Literaturspezial

Berührungsängste

Für diesen Kuss tut er alles. Sogar sich in einen Esel verwandeln. Dank Shakespeares Sommernachtstraum, den die Schüler aufführen, kann er endlich Lyra küssen, seine heimliche Liebe seit der ersten Klasse. Sonst bringt er nie einen Ton heraus, wenn er in ihrer Nähe ist. Doch hinter der Maske des Esels steht er zu seinen Gefühlen, und niemand lacht ihn aus.
Wer erinnert sich nicht an die erste Liebe, die so bittersüß ist, dass sie viele in Verwirrung stürzt? Lang ersehnt, begegnet sie den meisten Jugendlichen als etwas Fremdes. Wer sie nicht selbst erlebt hat, weiß kaum, wovon die Rede ist, wenn er den Erzählungen Älterer zuhört oder gar im Großen Brockhaus nachschlägt. Der erklärt »Liebe« als »menschliche Gefühlsbindung, der die rational nur unvollständig begründbare Wertbejahung eines Sub‐ jekts zugrunde liegt«. Aus einem solchen Satz spricht die Hilflosigkeit der Erwachsenen, das Phänomen Liebe in Worte zu fassen. Um wie viel komplizierter ist es, wenn ein junger Mensch das erste Mal damit in Berührung kommt.
Die israelische Autorin Nava Semel versammelt in ihrem Erzählband Liebe für Anfänger sieben kurze Geschichten über ein großes Thema. In allen geht es um junge Menschen und die erste Liebe. Da ist der namenlose Ich‐Erzähler, der sich um die Rolle des Esels bemüht, allein um dem Mädchen nahe zu sein, das in ihrer Rolle als Königin des Elfenreichs vom Esel geküsst wird. »Meine Liebe war kein plötzlicher Anfall wie Asthma oder ein Schnupfen«, reflektiert der Junge seine Gefühle. »Sie war immer da, ein Teil von mir, wie ein Arm oder ein Bein.« Doch die Erwiderungen der Geliebten sind spärlich: »Manchmal liehen wir uns gegenseitig einen Bleistift oder einen Radiergummi.« Da hilft es nur, den großen Dichter anzuflehen: »›Lieber Shakespeare‹, flüsterte ich in mein Kissen. ›Hilf mir, auch wenn du schon vierhundert Jahre tot bist.‹«

ratgeber Inneres Rufen um Hilfe scheint typisch zu sein für junge Menschen, die das erste Mal verliebt und von diesem Gefühl überfordert sind. Semel gelingt es, einfühlsam und ohne jeglichen Voyeurismus diesen Konflikt zu beschreiben. An wen soll sich ein verliebter Jugendlicher wenden? Die Eltern kommen häufig nicht infrage, denn die jungen Menschen sind dabei, sich von ihnen zu lösen.
Da kann sich glücklich schätzen, wer wie Didi in der Erzählung Ein Liebesbrief eine Großmutter hat, die bei der Suche nach den richtigen Worten an den Geliebten hilft. Allerdings hält die alte Dame nichts von Liebesbriefen, sondern empfiehlt eine SMS. »Großmutter hat im Seniorenheim einen Computerkurs für Pensionäre mit Auszeichnung bestanden und besitzt das modernste Handy, das man haben kann.« Liebesbriefe, sagt sie, seien »veraltet und von der Welt verschwunden, zusammen mit Pferden und Kutschen und Nachttöpfen«. Doch Didi sträubt sich dagegen, die Liebe per Kurzmitteilung zu erklären. Er lässt nicht locker, bis Großmutter endlich die erste Unterrichtsstunde im Liebesbriefeschreiben erteilt. Ganz unaufgeregt und beiläufig lässt die Autorin den Leser wissen, dass Didi ein Junge ist, der sich in einen Klassenkameraden verliebt hat. Man staunt, dass Semel in ihrem kleinen Band selbst der homosexuellen Liebe mit ihren besonderen Fallstricken und Anfeindungen einen Platz einräumt.

vorbilder Semel wurde 1954 in Tel Aviv geboren, bis heute lebt sie dort. Sie hat als Journalistin, Kunstkritikerin und Rundfunkproduzentin gearbeitet, Theaterstü‐cke, Romane und Erzählungen geschrieben. In Deutschland wurde sie vor allem durch ihren Roman Gerschona bekannt, der in den USA den National Jewish Book Award erhielt. Außerdem erschienen von ihr auf Deutsch der Erzählband Gläserne Facetten und das Jugendbuch Die Braut meines Bruders. Häufig setzt Semel sich in ihren literarischen Arbeiten mit dem Schicksal von Menschen auseinander, deren Eltern den Holocaust überlebt haben. In ihrem jüngsten Buch ist dies nicht der Fall, aber auch hier besticht sie mit ihrer betont einfachen Sprache, die ohne jegliches Pathos und Psychologismus auskommt.
In der Geschichte, die dem kleinen Band seinen Namen gibt, sucht der Ich‐Erzähler Tom eine Antwort auf die Frage, warum die Liebe zwischen seinen Eltern verschwunden ist. Tom, der in eine Hochbegabtenklasse geht und seinen Computer als »allerbesten Freund auf der ganzen Welt« be‐ zeichnet, ist ratlos. Verzweifelt stellt er fest, dass selbst das Internet die Frage nicht beantworten kann. Der einsame Junge vermutet, dass es ein bösartiges Virus gibt, »das das ganze Betriebssystem der Liebe zerstört«. Aus Angst davor, dass ihm das Gleiche wie seinen Eltern passieren könnte, vermeidet er es, sich dem Mädchen zu nähern, das er sehr mag. »Ich warnte mich davor, mit der Liebe anzufangen. Schließlich wusste ich bereits, wie es endete.«
Nava Semel blickt in die Seele Pubertierender. Sie zeigt die Zerrissenheit, das Leid und die Zweifel, die der Liebe und ihren schönsten Gefühlen mitunter so nahe kommen, dass sie unerträglich wird. Liebe für Anfänger ist mehr als ein Jugendbuch. Es ist ein Kompass für jeden, der selbst Kinder hat, mit Jugendlichen arbeitet – oder sich daran erinnern möchte, wie schön und schmerzhaft es war, das erste Mal verliebt zu sein.

Nava Semel: Liebe für Anfänger. Sieben Geschichten. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Jacoby & Stuart, Berlin 2010, 113 S., 14,95 €

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