. Dann öffnet sich die Beifahrertür und Marcel Reich-Ranicki tritt hinzu. Die Journalisten munkeln: Das könne ein Anzeichen dafür sein, dass Martin Walser doch kommt. Das Jüdische Museum Frankfurt hatte den Schriftsteller – wie andere, mit denen für die Ignatz-Bubis-Ausstellung Interviews geführt worden waren – höflichkeitshalber zur Eröffnung eingeladen. Überraschenderweise hatte Walser zugesagt. Einige Wochen später ließ er allerdings die Presse wissen, dass er doch nicht kommen werde – bis schließlich zwei Tage vor dem Termin dpa meldete, Walser wolle sich die Ausstellung doch anschauen. Und so liegen die Journalisten auf der Lauer. Warten auf Walser.
Bubis, Walser und die Paulskirche: Das ist deutsche Nachkriegsgeschichte. Am 11. Oktober 1998 erhielt Martin Walser den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In seiner Dankesrede nahm er unter anderem die deutsche Vergangenheitsbewältigung ins Visier. Er sprach von der »Instrumentalisierung unserer Schande« und der »Moralkeule Auschwitz«. Das Publikum reagierte mit Ovationen, fast alle erhoben sich. Ignatz Bubis und seine Ehefrau Ida blieben erschüttert sitzen.
Nun also wieder: Bubis, Walser und die Paulskirche. Als die festliche Ausstellungseröffnung am Mittwochabend beginnt, steht fest: Walser kommt nicht. Aber auch wenn der Schriftsteller an diesem Abend in der Paulskirche nicht anwesend ist, so ist er doch präsent. Und das umso mehr, als die Festredner seinen Namen nicht aussprechen. Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, erinnert daran, dass die Juden in Deutschland 1998 »zu Störenfrieden einer nationalen Normalität degradiert werden« sollten. Von wem, sagt sie nicht. Ihr Stellvertreter Salomon Korn spricht von »Bubis’ Enttäuschung über die deutschen Eliten nach der am 11. Oktober 1998 gehaltenen sogenannten Sonntagsrede«. Wer sie gehalten hat – kein Wort. Auch der Historiker Dan Diner erwähnt in seiner Ansprache ein »Ereignis hier in diesen Hallen am 11. Oktober 1998«, eine »damals gehaltene Rede« und Worte »aus dem Munde des Dichters«.
Walser, der Namenlose. Nicht im Raum und doch da.
Am nächsten Tag im Jüdischen Museum. Die Ausstellung ist ab 10 Uhr für das Publikum geöffnet. Die Presse hat das Warten auf Walser noch nicht aufgegeben, im Foyer lungert ein Häuflein Journalisten herum. Dann, um 15.13 Uhr, geht die Tür auf, und tatsächlich: Martin Walser kommt herein. Er ist nicht allein, drei Personen begleiten ihn. Der Schriftsteller betritt mit fast zögernden Schritten und suchendem Blick den Vorraum des Museums, als wüsste er nicht, ob er hier richtig sei. Oder als ob er sich wünschte, nicht hergekommen zu sein. Er sieht die Journalisten, wendet sich ab und durchquert schnell den Raum bis zur Garderobe, hängt seinen Trenchcoat an einen Haken, setzt seinen Hut ab und fährt sich kurz durch das grauweiß melierte, streng zurückgekämmte Haar. Dann blickt er hinter sich, als ob er sich des Beistands seiner Begleiter vergewissern wollte, und die kleine Gruppe setzt sich in Bewegung, in Richtung der Ausstellungsräume, gefolgt von einigen Journalisten. Plötzlich dreht sich einer der Begleiter um: »Jetzt haben Sie den ganzen Tag gewartet.« Was der hoch aufgeschossene, gut aussehende junge Mann meint, ist: umsonst gewartet. Weil der, auf den alle gewartet haben, hier keine Öffentlichkeit will, die Journalisten mit einer Geste abwehrt, als wolle er eine Fliege verscheuchen, sich von seinen Begleitern umringen lässt, damit ihm keiner zu nahe kommen kann. »Kein Interview, kein Statement, keine Fotos«, weist der junge Mann die Presse an. Also kein Wort darüber, warum Walser erschienen ist. Über die Motive, die den Schriftsteller in die Ausstellung geführt haben, darf weiter spekuliert werden.
Walser reiht sich ein in eine Besuchergruppe, die den Erklärungen eines Museumsmitarbeiters zuhört. Bewegungslos steht er da, den Blick starr nach vorn gerichtet, die Hände auf dem Rücken. Eine kurze Weile bleibt er so stehen, dann dreht er sich zur Seite, nickt fast unmerklich und folgt seinen Begleitern, die zielstrebig den Raum ansteuern, der dem Konflikt zwischen Walser und Bubis gewidmet ist. Der Schriftsteller bleibt dicht vor dem großen Monitor stehen, der Ausschnitte aus seiner Paulskirchenrede und die Reaktionen von Ignatz Bubis, Salomon Korn, Michel Friedman und Micha Brumlik zeigt. Aufmerksam folgt Walser dem Geschehen auf dem Schirm. Wird der Ton leiser, geht er ganz dicht an den Monitor heran, in leicht gebeugter Haltung, um besser hören zu können. Die Mundwinkel sind nach unten gezogen, die Augen scheinen immer tiefer in den Höhlen zu versinken. Sein Gesicht bleibt regungslos. Nicht ein Wort kommt über seine Lippen. Zwischendurch verlässt er kurz seinen Posten, um sich die anderen Schaukästen anzusehen, die die Presseberichterstattung zu der Auseinandersetzung dokumentieren. Immer wieder kehrt er jedoch zu dem TV-Monitor zurück. Schließlich erneut das kurze Nicken, wieder wechselt das Grüppchen seinen Standort, folgt der Besuchergruppe in den großen Saal, wo es unter anderem um den sogenannten Häuserkampf sowie den Konflikt um das Faßbinder-Stück Der Müll, die Stadt und der Tod geht. Wieder bleibt Walser stehen, mit unbewegter, leicht angespannter Miene, die Hände auf dem Rücken. Er wippt leicht mit den Füßen, wirft noch einen kurzen Blick in die nächstgelegenen Schaukästen, bevor er sich plötzlich umdreht und mit einem kurzen Nicken das Zeichen zum Aufbruch erteilt, nach nur 25 Minuten. Von der Ausstellung hat Walser längst nicht alles gesehen, doch offensichtlich genug. Wortlos eilt er aus den Räumen. Seine Entourage schirmt ihn vor den wartenden Journalisten ab und reicht ihm Hut und Mantel. Dem Blitzlichtgewitter kann Walser beim Hinausgehen dann doch nicht entgehen. »Das ist ja grauenvoll«, sagt einer seiner Begleiter, bevor sich die Tür hinter ihnen schließt.

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